Sprüche der Weisen, deutsch und lateinisch

Zur Übung der Studierenden in Sprach- und Sachkenntnissen. Gewidmet dem blühenden Alter, (denn, was der Knabe lernt, das ahnt der Jüngling, und versteht einst der Mann, und übt der bessere Mensch) und aus dem blühenden Chor denen besonders, die mit besonderem Eifer nach Frömmigkeit, Tugend und Wissenschaft ringen. 

Vorwort
Wahr, klar und brauchbar, liebe Jünglinge, sind die Sprüche der Weisheit, die ich, zur Übung eures Fleißes nicht so fast gesammelt, als nur ausgewählt habe. Die Achtung für eure Unschuld und die Sorge für eure künftige Bestimmung haben mich in der Auswahl geleitet. 
Die schönsten Sprüche sind aus der heiligen Religion, alle aus der Wahrheit genommen. ... Wohl mir, wenn ihr auch aus dieser Sammlung noch besser einsehen lernt, was euch eure Lehrer immer und immer einschärfen werden, dass Schamhaftigkeit, Sittsamkeit, Stillesein, Wahrhaftigkeit, Arbeitslust, Gehorsam, Lernbegierde, Unschuld - und Freude am Gebet - die schönsten Blüten eures blühenden Alters sind. Der Herr des Gartens erhalte und segne diese Blüten - dass sie einst die schönsten Früchte bringen, an denen sich eure Mitwelt labe, und die am großen Erntetag und in der Ewigkeit noch die Lust aller Guten sein werden! Amen. ...

A. (Folgende lateinische Sprüche sind von Abt Janus Anisius verfasst, die deutsche Übersetzung stammt von Simon Roth aus dem Jahr 1506; Sailer sammelte diese lediglich)

1. Id disce, quod te faciat meliorem in dies.
Das lern' und tu vor allem, 
was gut dich macht, und täglich besser.

3. Virtute nihil propius Deo: hac coelo est iter.
Die Tugend ist das Göttlichste nach Gott - 
ein Strahl aus Ihm,
die Bahn zu Ihm.

8. Nimius sui amor, radix malorum est omnium.
Entwurzle du die Eigenliebe: 
Dann liegt der ganze Sündenbaum zu Boden. 

16. Cupis esse beatus? Sustine, abstine.
Zu Freuden führt das Leiden,
das Missen zum Genießen.

D. (Die lateinischen Sprüche stammen von dem heiligen Martini Bracarensis und wurden in München im Jahr 1639 gedruckt. Die Übersetzung stammt von Sailer).

8. Non quam multis placeas, sed ut optimis, vide.
Frage nie: gefalle ich den Vielen, sondern immer: gefallen ich den Besten?

12. Quid dulcius quam habere amicum, cum quo audeas ut tecum, de omnibus loqui?
Mit wem du von allen Dingen so freimütig reden kannst, wie mit dir selbst, der ist dein Freund - und was ist lieblicher, als einen solchen Freund zu haben? 

15. Pacem cum hominibus, bellum cum vitiis.
Friede - mit Menschen,
Krieg - mit Lastern.

16. Quae sunt maximae divitiae? Non desiderare divitias.
Der größte Reichtum des Menschen - ist das Gemüt, das groß genug ist, keinen Reichtum zu verlangen.

18. Quid est, dare beneficium? Deum imitari.
Was heißt wohltun? - Gott nachahmen.

20. Cunctis esto benignus, nemini blandus, paucis familiaris, omnibus aequus.
Sei gütig gegen jedermann, schmeichlerisch gegen niemand, vertraut mit wenigen, gerecht und billig gegen alle. 

22. Locum tenet innocentiae proximum confessio.
Der Unschuld gebührt die erste Stelle; der Demut, die ihre Schuld bekennt, die zweite. 

23. Quidquid dicturus es, antequam aliis, dixeris tibi.
Rede zuerst mit dir selbst, ehe du mit anderen zu reden beginnst. 

(WW 40,257-276. 311-314)