Sprüche mit Glossen

Zur Unterhaltung für die Edlen im Lande

1. Auch auf Heerstraßen lagert sich die Wahrheit.
Drum sieht sie so zertreten aus.

6. Wer überall zu Hause sein will, ist es nirgends.
Sein Fuß will Flügel sein, das er nicht kann, und tut eben deswegen nirgends einen festen Tritt, was er kann und soll.

7. Es gibt einen Tiefsinn, der daneben gräbt.
Und eine Einfalt, die den Himmel erobert.

10. Großmut kennen, und Großmut haben, sind zwei Sonnen, eine gemalte, und die leuchtende.
So viele gemalte Sonnen, und nur eine leuchtende in der Welt!

12. Zähle die Taten, nicht die Reden.
Zähle die Taten nicht, sondern wäge sie.

18. Lesen macht den Aufmerksamen wissend, Tun den Wisser weise, Weisheit den Täter gottgefällig, Gottgefälligkeit den Weisen gottselig.
D'rum bringe du alle Vier unter Einheit - aber nicht auf dem Papier, sondern in dir selbst.

19. Die Himmelsleiter hat sieben Sprossen: Hören, Glauben, Lieben, Tun, Leiden, Streiten, Siegen - bis zum Triumphieren.
Denn, wenn der Sieg Triumph wird, dann bedürfen wir der Leiter nicht mehr.

20. Die wahre Weisheit ist in Gott, kommt von Gott, führt zu Gott, ruht in Gott. 
Darum macht sie auch lauter Gottesfreunde, und wo sie einkehrt, da hat Gott Herberge genommen.

22. Der gemeinste Beweis von Brot und Futter ist der Hunger in allen tierischen Naturen.
Vom Dasein Gottes, der Hunger in allen redlichen Gemütern nach Ihm.

35. Das Leere, das auch die höchsten Freuden der Erde zurücklassen, beweist am meisten wider den Wert dieser Freuden.
Und am meisten für den Adel des menschlichen Geistes. 

39. Wer selbst nur auf dem Pfad des Wissens wandelt, kann nicht wohl auf die Pfade des Tuns leiten.
Denn selbst getäuscht, täuscht er auch andere.

44. Wir sind hier, um zu werden, nicht, um zu sein.
Denn wachsen heißt werden, und genießen heißt sein, vollendet sein.

47. Gott die Ehre, dem Nachbar Hilfe.
Und dem Freund das Herz.

50. Der Weise hat nur drei Worte:
Was hernach?, wenn überlegt werden soll.
Jetzt, nicht hernach! - wenn etwas getan werden soll;
Nur vorwärts! - wenn es getan ist.
Und diese drei Worte sind bei dem Weisen nicht Worte, sondern Taten; denn Worte sprechen kann auch der Tor.

51. Richte dir täglich dein Sterbekissen zurecht.
Durch Rechttun und Zuversicht auf die unsterbliche Liebe.

52. Buchstaben-Angst ist nicht aus Gott.
Denn Gott ist ein Geist, und sucht Anbeter, die ihn ohne Angst im Geist anbeten; ist die Liebe, und sucht freie und freudige Geber.

53. Die Sünde der Philosophen ist die Sünde, sich Ideale zu schaffen.
Und im Brüten über die Ideale keine Wahrheit gelten zu lassen, als die sie selbst aus dem Ei des regierenden Ideals ausgebrütet haben.

57. Gott ist, wo Er wirkt, der Menschengeist, wo er liebt.
Die Liebe gibt uns also auch eine Art Allgegenwart.

58. Gib Gott das Gute, der Hölle das Böse zurück.
Jenes durch Dank, dieses durch Widerstand.

61. Not und Gott tun lauter große Dinge.
Gott tut große Dinge durch die Not und durch sich. Durch die Not, indem Er seine Hilfe anbahnt; durch sich, indem Er Hilfe schafft. 

66. Wen nur Fleisch und Blut zur Ehe treibt, der ehelicht auch gleich die Reue mit.
Und das, was er mitehelicht, währt meistens so lange, als die Ehe selbst. 

69. Jedes Leiden ist eine Leiter zum Himmelansteigen, denn sie reicht wirklich von der Erde, auf der es geboren wurde, bis zum Himmel, in dessen Segnungen es sich verliert. 
Gern zöge uns der Vater zu sich, aber der Fünf-Sinnen-Mensch sieht in dem Leiden nur die Geißel, und sieht vor lauter Geißelfurcht die Leiter nicht.

70. Wenige folgen dem Herrn nach bis an den Ölberg, noch wenigere bis auf Golgotha, die wenigsten sterben mit Ihm am Kreuz.
Die wahre Geschichte des Christentums in drei Abschnitten.

(WW 40,315-334)