Nummern, oder Mancherlei, wie's mir begegnete

Angefangen im März 1779


Der Adel unter Bettelkindern

Es kam ein Weib zu mir, auf deren Gesicht sich tiefe Traurigkeit verriet. Vom sympathetischen Triebe des Mitleids geschmolzen, fragte ich um die Ursache ihres Grames. Mein Mann, sprach sie, hat mich verlassen; er sagte, er wolle nach Wien gehen, um dort gewisse Geschäfte zu schlichten, ich begleitete ihn vier Stunden weit, und wir beurlaubten uns unter gegenseitigen Umarmungen und Tränen. Es war gegen den Abend zu, ich ging in Gedanken der Sehnsucht und Traurigkeit über die weite Entfernung nach Hause; aber ich wusste nicht, dass ich noch größere Ursache zu trauern hätte. 

Noch dieselbe Nacht ging er in ein Dorf, das eine Stunde von uns entfernt ist, zurück, nahm eine Weibsperson, von der ich nichts wusste, als dass sie ehemals nicht weit von uns gewohnt hatte, mit sich, und verließ mich arme, trostlose Mutter mit vier Kindern. Sie werden's erlauben, da ich sie jetzt nicht nähren kann, dass sie morgen zu Ihnen auf's Betteln kommen. 

Des anderen Tages kamen zwei Mädchen von sehr guter Gesichtsbildung, und, was ihnen noch besser ließ, mit recht natürlicher Modestie. Sie wurden beschenkt, und es wurde ihnen etwas zu essen gereicht, und ich sah ihnen mit größtem Vergnügen zu, wie sie das mit dem natürlichsten Appetit taten. Da die Mahlzeit zu Ende war, nahm die Jüngere das, was noch übrig war, und gab es voll Gutherzigkeit der Größeren in den Mund; mir standen die Tränen in den Augen. Die Größere nahm's nicht an. Ich fragte sie, ob sie friedlich miteinander auskämen, da sprach die Ältere: Wir haben miteinander zu leiden genug. Ich fragte noch Verschiedenes, und ich lernte aus dem guten Unterricht den Wert ihrer Mutter kennen. Auch konnte ich mich der Freude nicht erwehren, diesmal den wahren Adel unter Bettelkindern gefunden zu haben. 

 

8. Ich freute mich einer Hoffnung wegen, die mich anschien, und konnte vor Freude nicht schlafen; meine Hoffnung betrog mich, und ich konnte aus Traurigkeit nicht schlafen. So sind es denn die Leidenschaften, die uns am öftesten - nicht schlafen lassen? Und wenn dies nur das einzige Übel wäre, das sie stifteten!

 

9. Ich sah in meiner Jugend Rosen verblühen, und ich dachte an nichts, als dass im nächsten Jahr wieder andere wachsen würden; jetzt habe ich schon Menschen verblühen sehen; und bald werde ich mich selbst verblühen sehen müssen. Wenn ich so die Hinfälligkeit aller Dinge, die um mich her sind, betrachte, so dauern sie mich, ich wünschte, dass alles in seinem besten Flore sein möchte, und ich gefalle mir in dieser Empfindung meines Herzens. Und Gott, dies ewige, gütige, alles belebende Wesen, dessen Herz unendlich besser als meines ist - o ja, er wird auch aus dem Bösen Gutes, und aus dem Tod Leben schaffen!

 

10. Diese helle, himmlische Sonne muss sich in jeder Pfütze abspiegeln, abkonterfeien lassen, wie die herrlichste Schrift in mancher schlammigen Rezension. 

 

14. Oft hörte ich sagen, dass man in Betrachtung der Geschöpfe die Allmacht Gottes schauen könnte; aber empfunden - habe ich es nie so, als wenn ich bei stiller Nacht in der unermesslichen Wölbung den kalten Mond betrachte.

 

18. Ich biete meine Hände der Vorsehung, und folge mit geschlossenem Auge, wenn sie mich auch in unabsehbaren Absturz hineinführen sollte: Denn sie führt doch nur in die Tiefe, um herrlicher heraufzuführen. 

 

19. "Der Himmel wartet mein, Gott ein ewiges Gut." Ich verstehe es nur halb. So viele tausend edle Seelen, die ich gekannt und nicht gekannt habe, alle Auserwählten, die Gottes Odem schuf, werden mit ihrem wohltätigen Einfluss meine Seligkeit erhöhen. Da bitt' ich und seufze zu Gott, ach lasse meine Gesinnungen nicht unedel, nicht der Gesinnungen deiner Auserwählten unwürdig werden!

 

20. Die Bäume sind in der Blüte schöner, aber wenn sie mit Früchten beladen sind, sind sie nützlicher, wenngleich das Laub schon fällt. 

 

31: Aus Geldsucht und Interesse entspringt: 
1. Unempfindlichkeit gegen Freundes Geld
2. Verachtung alles dessen, was nicht Geld ist,
3. Wortgebet, weil es nichts kostet,
4. Klagen gegen alle öffentlichen Abgaben,
5. Abschneidung aller Gesellschaft mit Anderen, aus Furcht, man müsse Andern etwas geben.

 

32. Rezept, ein Kind zu verderben: Der Vater darf es nur gegen die Mutter, oder die Mutter gegen den Vater in Schutz nehmen, und es wird nichts daraus; probatum est. 

 

38. Der Tod ist die zweite Stufe zu meiner Glückseligkeit, mein Werden war die erste. Dank dir, Jerusalem, für diesen Trostgedanken!

 

43. Ich will nichts Böses tun, damit ich nichts Böses fürchten darf. 

(WW 38,66-77)