Sei ein Engel Gottes an Deinesgleichen

(Rede zunächst an Jünglinge, die Universitäten oder andere Lehranstalten besuchen; und an jeden anderen Christen)

Gehalten am Engelfest 1801

Christus von den Kleinen: Ihre Engel sehen das Angesicht meines Vaters.

Unter den Lehren, die unser Herr Jesus Christus von dem Himmel mit auf die Erde gebracht hat, ist auch die: "Liebe Menschen! Ihr seid nicht die einzigen Kinder Gottes: euer Vater hat noch andere Kinder, die sein Angesicht sehen; sie gehören mit euch zu seinem Hause; sind heilig und selig, wie euer Vater; lieben, was er liebt, das Gute, hassen, was er hasst, das Böse, und haben ihre ganze Freude daran, dass sie seinen Willen tun, und seine Hausgenossen sind; tragen zwar keinen so groben Erdenrock, wie ihr, freuen sich aber doch, wenn sich die Bösen unter euch bessern, und tun gern Botendienste, wenn es euer Heil betrifft; vor allem haben sie die Kinder lieb - den Teil der Menschen, der noch am wenigsten verdorben ist, und tragen sie gleichsam auf den Händen; sind Wächter der Unschuld, sind Kinderfreunde - sind eure ungesehene Nachbarn, und möchten euch alle gern heilig und selig haben, wie sie selber sind."

Diese Lehre erhebt den Menschen - er fühlt den Wert seiner Seele auf ein Neues: "Ich bin nach Gottes Bild geschaffen wie die Engel, spricht er - bin der Engelsorge anvertraut: Große unsterbliche Wesen sind mit mir verwandt: ich gehöre in den Chor der Engel - dem Geist nach, obgleich ich dem Leibe nach ein Geselle des Tieres bin." 

Engel, heilige, unsterbliche Wesen sind mein Vorbild: wie sie den Willen Gottes erfüllen, so soll auch ich weiter nichts als Gottes Willen tun. Vater! Dein Wille werde vollbracht auf Erden von den Menschen, wie ihn im Himmel die Engel vollbringen. So lehrte mich der Sohn des Hauses beten. Ihr Beruf ist der meine: sie sind Diener Gottes zum Besten der Menschen; auch ich kann, auch ich soll Mitarbeiter Gottes am Heil meiner Mitmenschen sein. 

Jedem Menschen ist gesagt: sei ein Engel Gottes an Deinesgleichen; und für jeden Menschen ist es gesagt: sei ein Engel Gottes an jedem Menschen, dem du Engelsdienste tun kannst: Das sei unsere Betrachtung an dem Engelfeste. Jedem ist es gesagt, und für jeden: sei Gottes Engel an ihm!

1. 

Jedem Menschen ist es gesagt: Sei ein Engel Gottes an Deinesgleichen. Denn jeder Mensch hat den Auftrag von dem himmlischen Vater, Seinesgleichen, wie sich selber zu lieben, also die Tugend, die Seligkeit Anderer, wie seine eigene, fremde Not, wie seine eigene anzusehen. Wir sind also in Hinsicht auf den einen Gott Kinder, in Hinsicht auf die eine Menschheit Brüder, Geschwister des einen Hauses. Jedem ist es gesagt: Sei ein Engel Gottes an Deinesgleichen. Hat sich dein Nachbar in dem Labyrinth der finsteren Neigungen verirrt: sieh es ist dein Bruder, der sich verirrt hat; sei ihm ein Engel Gottes, suche ihn auf, nimm ihn bei der Hand, und führe ihn wieder auf die rechte Bahn zurück. 

Hat ihn die Zeit, Geld und Tugend fressende Spielsucht, hat ihn die markaustrocknende Wollust, hat ihn der Gott und Menschen verachtende Stolz, hat ihn die arbeitsscheue, und Leib und Geist entnervend Weichlichkeit irre geführt: sieh! Es ist dein Bruder, ein Mensch wie du, den die Zeit, Geist und Tugend fressende Spielsucht, es ist dein Bruder, ein Mensch wie du, den die markaustrocknende Wollust, es ist dein Bruder, ein Mensch wie du, den der Gott und Mensch verachtende Stolz, es ist dein Bruder, ein Mensch wie du, den die arbeitsscheue und Leib und Geist entnervende Weichlichkeit - an den Abgrund mitfortgerissen... Sieh! Noch ist er zu retten: Sei ihm ein Engel Gottes, ergreife den Schwankenden, halte fest den Stürzenden, und bringe den Halbverlorenen zurück auf die ebene, sichere Bahn des Guten. 

