Zeugnis von Franz Seraph Häglsperger über Sailer

(um 1817)

Sailer war eine kirchenväterliche Persönlichkeit. Von vielen missverstanden, von allen hochgeachtet, war er eine Säule der Kirche für seine Zeit. Ich stand Sailer sehr nahe. Ich war nicht bloß vier Jahre lang Sailers Schüler, sondern außerdem drei Jahre sein Amanuensis zu Landshut, ehe Diepenbrock nach Landshut kam. Ich schrieb vieles für den Druck bereit, was Sailer herausgab. 

Sailer war entschieden kirchlich-katholisch. Er sprach immer mit größter Achtung von allen kirchlichen Institutionen... Alles, was die Kirche anordnete, war ihm voll Geist. Er las daher auch als Professor zu Landshut täglich die Messe, und zwar schon um 5 Uhr, in der ersten Zeit bei Heilig-Geist, in den letzteren Jahren in der St. Martinskirche, und - mit welcher Andacht und Geistessammlung! Man sah ihm seine Versunkenheit in den Geist seiner heiligen Handlung an. Selbst auf seinen Reisen, sogar in protestantischen Städten, z.B. in Stuttgart, Zürich, Kassel usw., versäumte er keinen Tag, wie er selbst sagte, die Entrichtung des hl. Messopfers. Alle seine priesterlichen Verrichtungen geschahen mit hoher Würde; denn alle Leichtfertigkeit bei manchen Geistlichen war ihm durchaus zuwider. Auch sprach er von allen kirchlichen Institutionen, insbesondere vom Klosterleben und von allen kirchlichen Gebräuchen, mit hoher Achtung und suchte bei jeder Gelegenheit den Geist derselben hervorzuheben. Er betrachtete jede Form als eine Schale, die einen heiligen Kern in sich fasst, und diesen Kern suchte und wusste er stets hervorzuheben. Niemals kam ein tadelndes Wort über kirchliche Dinge aus seinem Mund. 

Wer Sailer nur aus seinen Schriften kennt, der kennt ihn nur halb. Seine Schriften scheinen vielen zu trocken, weil darin jedes Wort von Gewicht ist. Wer nur leichthin dahinliest, oder wer gewohnt ist, einen Schwall von Worten flüchtig zu lesen, ohne einen einzigen Gedanken darin zu finden, wie dies bei so vielen Schriften der Fall ist, der verliert bei Sailers Schriften leicht den Faden, wenn er nicht jedes Wort festhält; denn jedes Wort darin hat sein Gewicht und gehört zum Bau des Ganzen. 

Ganz etwas anderes war es, wenn man Sailer als Professor von der Katheder dozieren hörte. Da war jedes Wort Buchstabe und Geist zugleich, ungemein warm und kräftig vorgetragen. Die bloße Spekulation fand darin wenig Befriedigung (wie überhaupt Sailer vielleicht zu wenig Dialektiker war); denn alles hatte seine Beziehung auf den Geist des Christentums und auf das tätig-christliche Leben selbst. Er dozierte nicht, um etwa bloß zu dozieren oder um seine Gelehrsamkeit zu zeigen, wie wohl überall seine Belesenheit in der Heiligen Schrift und in den Kirchenvätern sich kundgab, sondern er dozierte mit dem sichtbaren Verlangen, auf seine Zuhörer erbauend und hebend einzuwirken. Nichts war trocken in seinem mündlichen Vortrag, sondern alles geistvoll, gewürzt mit Erzählungen aus dem Leben. Besonders liebte er Bilder und Gleichnisse. So z.B. verglich er gerne die katholische Kirche mit einer herrlichen gotischen Domkirche voll wunderbarer heiliger Statuen und Bilder. Wenn nun schon hin und wieder auf manchen heiligen Statuen sich mit der Zeit Staub ansetzte, so soll und darf man deswegen nicht die heiligen Statuen zerschlagen und auch nicht mit dem Staubbesen stürmisch hin- und herfahren, um ja an den wundervollen heiligen Gebilden nichts zu beschädigen. 

Ebenso geistreich war Sailer als Volksprediger auf der Kanzel. Darum wurden seine Universitätspredigten stets gerne von den Professoren und Studierenden gehört. Er predigte da stets die Wissenschaft der göttlichen Dinge aus dem Born der Hl. Schrift. Bei Primizen usw. predigte Sailer sehr gerne. Er machte keinen Besuch bei einem Landpfarrer, ohne dass er die Kanzel bestieg, wenn es anders möglich war, und hierzu brauchte er oft keine andere Vorbereitung als ein kurzes Gebet, sein liebevolles Herz und seine Belesenheit in der Hl. Schrift und in den Kirchenvätern. 

