Zeugnis von Kardinal Melchior von Diepenbrock über Sailer 

Vorbemerkung: Diepenbrock hatte sich 1817 nach einer unsteten Jugend unter dem Einfluss Sailers dem Studium der Theologie zugewandt. Er wurde sein Schüler in Landshut, später sein Sekretär in Regensburg. 1845 wurde er Fürstbischof von Breslau, 1850 Kardinal. Niemand war Sailer in den letzten Jahres seines Lebens so nahe wie Diepenbrock. Sein Zeugnis, das er über Sailer ablegt, ist daher von hohem Gewicht. 

Breslau, 6. Januar 1852

Nachdem ich in dem eben abgelaufenen Jahr zweimal ernstlich gemahnt worden bin, dass mein Mund vielleicht unvorhergesehen für immer verstummen könne, will ich diesen mir gebotenen Anlass nicht unbenützt lassen, um mein persönliches Zeugnis über Sailer, wozu ich als sein vieljähriger Hausgenosse mich für eben so berechtigt als verpflichtet halte, und ohne welches ich daher nicht aus der Welt gehen möchte, in wenigen Worten vor Gott und der Welt hier niederzulegen, und zwar nicht in poetischer Form, damit man nicht an poetische Lizenz und Übertreibung denke, sondern in schlichter Prosa, wie ein Zeugnis vor Gottes Auge...

Ein bekanntes und meistens nur zu wahres Sprichwort sagt, dass es keinen großen Mann, keinen Helden gebe für seine nächsten Hausgenossen, weil gewöhnlich die menschlichen Schwächen und Gebrechen, die dem Blick der Außenwelt sich entziehen und von dem Glanz des Ruhmes überstrahlt werden, hier durch häusliches Sichgehenlassen in ihrer Nacktheit hervortreten, und dann der große Held, nach abgeschnalltem Ehrenpanzer, wohl als ein recht kleiner Mensch erscheint. Es gibt aber - zu Gottes Lob und zur Ehre der Menschheit sei es gesagt - auch Ausnahmen von dieser Regel, und eine solch seltene Ausnahme war Sailer. Er genoss weithin durch Deutschland bei den Edelsten und Besten den wohlverdienten Ruf und Ruhm eines ausgezeichneten Lehrers, eines beredten Predigers, gelehrten Theologen, fruchtbaren Schriftstellers, erleuchteten Seelenführers, frommen Priesters und apostolischen Bischofs, kurz eines trefflichen großen Mannes; er war dies alles im hohen Grade; aber noch viel größer erschien er mir im täglichen vertrauten Umgang als Mensch, als Christ. Elf Jahre hindurch habe ich in ununterbrochenem Verkehr mit ihm gelebt, die letzten acht Jahre als sein nächster Haus- und Tischgenosse, habe ihn bei seinem sommerlichen Landaufenthalt im nahen Schloss Barbing (das ihm König Ludwig freundlich angewiesen hatte) und auf mehreren Reisen in die Schweiz und an den Rhein begleitet, habe unter seiner Leitung seinen weitausgebreiteten Briefwechsel mit den verschiedensten Menschen über die verschiedensten Verhältnisse größtenteils geführt, bin in alle seine Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen eingeweiht worden, habe ihn stündlich beobachtet in gesunden und kranken Tagen, in heitern und trüben Stunden, in Monaten der höchsten Anerkennung und wieder der bittersten Kränkung, gegenüber den verschiedensten Menschen, Großen und Kleinen, Freunden und Gegnern, Gönnern und Neidern, begeisterten Bewunderern und kalten Beobachtern und Lauschern  - und ich kann vor Gott versichern: ich habe ihn nie klein, nie sich ungleich, nie stolz oder eitel, nie gereizt, nie entmutigt, nie erzürnt oder verdrießlich, und wenn auch zuweilen tief verletzt und betrübt, doch nie außer Fassung, nie leidenschaftlich bewegt, stets seiner selbst würdig gefunden, habe ihn stets als ein Musterbild vor mir stehen sehen, an dem man sich erheben, erbauen und lernen konnte, ein Mann, ein Christ zu sein.

