Betrachtungen über das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi 

Unterricht, wie man das Leiden und Sterben Jesu Christi betrachten soll.Jesus an der Geißelsäule; Beichtkapelle Kevelaer

Die Betrachtung des Leidens und Sterbens unsers Herrn ist eine der allgemeinsten Übungen des Christenvolkes; sollte und könnte auch eine der heilsamsten sein: und doch ist sie bei sehr vielen von geringem Nutzen. Es gibt Leute, die täglich einige Betrachtungen des Leidens Christi vernehmen; auch vor irgend einem Bilde, das die Geißelung oder Kreuzigung unseres Herrn vorstellt oder vorstellen soll, wohl gar Tränen vergießen: und doch in ihrem Wandel, in ihrem Umgang, in Erduldung ihrer Widerwärtigkeiten keine Besserung, keine Nachahmung des leidenden Jesus spüren lassen. Woher kommt es denn, dass eben dasjenige, was den größten Eindruck auf das Herz machen sollte, keinen bleibenden Nutzen stiftet? Das Leiden Jesu Christi selbst kann nicht Schuld daran sein. Also muss es wohl an der Art der Betrachtung fehlen.

Wie ist denn die Betrachtung des Leidens Christi bei den meisten beschaffen? Sie stellen sich vor, als wenn Jesus Christus wirklich vor ihren Augen Blut schwitzte, gefangen, gegeißelt, gekreuzigt wurde. Das ist recht. Aber gemeiniglich hält man sich nur bei dem Blutvergießen, bei den Schmerzen des Leidenden auf – und denkt nicht, warum Jesus so große Schmerzen ausgestanden hat. Die großen Absichten des Leidens und Sterbens Jesu Christi werden nicht deutlich genug verstanden, und nicht tief genug zu Herzen gefasst. Und das ist der erste Fehler. 

So wenig man aber die Absichten des leidenden Jesus überdenkt: eben so wenig wird die Art und Weise, wie er gelitten hat, lebhaft genug erkannt. Seine göttlichschöne Geduld, seine Sanftmut, sein Gehorsam, sein Beten und sein Lehren, seine Ergebung in den Willen des Vaters, sein Beispiel, das er uns hinterlassen hat, wird nicht aufmerksam genug betrachtet. Und das ist der zweite Fehler. 

Der größte und schädlichste Irrtum aber, der auch bei andächtigen Seelen herrscht, ist dieser: dass sie glauben, wenn sie nur mit dem gefangenen, mit dem gegeißelten, mit dem sterbenden Heiland ein Mitleiden haben, so sei das Hauptwerk schon getan. Sie glauben, unserem Erlöser einen großen Gefallen zu tun, wenn es ihnen im Herzen weh tut, dass er von den prophetenmörderischen Juden so schmerzlich sei misshandelt worden. Sie glauben, bei unserem Heiland recht viel zu gelten, wenn sie jeden Geißelstreich, den er empfunden, gleichsam mit Ihm empfinden, oder wenn ihnen die Haut schauert ob dem Anblick der Dornenkrone, die tief in sein Haupt eingedrückt ward. Sie glauben, bei Gott dem Vater recht wohl daran zu sein, wenn sie das verspritzte Blut seines geliebten Sohnes mit mitleidigen Tränen ansehen. Kurz: sie glauben, ihre Hauptpflicht getan zu haben, wenn sie gegen die grausamen Juden einen geheimen Widerwillen – und mit dem leidenden Jesu ein herzliches, sinnliches, fortdauerndes Mitleiden empfinden. Und das ist der dritte gemeinste und schädlichste Fehler bei der Betrachtung des Leidens Jesu Christi. 

