Weitere Gedichte

Mein Leben

Wie so rein und helle
rieselt diese Quelle
durch des Tales Grün!
Süße Blumendüfte
weh'n wie Edenslüfte
über ihr dahin.

Zwar der Strom entschwillet,
brauset, schäumet, wühlet
groß und fürchterlich;
bricht die Schleußen alle,
wälzt im wilden Schwalle
Felsen fort mit sich.

Möcht' ich wohl auf Erden
gleich dem Strome werden,
groß und furchtbar? - Rinn,
Leben, rein und helle, 
so wie diese Quelle,
und so sanft dahin!

 

Der Menschenfreund

Groß ist mir des Menschen Bild, 
dessen Seele sanft und mild,
bei des Bruders Freud' und Leid'
sich harmonisch härmt und freut.

Der, wenn Zwist und Irrungen
zu der Menschheit Weh' entfleh'n,
mitten steht und offen spricht:
"Hasse deinen Bruder nicht:

Mag's Türk' oder Heide sein,
er ist ein Mensch, und über ihn
lässt Gott täglich Sonnenschein
hin von Ost bis Westen zieh'n;

lässt ihm blühen Reb' und Au,
tränkt sein Feld mit Segentau;
tut ihm alles Gutes - nun 
solltest du ihm Böses tun?"

 

Der Krieg 1778

Die Ruhe flieht, und Mars erwacht,
und bricht mit aller Kriegesmacht,
wie düsteres Gewölk, auf uns herein;
der Landmann und der Bürger bebt,
weil ihm, was kommende Gewitter dräu'n,
schon alles jetzt vor Augen schwebt.

Schon sieht er Menschenheer', als wär' es Vieh, 
zum Schlachten hingeführt, wenn sie
mit Bomben, Stücken, Streitgewehr
und anderm Todeswerkzeug mehr
wild rasend sich entgegen geh'n;
indes die Mutter und die Braut
von Schmerz gegrämt und weinend laut,
zum Himmel um des Kriegers Leben fleh'n.

Er sieht Verheerung, wo das Feu'r
des Krieges hinfrisst, sieht des Lasters Ungeheu'r,
das in der tiefsten Hölle sonst bewacht,
und stark gefesselt lag, auf einmal losgemacht,
nun mit unsel'gem Flug' von einem Reich
sich hin in's and're schwingt,
und Seuche-schwangern Lüften gleich,
mit sich Tod und Verderben bringt.

...

C. Ein paar unausgearbeitete Erzählungen

Der neue Gesang

Ein Gänslein voll Genie ersann,
vielleicht auf einer Reise,
zu schnattern neue Weise.
Zu schnattern? Was liegt da daran,
so oder anders? Doch gefiel
den alten Gänsen ungemein
das neue Schnattern, alle schrei'n:
"Das Bürschlein weiß gewaltig viel!"

Das Gänslein blähte sich darob,
und dachte schon darauf, mehr Lob
sich zu verdienen in der Welt,
und geht hinaus in's weite Feld,
wo eben sich kein Lüftchen regt,
und nicht ein Laut das Echo weckt.

Der Umstand scheint dem Gänslein gut,
und machet ihm noch neuen Mut
zu schnattern, wie nun (dem Geschicke
sei es gedankt!) durch ihn
es jetzt der Erde glücke,
zu lernen neue Melodien.
Der Vögelchor versammelt sich,
das Gänslein hoffet sicherlich
noch weit mehr Ehre, als zu Haus - 

man pfeift den dummen Schnatt'rer aus.

(WW 38,78-95)

 

Der Liebenswürdigste

(nach dem lateinischen Hymnus des heiligen Bernards)

1. Schon Deines Namens Süßigkeit
ist Honig, der das Herz erfreut:
noch süßer bist Du, Jesus Christ, 
der Seele, die Dich selbst genießt.

2. So lieblich tönet kein Gesang,
so lieblich keiner Harfe Klang,
und alles, was man herrlich nennt,
ist nichts für den, der Jesum kennt.

3. Ein tränend Auge suchet Dich,
ein liebend Auge findet Dich;
Du lohnst den Sucher seine Pein;
was musst Du erst dem Finder sein?

4. Du sendest Licht in unsre Brust,
Du schaffst dem Herzen Gottes Lust:
Erfreuender, als alle Freud',
ist Deiner Liebe Lieblichkeit.

5. Nein, keine Zunge spricht's genug,
noch schildert es ein Federzug - 
nur der's erfahren, weiß allein, 
wie gut es sei, eins mit Dir sein.

6. Dich will ich suchen fort und fort,
jetzt in des Herzens stillstem Ort,
jetzt unter vieler Menschenschar,
jetzt, wo kein Mensch noch sichtbar war.

7. Vom frühen Morgen suche ich
im Garten, wie Maria, Dich;
dann träufelt auf Dein Felsengrab
wohl manche stille Trän' herab.

