Sprichwörter

Dem Studium der Sprichwörter hat Sailer viel Zeit gewidmet. Sailer ordnete diese und versah sie mit kurzen Überschriften, teils auch mit kurzen Betrachtungen über ihren Ursprung.

Im Folgenden folgt eine Auswahl seiner reichen Sammlung (stark gekürzt und in geringer Auswahl)

Naturkunde

Die deutschen Sprichwörter sind treffliche Naturphilosophen...

Sie kennen die Übermacht der Natur:
- Die Natur zieht härter, denn sieben Ochsen.
- Die Natur weiß ihre Ware wohl zu verkaufen.
- Die Natur ist Meister.
- Der Frosch hüpft wieder in den Pfuhl, wenn er auch säß auf gold'nem Stuhl.
- Das Unkraut will vom Garten nicht.

Sie kennen das Gesetz des Werdens:
- Man liest keine Feigen von Dornhecken.
- Bös Vogel, bös Ei.

Sie kennen die Eigenschaften und Grenzen der Natur:
- Jeder Vogel singt seinen Gesang.
- Ein Hahn hat so viel Flügel als ein Falk, und kann doch nicht so hoch fliegen.
- Eine Kuh kann nicht auf den Baum springen wie ein Eichhorn.
- Ein Ochs kann auch auf vier Füßen laufen wie ein Hirsch, aber nicht so schnell.
- Der Apfel fällt nicht weit vom Baum.

Sie kennen das Gesetz der frühen Bildung:
- Es krümmt sich bald, was ein Hacke werden will.
- Was eine Rose werden will, das blühet bald.
- Das Bäumlein, das gerade wachsen will, senkt sich nicht zu Boden.

Sie kennen das Gesetz des Vergehens, des Todes:
- Für den Tod ist kein Kraut gewachsen.
- Im Holz wachsen Würmer, die es fressen.
- In der Wiege liegt das Grab.

Sie kennen das Verhältnis der Natur zu Bildung, zur Kunst:
- Die Natur bringt gutes Gold, die Kunst macht falsches.
- Die Natur muss den ersten Stein legen.
- Was einer ist, das kann man aus ihm machen.
- Was ein Mensch nicht ist, das kann man aus ihm nicht herauskriegen.
- Es ist ein böser Brunn, darein man erst Wasser tragen muss.

Die deutschen Sprichwörter kennen Freud und Leid:
- Jede Freude hat ein Leid auf dem Rücken.
- Freud und Leid sind einander zur Ehe gegeben.

Sie sind gute Naturpropheten, denn sie weissagen richtig die Folgen der Dinge:
Folgen guter Tage:
- Es müssen starke Beine sein, die gute Tage tragen können.
- Gute Tage stehen das Herz.
- Wenn dem Esel zu wohl ist, so geht er auf's Eis tanzen, und bricht sich ein Bein.

Folgen des Müßiggangs:
- Müßiggehen verderbt den Leib, wie der Rost das Eisen.
- Müßiggang hat Armut im Gefolge.
- Müßiggang macht endlich faul und stinkend.
- Müßiggang hat bösen Ausgang.

Folgen des Unglaubens:
- Wer nicht will glauben, muss am Ende fühlen.

(WW 40,95-104)

Sprichwörter, die das Christentum voraussetzen

1. Respekt vor Gottes Wort
- Ein Wort Gottes ist größer als drei Welten.
- Es lässt sich mit Gottes Wort nicht stückeln, noch flicken.
- Gottes Wort, das beste Saitenspiel.
- Es ist nicht alle Rede ein Evangelium.

2. Gottes Wort und Glaube
- Wort und Glaube sind zur Ehe zusammen gegeben: keines soll sich von dem anderen scheiden lassen.

3. Adelsbrief des Christen
- Christen werden nicht geboren, sondern wiedergeboren.

4. Predigt
- Gute Exempel, halbe Predigt.
- Predigt hören säumet nicht, Almosengeben armet nicht, unrecht Gut wuchert nicht, Gottes Wort trüget nicht!

5. Prediger, die Gutes lehren, Böses tun.
- Die Zimmerleute bauen gute Archen für Wenige: aber sie selber ertrinken lieber mit den Vielen.

6. Das Reich Gottes
- Das Reich Gottes hält nicht Pauker und Geiger (kommt ohne Geräusch, und geht still, wie die Natur).
- Mit Leib, Blut und Gut sitzt man in des Kaisers Reich; mit Glaub und Gewissen in Gottes Reich.

7. Christengebet
- Der Gläubigen Vaterunser und heiße Tränen sind wohl zu fürchten.
- Das Gebet des Christen ist eine allmächtige Kaiserin.

8. Almosengeben und das Feld bauen
- Gott und seiner Erde ist gut auf Wucher leihen: sie zahlen reichlich.

10. Amen, das Lieblingswort Christi
- Amen ist des lieben Gottes großes Siegel.

11. Der große Sabbat
- Gott versalzt uns dieses Leben, dass wir uns nach dem heiligen Feierabend sehnen.

(WW 40,145-148)