Aber nicht auf stoischer Unempfindlichkeit oder künstlicher Selbstabhärtung beruhte dieser seltene Gleichmut; denn nichts war Sailers fremder als dies, dessen Herz vielmehr mit den zartesten, klangvollsten Saiten der Empfindung und des Mitgefühls bespannt war. Der nie wankende Stützpunkt für seinen edlen, wahrhaft himmlischen Gleichmut lag in seinem tiefreligiösen Gemüt, dem es zur anderen, besseren Natur geworden war, was wir andere uns jedes Mal erst mühsam erkämpfen müssen, die Dinge von außen nur gemildert und ausgeglichen in dem Friedensäther einer höheren Welt auf sich einwirken zu lassen. Das alte Wort des Herrn an Abraham: "Wandle vor mir und sei vollkommen", welches im Christentum in das leichtere, aber immer noch so schwere Wort umgesetzt ist: "Wandle nach mir und nimm dein Kreuz auf dich", dieses Wort war bei Sailer Fleisch und Blut, oder vielmehr, es war sein Geist, der Atem seiner Seele geworden. Das durchscheinende Geheimnis seines inneren Lebens war die stete Gegenwart Gottes.

Dieser sein ganzes Wesen beherrschende Zug nach innen oder nach außen war aber so weit entfernt von finsterer Kopfhängerei oder asketischem Zwang, dass ich nie einen so gleichmäßig heiteren Menschen wie ihn gekannt habe. Er interessierte sich für alles, was menschenwürdig, nahm Teil an jedem unschuldigem Scherz, erzählte selbst bei Gelegenheit die heitersten Geschichten, ja, ich habe ihn beim Erzählen oder Anhören solcher manchmal bis zu Tränen lachen sehen; er machte die geistreichsten, witzigsten Bemerkungen, aber immer ohne verwundenden Stachel, immer mit liebenswürdigster Gutmütigkeit und mit einer Würde und Weihe, die jede Gemeinheit fernhielt und jeden Scherz mit dem Salz höherer Weisheit würzte. Denn auch in solchen Stunden heiterer Unterhaltung oder selbst während eines abendlichen Schach- oder Tarockspiels, wobei er gerne seine Kopfnerven ausruhen ließ von der Anstrengung des Tages, verließ ihn diese zur Natur gewordene innere Sammlung nicht; ein sanfter Blick nach oben, ein über seine Züge gleitender Innigkeitsschimmer verriet, dass sein innerer Mensch fortwährend in einer höheren Welt, in einer reineren Luft atmete, aber so fern von aller Affektation, von allem Zwang, dass niemand in seiner Nähe sich dadurch irgend beengt oder gestört fühlte. 

Auch hatte er kurze geflügelte Sprüche, die er öfter dabei leise und gleichsam unbewusst lispelte, z.B. "Der Herr ist gut und alle Wege sein", "Misericordias Domini in aeternum cantabo", "Ne projicias me a facie tua"; tausend und tausendmal habe ich diese Sprüche leise und nur wie gehaucht aus seinem lieben Munde gehört; auf der Reise im Wagen schlummerte er damit ein und wachte wieder damit auf.

Aber nicht ohne Mühe und heißen Kampf hatte er diese friedliche Höhe innerer Beschauung erklommen, die nicht quietistischer Seelenschlummer, sondern wachstes Leben, auch nicht Naturgabe, sondern wahre, einem lebendigen Temperament abgerungene Tugend war. Er selbst hat uns einen belehrenden Blick in diese seine innere Entwicklung gewährt in dem merkwürdigen Selbstbekenntnis, welcher er unter der Überschrift "Der Friede, eine Geschichte" in seinen "Erinnerungen an und für Geistes- und Gemütsverwandte" mitteilte. Er erzählte dort, wie er ... durch den dreifachen Glutofen der Gewissenszweifel, Glaubenszweifel und Seligkeitszweifel hindurchgeführt und geläutert, endlich in heiliger Furcht vor der eigenen Gebrechlichkeit und in gleich heiliger Zuversicht auf Gottes grenzenlose Erbarmung den Frieden der Gottinnigkeit errungen habe. Und unter dem Datum des 2. Jänner 1815 teilt er aus dem Tagebuch ein Selbstbekenntnis mit, welches meine obigen Wahrnehmungen erklärt und bestätigt:
"Spät, aber gewiss ist die Überzeugung in mir geboren worden, dass die lebendige Erkenntnis Christi ein stetes Gebet zu Ihm, ein treues Wandeln vor Ihm und ein lebendiges Zeugnis von Ihm sei, und dass alles weitere Licht am öftesten im Gebet zu ihm aufgehe, so wie zum Wandeln vor Ihm und zum Zeugen von Ihm gegeben werde. Darin bestätigen mich vorzüglich Theresia, Salesius, Fenelon."