Jedem Menschen ist es gesagt: sei ein Engel Gottes an Deinesgleichen. Zwar ist dies vorzüglich dem Vater, der Mutter, gesagt: "Ihr Lieben seid die sichtbaren Engel eurer Kinder, die ihr aus Gotteshand empfangen habt, um sie nach seinem Wohlgefallen zu erziehen. Zwar ist es vorzüglich den Vorstehern der Kirche, vorzüglich uns Geistlichen gesagt: seid Engel Gottes an euren Anvertrauten - die Seele des Jünglings, die aus deiner Schuld verloren geht, fordere ich von deiner Seele, spricht der Herr zu jedem Geistlichen - der sie retten konnte, und nicht rettete. Zwar ist es vorzüglich gesagt uns Lehrern, Vorstehern dieser großen Bildungsanstalt: Seid Engel Gottes an euren Anvertrauten; und die Seele des Jünglings, die der Lehrer retten könnte, und nicht rettet, fordere ich von dem Lehrer, der sie retten könnte, und nicht rettet; spricht der Herr, spricht das Gewissen eines jeden Lehrers. Zwar ist es vorzüglich dem Regenten des Landes, seinen ersten Räten und Beamten gesagt: seid Gottes Engel an den Menschen: Wehret dem Ausbruch des Bösen, soviel ihr könnt - haltet aufrecht den einen Pfeiler aller Staaten, alles Guten, die Gerechtigkeit, lasset den anderen Pfeiler, die Religion nicht umwerfen; denn stürzten beide Pfeiler der öffentlichen Wohlfahrt ein, so würdet ihr unter den Ruinen begraben, oder wenigstens für die Ruinen dem höchsten Richter verantwortlich werden. Allein, obgleich dieses große Gebot: Seid Engel Gottes an den Menschen, zunächst dem Regenten und seinen Beamten, dem Bischof und seinen Geistlichen, den Eltern und ihren Stellvertretern, den Lehrern und Vätern dieser Lehranstalt gegeben ist, so ist es doch ein Wort Gottes an jeden Menschen; denn jeder Mensch ist in Hinsicht auf den anderen Mensch wie dieser, jeder Mensch kann durch Wort und Tat ein Engel Gottes für den anderen werden; jeder Mensch soll das Böse hindern, das er kann, soll das Gute fördern, das er kann - jeder Mensch kann ein Satan des anderen werden, also soll er sein Engel sein.

Jeder Mensch kann des anderen Satan werden durch nichtswürdige, und das Laster empfehlende Grundsätze, die er aufstellt, und durch die er die Keime der Gottesfurcht in schwachen Gemütern erstickt; jeder kann ein Satan des anderen werden durch sinnliche Begierde, die er im anderen weckt, erhöht, unterhält, befriedigt; jeder kann ein Satan des anderen werden durch die süße Gewalt eines verführenden Gespräches, durch den gewaltigen Stoß des bösen Beispiels, durch das siegende Mitfortreißen des schwach widerstehenden in dem öffentlichen Strome des Verderbens. Jeder kann ein Satan des anderen werden, wenn er ihn durch schmeichelnde Vorstellungen, die alle öffentliche Gottesverehrung verschreien, die allen Ernst der Tugend behohnlachen, und nichts als Unabhängigkeit von Gott und Menschen predigen, leichtgläubig gegen alles macht, was ihn ungläubig an die Wahrheit machen kann. Ein jeder kann ein Satan des anderen werden, wenn er ihm alle Werkzeuge der Vorsehung, durch die Ordnung, Zucht, Christentum noch gehandhabt werden kann, als einen Rest der Barbarei, und ein Überbleibsel der Dummheit schildert. Jeder kann ein Satan des anderen werden, wenn er die höchste Schönheit der Seele, den Glauben an Gott, die Hoffnung zu Gott, die Liebe gegen Gott - aus seinem Gemüt verwischt, und dafür die unbändige Sinnlichkeit, oder den blinden Eigendünkel, jene unter dem Titel der Freiheit, diesen unter dem bild der Vernunft - auf den Altar stellt. 

Jeder sei ein Engel Gottes dem anderen, wie immer, und so oft er kann, durch Bitten, durch Ermahnen, durch Warnen, durch Beispiel, durch Reden, durch Schweigen, durch alle Mittel, die das Genie der sinnreichen Liebe erfindet oder gefunden anwenden kann. 

2. 

Für jeden Menschen ist es dir gesagt: sei ihm Gottes Engel. Nicht nur geht dieses Gebot jeden Menschen an; es ist ihm auch gegeben für jeden Menschen, dem er Gottes Engel sein kann. Sei Gottes Engel jedem Menschen, dem er Gottes Engel sein kann. Sei Gottes Engel jedem Menschen. Denn die Liebe, die aller Menschen Wohl wie ihr eigenes anfasst, schließt keinen Menschen aus. Sei Engel Gottes jedem Menschen. Ist es ein Verwandter, dem du Engelsdienste tun kannst, so tue sie ihm - denn Gott hat es dir geboten; Gott hat ihn durch das Band der Familie, der Verwandtschaft an dich angekettet - belehre, erbaue, bessere, erquicke ihn - weil er dein Verwandter ist. Ist es kein naher Verwandter, kein Angehöriger der Familie, so sei ihm ein Engel Gottes, weil er Mensch ist, weil er ein Glied der großen Familie, weil er ein Verwandter deines Geschlechtes, weil Gott sein Vater ist, wie der deine. Sei ihm ein Engel Gottes, ermahne, warne, pflege, trage ihn - denn Gott hat ihn durch die Bande der Menschheit an dich angekettet - und das Band ist ewig, wie Gott, der es geknüpft hat. 