Es ist ganz recht, wenn ein christliches Herz bei den Misshandlungen des Erlösers ein Mitleiden empfindet – es ist natürlich, dass man bei der Hinrichtung der Unschuld eine Träne des Mitleidens vergieße. Aber bei dem muss man es nicht bewenden lassen; das muss man nicht für die Hauptsache ansehen. Warum hat wohl der unschuldige, heilige, unbefleckte Jesus so mannigfaltige und fast unausstehliche Schmerzen ausgestanden? Warum hat er sich von den Juden und Heiden, von Volk und Priestern, von Richtern und Anklägern so schrecklich misshandeln lassen? Warum hat Er an Leib und Seele so unaussprechlich viel gelitten? Eine der Hauptursachen ist gewiss diese: dass Er uns ein, so zu sagen, allmächtiges und in allem Betracht vollkommenes Beispiel gäbe, wie wir uns – wir sündige, befleckte Menschen - in unseren geringen, oft gar wohl verdienten Widerwärtigkeiten betragen sollen. Wenn ich das Bild des Gekreuzigten ansehe, so sagt Er nie zu mir: Habe Mitleiden mit Mir; sondern es ist mir, als hörte ich seine Stimme: Ich habe dir ein Beispiel gegeben; sei geduldig, sanftmütig, gehorsam, wie Ich; habe Mitleiden mit dir selbst. Der heilige Petrus sagt es deutlich: „Wenn ihr um des Rechttuns willen leidet und Unrecht erduldet, das ist Gnade bei Gott. Dazu seid ihr berufen. Denn auch Christus hat für uns gelitten, und euch ein Beispiel hinterlassen, dass ihr seinen Fußstapfen nachfolgen sollt. Er hat keine Sünde getan, und in seinem Mund ward kein Betrug erfunden. Wenn Er gescholten ward, schalt Er nicht wieder; wenn Er litt, drohte Er nicht. Unsere Sünden hat Er an seinem Leib auf dem Holze getragen, damit wir der Sünde sterben, und der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt worden. (1 Petr 2,19.25) Diese wenigen Worte unterrichten uns, wie wir das Leiden und Sterben Jesu Christi betrachten sollen. Darum hat Er für uns gelitten, damit Er uns ein Beispiel hinterließe. Darum hat Er uns ein Beispiel hinterlassen, damit wir in seine Fußstapfen eintreten. Alsdann werden wir in seine Fußstapfen eintreten, wenn wir der Sünde sterben, und der Gerechtigkeit leben; nicht wieder schelten, wenn wir gescholten werden; um des Rechttuns willen Unrecht erdulden. Wenn wir also das Leiden Jesu würdig betrachten wollen, müssen wir seinem Beispiel nachfolgen.

 

Darin besteht die wahre Andacht zu dem leidenden und sterbenden Jesus, dass wir das Beispielreiche in seinem Leiden und Sterben genau hervorsuchen, aufmerksam überdenken, und getreu in unserem Wandel ausdrücken. Darin besteht die wahre Andacht zu dem leidenden und sterbenden Jesu, dass wir seinen vollkommenen Gehorsam gegen den Willen des himmlischen Vaters, seine unermessliche Liebe gegen uns Menschen, seine wahrhaft göttliche Geduld und Sanftmut in den schrecklichsten Schweigen, unser Leiden und Dulden, danach einrichten. Darin besteht die wahre Andacht zu dem leidenden und sterbenden Jesus, dass wir an den Gekreuzigten glauben, wie Paulus; und seiner Liebe nachfolgen, wie Johannes. Darin besteht die wahre Andacht zu dem leidenden und sterbenden Jesu, dass wir als wahre Jünger Jesu leiden, wie Er gelitten hat; als wahre Jünger Jesu leben und sterben, wie Er lebte und starb. Wer die Geduld, die Sanftmut, die Zufriedenheit mit Gott im Leiden, aus der Betrachtung des Leidens Jesu Christi noch nicht gelernt hat, der hat das Leiden Jesu Christi noch nie recht betrachtet. Wer aus der Betrachtung des Leidens Jesu Christi noch nicht gelernt hat, auf Gott zu trauen, auch wenn Er verwundet; zu Ihm aufzusehen, wenn Er gleich sein Angesicht verbirgt; Ihm zu danken, wenn Er schlägt; Ihn vertraulich anzurufen, wenn Er mit seiner Hilfe zu verweilen scheint – ach! Der mag alles verstehen; aber die leichte, und wenn ich so sagen darf, die kunstloseste Kunst, das Leiden Christi nützlich zu betrachten, versteht er nicht. Wer aus der Betrachtung des Leidens Jesu Christi noch nicht gelernt hat, Böses mit Gutem zu vergelten, den Flucher zu segnen, den Hasser zu lieben, den Beleidiger zu umarmen – er mag große Dinge kennen – seinen Herrn und Meister, sein Vorbild, Jesum Christum, kennt er noch nicht; Jesum Christum liebt er noch nicht. Und daran ist doch allen alles gelegen. 