8. Rabbuni, ruft mein Herz, bis mich
Dein Wort erfreut: Sieh, hier bin Ich!
Dann stürz', entzückt, ich vor Dir hin,
und halte Dich, so lang ich bin.

9. Und halte Dich, der für uns starb,
und Heil und Leben uns erwarb,
jetzt über Tod und Moder schwebt,
und für uns noch im Himmel lebt.

10. "Ach! Bleib bei uns, Du guter Herr!
Verlass uns nicht, Du Freundlicher!
Der Zeiten Abend dringt herein: 
Wir können ohne Licht nicht sein."

11. Kommst Du in's Herz, der Morgen bricht
mit Dir herein, und Mittagslicht
scheint, wo Du bleibst, uns hell und klar, 
macht Deine Liebe offenbar:

12. "Er liebt auch uns, und seine Lieb'
ist grenzenlos; sein Herzenstrieb
ist himmlisch-schön und göttlich-rein: 
Er kann ohn' uns nicht selig sein."

13. "Drum floss für uns sein teures Blut; 
drum ließ Er sich der Feinde Wut;
drum kauft' Er uns von Sünde los,
und öffnet uns des Vaters Schoß."

14. Erkennt es doch, wie Er geliebt, 
und fühlt's, was seine Liebe gibt!
Erkennt es doch, und liebet Ihn
mit Dankgefühl und treuem Sinn.

15. Nur treuer Sinn und Dankgefühl, 
nur Liebe ist's, was Jesus will: 
"Es sollen Liebesflammen weh'n:
Die Liebe will nur Liebe seh'n."

16. O Du, der alles Sehnen stillt, 
aus dessen Tode Leben quillt,
still dieses Sehnen auch, und gib
auch mir ein Übermaß von Lieb'. - 

17. Ein neues Herz gib mir, das Dich
nur meint, Dich liebet ewiglich, 
auf Dich im finstern Lande schaut,
auf Deine Hilf' allein vertraut'!

18. Mich Armen!, für Dein Lob zu klein, 
zu voll von Dir, um still zu sein, 
was soll ich tun? Im Herz und Sinn
ist Liebe nur, und macht mich kühn. - 

19. Die Zunge spricht, was ihr gebeut
der Seele höchste Seligkeit.
Die Liebe flammt, die Funken sprüh'n, 
die Seele brennt, die Worte glüh'n.

20. "Wer von Dir isst, den hungert noch; 
wer von Dir trinkt, den dürstet noch:
doch hungert ihn allein nach Dir, 
doch dürstet ihn allein nach Dir."

21. Die Liebe ist, ohn' Überdruss,
dem Liebenden nichts als Genuss,
und aus Genuss wird neuer Drang
nach Dir, und neuer Lobgesang:

22. "Wann kommt mir denn dein göttlich Reich,
und machet mich den Engeln gleich,
so hell und mild und rein, wie Du,
und voll von Gott - in Himmelsruh!"

23. Sie kommt, sie kommt die Himmelsruh',
und strömt, mit Gottes Kraft, mir zu - 
sie kommt, sie kommt in Jesu Christ,
der "unser aller Heiland" ist. 

(WW 26,271-274)

 

Dich, Gott, verkündet die Natur.
Was lebt und schwebt, trägt deine Spur.
"Wir haben uns nicht selbst gemacht!"
Das ruft des Himmels stille Pracht;
das ruft das ganze Erdenrund;
das tun der Tag, die Nacht uns kund.
Die Blumen, schön geschmückt wie Salomo,
der Vögelchor, bei seinem Liede froh,
das Pferd, der treue Hund, das Wollenlamm
und alle Tiere, klein, groß, wild und zahm,
der Wein mit seiner edlen Kraft,
das Obst mit dem Gesundheitssaft,
das reife Korn, der Erde Segen,
das Licht, dem alles Auge harrt,
der Lebensluft Allgegenwart,
Blitz, Donner, Reife, Schnee und Regen,
Mond, Sonne und der Sterne Heer,
die Flüsse, Brunnen, Quell und Meer,
der Berg, das Tal, der Wald, das Feld,
und alle Welt, und alle Welt,
selbst auch mein Leib, erbaut, o Gott!, von dir,
und jedes Glied und Sinn und Nerv an mir,
Haupt, Aug und Ohr, und Mund und Hand,
die ich zu Dir erhebe,
die Haut so künstlich ausgespannt,
der Adern sein Gewebe,
verkündet Deinen Ruhm und Deine Güte,
und hebt zu Dir das staunende Gemüte.
"O Menschen, brauchet uns zu Gottes Ehre! 
Erkennt und liebt und ehrt und preiset Ihn
mit frohem Wandel und mit reinem Sinn - 
das ist sein Will' und seiner Schöpfung Lehre!"

(WW 26,40-41)