Auch an äußeren Leiden, Verkennung, Lästerung und Verfolgung hatte es ihm nicht gefehlt. Er brauchte dagegen in der Regel keine andere Waffe als Schweigen und Rechttun; und nur in seltenen Fällen, wo höhere Pflicht es gebot, sprach er ein ruhiges würdiges Wort der Selbstverteidigung. Sein Wahlspruch war: Hoc est vere apostolicum, bene facere et male audire.

Dieser innere Friede und Gleichmut bewahrte ihm auch bis in sein höchstes Greisenalter ein echt jugendliche Frische an Körper und Geist; die Sonne, die sein Gemüt durchglühte, wehrte den erstarrenden Winter des Alters ab. Noch sehe ich ihn als 80-jährigen Greis seiner Gewohnheit nach auf dem Spaziergang plötzlich mit hurtigen Schritten der Gesellschaft voraneilen, dann sich freundlich lächelnd umwenden und mit erhobenem Schritt leichte Luftschwingungen machen und dabei lieblich trillern voll heiterer sonniger Lerchenlust. 

Ein Herz so weit, so voll Liebe, Treue und hilfreichem Mitgefühl wie das seine ist mir noch nicht begegnet. Rein und edel wie er durch das Leben gegangen war, kannte er doch als erfahrener Seelenarzt die tiefsten Abgründe der menschlichen Natur und alle die schrecklichen Verirrungen und Schlangenwindungen der Sünde. Gegen das Verderbnis der Zeit, gegen Ärgernis, Verführung und Gottlosigkeit eiferte er als Prediger und Schriftsteller mit apostolischem Eifer; sobald ihm aber die Verirrung in menschlicher Gestalt entgegentrat, war Mitleid und Hilfsbereitschaft seine vorherrschende Empfindung und die Richtschnur seines Handelns. "In jedem Menschen, wenn er nicht vollends verstockt ist", sagte er, "findet sich doch noch ein lichter Fleck, ein Punkt für die Empfänglichkeit für das Gute; bei diesem soll man ihn fassen und ihn zu heben suchen, dass der Lichtpunkt sich erweitere und die Finsternis allmählich verdränge. Gott, der Heilige, hat so unendlich viel Geduld mit den Sündern; sollten wir sie nicht auch haben?"

Vielen Menschen, auch in weiter Ferne, ist er durch seinen weisen Rat, den sie mündlich oder schriftlich von ihm erbaten, Arzt und Helfer geworden aus Sünde, Zweifel und Verzweiflung. Hunderte solcher Briefe sind durch meine Hände gegangen, ohne dass ich die Person kannte. 

Aber auch in leiblicher Not war er stets hilfreich, so gering auch seine Mittel. ... Wohltun war seine Freude, und er tat es gern in aller Stille. Obwohl ich seine meisten Briefe für ihn schrieb, so besorgte er doch die Geldversendungen an bedürftige Freunde und Arme am liebsten selbst und mit einer gewissen Heimlichkeit, wobei ich ihn oft überraschte. Dies geschah nicht aus Mangel an Vertrauen zu mir, seine Geldlade stand ohnehin gewöhnlich offen; sondern damit die linke Hand nicht wisse, was die rechte getan. Es kam ihm dabei auch nicht auf größere, ja für sein Einkommen recht bedeutende Opfer an; denn er rechnete auf die Vorsehung. Ich will nur ein Beispiel erzählen. Nachdem er schon mehrere Jahre Weihbischof gewesen und beschwerliche Firmungsreisen in einer unbequemen, mit zwei alten Schimmeln bespannten Lohnkutsche gemacht hatte, schlug man ihm vor, er möge doch, größerer Schonung wegen, die sein hohes Alter erfordere, sich einen bequemen Reisewagen kaufen und mit Postpferden fahren. Er ging darauf ein und legte allmählich die Summe von 800 Gulden dafür zurück, die er dann nach München zum Wagenankauf sandte. Da erhielt er bald darauf aus der italienischen Schweiz einen langen Brief von einem jungen talentvollen Mann, dessen unglücklicher Vater er ehemals gekannt und der durch die seltsamsten Schicksale aus dem fernen Osten, krank und aller Mittel bar, in ein abgelegenes Alpental war verschlagen worden und ihn nun um Hilfe in verzweifelter Not bat, damit er seinen Zweck, katholische Theologie zu studieren, erreichen könne. Sailer ließ ihm sogleich das ganze Geld von München anweisen und ihn dadurch in den Stand setzen, seine Studien in Luzern zu vollenden. Der Mann ist jetzt längst ein eifriger Arbeiter in den auswärtigen Missionen. Sailer aber machte seine Amtsreisen wieder mit dem alten Hauderer und seinen Schimmeln und scherzte heiter über den misslungenen Kutschenkauf. Ähnliches ereignete sich öfter. 