Damit wir nun unseren Herrn und Meister, unser Vorbild und unseren Erlöser, Jesum Christum, immer mehr und mehr kennen lernen möchten; damit die leichte Weise, das Leiden und Sterben Jesu Christi nützlich zu betrachten, für uns nur noch leichter, und allgemeiner verbreitet werden sollte: habe ich 14 Betrachtungen über das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi, als eine brauchbare Übung für Christlichgesinnte, aufgesetzt. Es kommen deswegen gerade 14 Betrachtungen vor, weil sich das betende Volk durch die 14 Stationen des Kreuzweges schon an die Zahl gewöhnt hat. Es trägt auch vieles zur Rührung des Herzens bei, wenn man mit Jesu Christo den ganzen Weg seines Leidens gleichsam Schritt für Schritt durchgeht, und bei jedem merkwürdigen Auftritt seines Leidens still steht, und sich ganz den Empfindungen der Liebe und des Dankes überlässt. Dies Stillstehen der Betrachtung nenne ich Station.

Bei jeder Station kommen drei Stücke vor, erstens etwas aus der Leidensgeschichte, zweitens das, was in dieser Geschichte für uns nachahmungswürdig ist, und drittens ein Gebet um die Gnade der Nachahmung.

 

Erste Station: Jesus auf dem Ölberg vor seiner Gefangennahme

I. Geschichte der Todesangst Jesu

Nachdem Jesus Christus mit seinen Jüngern zum letzten Male das Osterlamm gegessen und zum ersten Male das heilige Abendmahl gehalten hat; nachdem Er ihnen durch die rührendsten und lehrreichsten Abschiedsreden Unterricht und Stärke erteilt; nachdem Er in Gegenwart aller seiner Jünger das letzte feierliche Gebet mit gen Himmel erhobenen Augen zu seinem himmlischen Vater verrichtet hatte: ging Er mit ihnen vor die Stadt hinaus, nahm beim Mondschein den Weg über den Bach Cedron, und kam zu dem Meierhofe und in den Garten Gethsemani: wo Er in dieser letzten Woche mit den Jüngern ganze Nächte zugebracht, und sonst öfters sich aufgehalten hatte. Setzt euch da, sagte Er zu seinen Jüngern, und wartet: Ich werde dorthin gehen und beten; betet auch ihr, dass ihr nicht in Versuchung fallt. Nur seine drei vertrautesten Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes, ließ Er mit sich gehen. Sie gingen einen Steinwurf weit mit Ihm. Da überfiel Ihn Bangigkeit und Schauer: Mir ist unaussprechlich bange, sprach Er zu seinen Jüngern; meine Seele ist bekümmert bis in den Tod; bleibt hier und wachet mit Mir. Jetzt geht Er noch etwas weiter, fällt nieder auf sein Angesicht, und betet: Vater! Ist es möglich, so nimm diesen Kelch von Mir; doch nicht, wie Ich will, sondern wie Du willst. Auf dieses Gebet erscheint Ihm ein Engel vom Himmel, und bringt Ihm Stärke mit. Aber Jesus wurde nur gestärkt zu einem noch schwereren Kampf; denn die Bangigkeit nahm immer zu – wurde einem Todeskampf ähnlich, und presste Ihm blutigen Schweiß aus. Er betete wieder, und betete länger als vorher, und wiederholte die vorige Bitte mit vollkommener Ergebung: Vater! Wenn dieser Kelch nicht von Mir weicht, ohne dass Ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. So betete Jesus auch zum dritten Male. Zwischen jedem Gebet stand Er auf, ging, in der heftigsten Angst, zu seinen Jüngern, und gab ihnen heilsame Warnungen: Der Geist ist willig, aber schwach das Fleisch – Betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt – Könnt ihr nicht eine einzige Stunde wachen? – Schlaft und ruht ... So ging der bis in den Tod bekümmerte Jesus von seinen Jüngern zum Gebet – und vom Gebet zu seinen Jüngern zurück. In dem größten Kummer suchte Er Hilfe und Stärke im Gebet, und fand sie im Gebet; in dem größten Kummer ergab Er sich in den Willen seines Vaters.  