Sailers Charakterbild: Ein hervortretender Zug in Sailers Charakter war seine Gottinnigkeit. Wenn man ihn beten sah, ward man ergriffen von seiner Versunkenheit in die Andacht. Er betete oft lange bei geschlossenen Augen. Auch wandelte er stets unter Gottes Augen; daher erhob er sehr oft seine Gedanken zu Gott mitten unter seinen Arbeiten, selbst in Gesellschaft. Der Unterzeichnete sah ihn oft in der Gesellschaft, mitten unter dem Gespräch, wie er plötzlich die Augen schloss und innerlich mit Gott verkehrte, bis er nach einiger Zeit wieder freundlich in den Kreis der Unterhaltung zurücktrat. Dergleichen Pfeilgebete empfahl er auch uns bei jeder Gelegenheit. 

Seine Demut. Sailer sprach nie von sich selbst; alle Ruhmredigkeit war ihm von Grund der Seele zuwider. Auch sah man ihm an, wie unlieb es ihm war, wenn er von anderen gelobt wurde. Darum posaunte er es nie aus, wenn er öfters einen ehrenvollen Ruf erhielt, wie z.B. den Ruf als Universitätskanzler nach Bonn mit der Aussicht auf den erzbischöflichen Stuhl in Köln. Man konnte so etwas nur unter der Hand in Erfahrung bringen.

Seine Gemütsruhe und Geistesstärke: Niemals zeigte er sich heftig oder zornmütig in seinen Äußerungen. Bei den vielen Anfeindungen und Lästerungen, die er zu erdulden hatte, schwieg er entweder völlig oder er verteidigte sich schriftlich mit Ruhe und Milde. Unerschütterlich war in allen Dingen sein Vertrauen auf Gottes Führung. Daher stand auf seiner Petschaft die Devise: "Unter Gottes Führung."

Seine Sanftmut und Geduld waren nicht minder bemerkenswert. Benahm sich jemand unhöflich in seiner Gegenwart, so reichte er ihm gewöhnlich schweigend die Hand. 

Seine Reinheit und Gesinnung und Lauterkeit des Wandels konnten selbst seine Feinde nicht angreifen. Bei aller Liebe und Offenheit, mit der er jedermann entgegentrat, und bei aller Vertrautheit gegen seine näheren Freunde, wusste er sich immer in ehrfurchtgebietender Stellung zu erhalten. Man musste ihn als geistlichen Vater lieben und zugleich als etwas Geistiggroßes verehren.

Seine literarische Tätigkeit war ihm Bedürfnis. Täglich schrieb er mehrere Stunden. Kam jemand auf Besuch, so saß er oft schon wieder am Arbeitstisch, ehe der Abtretende die Tür erreicht hatte. Er führte auch eine ausgebreitete Korrespondenz fast in ganz Deutschland; denn er war der Vertrauensmann, der Seelenfreund für so viele. Selbst auf seinen jährlichen Reisen nahm er jederzeit eine Anzahl Bücher mit sich und arbeitete täglich allerorts einige Stunden für sich allein. Seine Erholung bestand täglich in einem Spaziergang, den er allein oder mit einem Freund machte. 

Seine Wohltätigkeit. Sailer war und blieb immer arm. Als Professor zu Landshut hatte er ohnehin nur ein Gehalt von zirka 900 Gulden, was er nun außerdem von Honorarien erhielt, das verschenkte er an arme Studierende oder verbrauchte es auf seiner Reise. Selbst als Bischof hatte er kein Geld. Von weitem her kamen stets Bittsuchende um Unterstützungen. Dass er oft betrogen wurde, ist begreiflich. Sailers Grundsatz blieb immer: "Geben ist seliger, als nehmen". Bei all seinem Wohltun wollte er aber nicht einmal die linke Hand wissen lassen, was die rechte gab. 

Sailer und Wittmann. Schon vor 46 Jahren stellten wir Alumnen öfters eine Vergleichung an zwischen Sailer und Wittmann. Beide erschienen uns als Gottesmänner; aber als Wittmanns Vorbild erkannten wir den heiligen Hieronymus; Sailers Vorbild war uns der heilige Augustinus. 

(Schiel I, 524-526)