Wie durch seine Weisheit, Liebe und Milde, so bleibt er mir auch wahrhaft groß und unerreichbar durch seine himmlische, nicht zu erschöpfende Geduld und Sanftmut. Nie habe ich ihn ungeduldig gesehen, welch störendes Ereignis ihm auch plötzlich in den Weg treten mochte; vielmehr wusste er die Ungeduld anderer bei solchen Anlässen durch einen passenden Scherz zu stillen; nie unwillig, wie oft auch ich selbst - zu meiner tiefen Beschämung gestehe ich's - ihm durch Ungeduld Veranlassung gegeben. Ich war damals viele Jahre hindurch kränklich, reizbar, hypochondrisch und gar nicht immer guter Laune. Vielmals muss ich ihm dadurch recht lästig und widerwärtig geworden sein. Aber seine Liebe war nicht zu trüben, seine Geduld nicht zu ermüden. Mit dem tiefsten, innigsten Mitleid begegnete er meinem Leiden, suchte mich zu erheitern, ließ sich niemals verletzen und öffnete mir jedes Mal wieder sein weites warmes Vaterherz, so oft ich mich an dasselbe warf. Wie oft hat er mich, wenn ich ihm mein Herz und meinen Schmerz über solche Unart in der Beichte ausgeschüttet hatte, nach derselben liebreich umarmt und mit einem Kuss auf die Stirn mir gesagt: "Freund, glaube es, Gott hat uns nicht umsonst so wunderbar zusammengeführt, also Mut und Vertrauen!" Und wie gegen mich, so war er gegen jeden, der mit ihm in nähere Berührung kam, ein unerschöpflicher Born von Liebe, Güte, Langmut, Milde und weisem Rat. 

Wahrhaft erhebend war es, ihn anzublicken in heiligen Funktionen, am Altar, bei der heiligen Messe usw. Die höhere Weihe, die sein ganzes Wesen durchdrang, trat dann noch sichtbarer hervor, seine stets edlen Züge verjüngten, verschönerten sich; aus seinen Augen strahlte mildes Feuer; ein höheres Schweben klang durch die ganze gehobene, verklärte Persönlichkeit, und das alles auch wieder ohne allen Zwang und Drang, wie unbewusst, so wie der Vogel sich von der Erde erhebt und auf seinen ausgebreiteten Schwingen ruht. Dabei war er höchst genau in Beobachtung auch der kleinsten rituellen Vorschriften und verbesserte z.B. auf die sanfteste Art jedes Versehen, das ich etwa beim Aufschlagen des Messbuches im Zusammentreffen mehrerer Fest begehen mochte. Ihn beten sehen, reizte zum Gebet, wie seine ganze Erscheinung geeignet war, die Religion, die Frömmigkeit ehrwürdig und liebenswert zu machen in jedermanns Augen. 

Und dieser Mann, dessen ganzes Wesen Würde, Weihe, veredelte Natur war, er stammte, eines armen Schusters Sohn, aus einem abgelegenen bayerischen Bauerndorf. Und er, der in geistigem Verkehr mit den bedeutendsten Männern seiner Zeit und in Freundschaft mit vielen aus der vornehmsten Welt stand, blieb darum doch seinen ländlichen Verwandten der treue teilnehmende Oheim und Vetter. Alljährlich mussten einige der Seinen ihn besuchen, wenn er nicht zu ihnen kam, und er beriet sie, auch brieflich, in ihren kleinen Familienangelegenheiten, erkundigte sich auch teilnehmend nach allen Ereignissen in der Familie und im Dorf, als lebte er noch, ihresgleichen, in ihrer Mitte. Er konnte sich auf jede Bildungsstufe versetzen, mit jedem in seiner Sprache reden; denn die Liebe und eine angeborene Genialität hatten ihn gelehrt, allen alles zu werden, jeden zu verstehen und zu sich heranzuheben, der nur irgend empfänglich dafür war. Man lese den herrlichen Brief, der er über den Tod seiner Schwester, einer Dorfschullehrerin, an deren Kinder schrieb. (Hinweis: Diesen Brief finden Sie hier). 