Ist es ein Christ, dem du Engelsdienste tun kannst, so tue sie ihm, weil ihn Christus durch die gemeinsamen Bande des Glaubens an dein Herz angekettet hat; hat er das Unglück, Christum nicht zu kennen, oder gar zu lästern, so sei ihm ein Engel Gottes, und beweise ihm durch göttliche Liebe die Göttlichkeit der Lehre, die du bekennst. 

Ist es ein Freund deiner Seele, dem du Engelsdienste tun kannst, so sei ihm ein Engel Gottes, weil ihn Gott zur Hälfte deiner Seele gemacht hat; ist es dein Freund, dem du Engelsdienste tun kannst, o so weile nicht, ihm ein Engel Gottes zu sein - vielleicht sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt, und eine Kohle fällt in sein Herz, und er wird der Liebe empfänglich - erkennt Gott - erkennt seinen Engel in dir, und in dir seinen Freund. 

Sei Gottes Engel jedem Menschen, er sei reich oder arm, jung oder alt, in- oder ausländisch, gelehrt oder ungelehrt, weise oder töricht, er stehe in der bürgerlichen Rangordnung über dir, oder unter dir, oder neben dir - denn er ist Mensch, und jeder Mensch soll jedem Menschen nach Vermögen und Bedürfnis Engel sein. 

Sei Gottes Engel für jeden Menschen, aber besonders für das zarte, unerfahrene Alter - das der sichtbaren Engel besonders bedürftig ist. 

Diese sonderliche Engelsorge für das zarte Alter hat uns Jesus auch sonderlich an das Herz gelegt, und wehe dem Herzen, das zu fein oder zu roh ist, die Würde dieses Auftrages zu fühlen: sei der sichtbare Engel der Kleinen, die Jesus sehr zärtlich die Seinen nennt. Wer ein einziges solches Kind (Jesus hatte gerade ein unschuldiges Kind in Mitte seines Jüngerkreises gestellt) aufnimmt, in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich selbst auf; wer aber einem einzigen solchen Kind, das an mich glaubt, einen Stoß zum Bösen gibt, für den schickte es sich am besten, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehenkt, und er in der Tiefe der Meeres ertränkt würde. 

Mildester aller Menschen! Wie tief musst du die Schönheit einer kindlichen Seele gefühlt haben, um in dem Ärgernisse, das man Kindern gibt, eine Art von todeswürdigen Verbrechen zu finden? Göttlicher! Nicht ganz fremd ist mir dein Gefühl. Du weißt es, was meine Seele leidet, wenn ich, fast zu jeder Stunde des Tages, von frühem Morgen bis zum späten Abend, das zarte Alter auf öffentlichen Gassen, wo es so viele Anstöße gibt, ohne Hirten, ohne Schutzengel umher irren sehe - sehen kann! Du weißt es, was meine Seele leidet, wenn ich wahrnehme, wie die Großgewachsenen durch Worte, Blicke, Gebärden, Handlungen dem zarten Alter nichts in die Seele drücken, als freche, weichliche, schändliche, zuchtlose Sitten! O, wie jammert mich die Nachwelt! Was wird in fünfzig Jahren aus der Welt geworden sein, wenn die Kinder der jetzigen Zeit die Eindrücke des Bösen, die sie jetzt so reichlich empfangen, auf ihre Kindeskinder bereits werden fortgepflanzt haben. O ihr, meine Lieben, die mir Wahrheit und Liebe zutrauen, Wahrheit meinen Überzeugungen, Liebe meinen Gesinnungen - kommt, lasst uns vor Gott, Hand in Hand, neuen Eifer in der Engelsorge für das zarte Alter, geloben: heilig, heilig, seid ihr mir, unmündige Seelen! Euch zu ärgern sei mir Todesverbrechen, euch im Guten zu stärken sei meine schönste Tat! Die Anstöße für eure Unschuld zu mindern, mein tiefstes Studium! Und du, der du dich nicht mehr überwinden kannst, deine Seele zu retten, o erbarme dich wenigstens der Unmündigen! - Und, wenn du Mut hast, dein eigener Satan zu werden, so schone doch des unmündigen Alters, und mache es nicht zum Zeugen, nicht zum Gehilfen deiner Sünde - damit in der langen Reihe deiner Sünden, die sich einst um dein Sterbebett lagern werden, nicht auch das Verbrechen der verführten Unschuld noch einen Mühlstein auf deine von Todesangst zerrissene Brust werfen möge!

(WW 30,99-105)