So habe ich Sailer als Menschen gekannt und nur in dieser Beziehung wollte ich ihn hier kurz zeichnen. Sein Schaffen als Schriftsteller liegt der Welt in den 40 Bänden seiner gesammelten Werke vor, die allerdings das Gepräge seiner Zeit tragen, in denen aber ein reicher Schatz von Weisheit, Lebenserfahrung, Menschenkenntnis und gläubigem, erleuchtetem Christentum ruht. Der Mann selbst jedoch war im persönlichen Umgang - das bezeugen alle, die ihn näher gekannt - viel geistreicher und genialer, als er in seinen Schriften erscheint; er hatte es sich, wie er mir sagte, von Anfang an für seine schriftstellerischen Arbeiten zum Gesetz und Ziel gemacht, zu nützen und nicht zu glänzen, also vor allem und für alle verständlich zu sein; daher schrieb er mit breitem Kiele.

In seinen vertraulichen Briefen fasste er sich viel kürzer, epigrammatischer. Die Summe seiner Lebensweisheit und das Gesetz seiner eigenen inneren Welt hat er wohl in folgendem schon gedrucktem Brieffragment an seine edle Freundin, die fromme Prinzessin Johanna von Oettingen, am klarsten ausgesprochen:

"...Rechttun und dabei auf Gott allein trauen; zu jedem Tag in die Schule gehen und aus allem nur die eine Wahrheit lernen, die uns nie waise lässt; die Bürde des Tages mutig tragen und ohne Not kein Gewicht daran hängen, denn es hängt sich manches selber daran; für vieles links und recht blind, taub und stumm sein und doch den Sinn gerade und offen halten, um die gerade Bahn durch die Welt zu finden; zuerst in sich selber aufräumen und dann außer sich zur Herstellung des reinen Bodens Hand anlegen; den Stein, der sich in den Weg legt, heben, und wenn er sich nicht heben lässt, sehen, wie man darüber komme, ohne den Fuß daran zu stoßen; sich von Herzen mitfreuen, wo Freude Einkehr nimmt, und wenn es geweint sein muss, hinter den Tränen zum Himmel durchblicken; den Sturm draußen tosen lassen, bis er ausgetost hat - und ihn nicht hereinlassen; im Freien gern umherwallen, damit sich keine Verhärtung im Eingeweide (des Leibes und des Geistes) ansetze; und dann im Kabinett ein Privatissimum halten mit sich und mit Einem, der ohne Zunge spricht, ohne Augen sieht, ohne Arm festhält und ohne Herz liebt; einfach mit den Einfachen, klug mit dem Vielfachen, offen mit Guten und vorsichtig mit Füchsen umgehen; kein Körnchen Weihrauch für die Großen opfern lassen; selbst keine Dornen säen und den Stich nicht achten von denen, die andere gesät haben. Almosen geben den Christen, Juden und Heiden - und mit Paulus den Herrn Jesus liebhaben. - Dies alles treu tun und sich auf dies alles nichts zugute halten und noch obendrein an die Brust anschlagen, möchte wohl die beste Weisheit auf Erden sein; die beste im Himmel, lehre Sie der Himmel selber!" 

Er starb, wie er gelebt hatte, einschlummernd im Gefühl der Gegenwart Gottes, am 20. Mai 1832, umgeben von liebenden Verwandten und Freunden, unter denen der als Arzt und als tiefer Kenner der alten Kirchenmusik gleich ausgezeichnete Kanonikus Dr. Proske aus Schlesien ihm schon seit mehreren Jahren die sorgfältigste ärztliche Pflege gewidmet hat. Aus den Händen seines ehrwürdigen Freundes, des Weihbischofs Wittmann, hatte er wenige Tage zuvor im Beisein der ganzen Domgeistlichkeit nochmals die heiligen Sakramente der Sterbenden mit inniger Andacht empfangen und dann mit rührenden Worten die Sorge für sein Bistum in Wittmanns treue Hände niedergelegt, der auch vom König Ludwig bald darauf an Sailers Grab zu dessen Nachfolger ernannt wurde, jedoch den bischöflichen Stuhl, wie er es bestimmt vorhergesagt hatte, wirklich nicht bestieg, sondern schon nach neun Monaten ihm in die Gruft folgte, noch bevor seine Ernennung in Rom bestätigt wurde, was durch einen zufälligen Formfehler verzögert worden war, damit Wort und Gebet des demütigen Mannes in Erfüllung gehen müsse. 

Beider Gräber, so wie auch das des zweiten würdigen Nachfolgers Sailers, des Bischofs Schwäbl, sind im herrlichen Regensburger Dom mit würdigen Denkmalen bezeichnet. 

Melchior, Kardinal und Fürstbischof

(Schiel I, 729-735)