Nachdenken über die Ursache dieser unaussprechlichen Bangigkeit und über das Betragen Jesu

1.   Jesus Christus sah sein Leiden und Sterben nach allen Umständen voraus. Er war nicht nur der unschuldige, der wohltätige Jesus, dem die grausamste Hinrichtung bevorstand; nicht nur sein Leiden als sein Leiden, nicht nur seine Misshandlung als seine Misshandlung, nicht nur sein schmerzhaftes und schmachvolles Sterben als sein Sterben – als etwas, das nur ihn als einen Menschen, als einen unschuldigen Menschen anging – schwebte ihm vor Augen: er war auch der versprochene, erwartete Messias, der von seinem geliebten Volk verworfen, getötet werden sollte; er war der von Ewigkeit her bestimmte Weltheiland und Menschenrichter, der vorhersah, dass der Verfall seines Volkes durch seine Hinrichtung würde beschleunigt werden. Jesus konnte sich also sein Leiden nicht vorstellen, ohne die schrecklichsten Folgen seines Leidens mit anzusehen. Er wollte sein Volk gut und glücklich machen – und musste nun sehen, dass es die größte Wohltat mit Füßen trete. Er hatte schon einmal bittere Tränen bei dem Anblick der Stadt Jerusalem geweint, weil sie die Tage ihrer Heimsuchung nicht erkannt, und er es im Geiste sah, dass kein Stein über dem anderen bleiben würde. Nun ist es wirklich an dem, dass diese Stadt ihren Messias töten, ihren König verwerfen, und hiermit ihren Untergang beschließen sollte. Da steigt sein Schmerz aufs Höchste; der Undank, oder vielmehr das traurige Schicksal seines Volkes presst Ihm nicht mehr Tränen, sondern blutigen Schweiß aus. Aber nicht nur sein Leiden, nicht nur das kommende Elend seines Volkes stand Jesus lebhaft vor Augen; sondern auch die ganze Zukunft lag vor Ihm da. Er sah, dass sein Blut, das er in etlichen Stunden zum Heil der Welt vergießen sollte, nicht nur vielen aus seinem Volk, sondern auch vielen anderen würde zum Verderben werden. Die Sünden der Vergangenheit, die Sünden der Zukunft, und die Sünden des gegenwärtigen Zustandes – die Sünden der ganzen Welt lagen wie eine zusammengewälzte Last auf Ihm. Dies war der Kelch des Leidens, der unserem Erlöser so bang gemacht hat.

2.    Und in dieser äußersten Bangigkeit und Trostlosigkeit, was sehen wir an Jesus? War er etwas unempfindlich? Ach!, wie konnte er unempfindlich sein! Er war ja auch ein Mensch wie wir, und sein Leiden war das größte, seine Angst war die höchste, sein Schweiß wie Blutstropfen. Leiden sehen wir ihn, und beten; bekümmert bis in den Tod, und beten; beten und kämpfen. Das ist alles, was wir an ihm sehen. Er sprach: Vater! Nimm diesen Kelch von mir; setzte aber gleich bei: nicht wie ich will, sondern wie du willst. Er wiederholt sein Gebet, und vergisst seiner Jünger nicht. Also in der tiefsten Traurigkeit wendet er sich zu seinem himmlischen Vater, und denkt an seine Jünger; betet, und ermahnt die Jünger zum Beten; wird vom Himmel gestärkt, und stärkt auch seine Jünger; ergibt sich in den Willen seines Vaters, und warnt seine Jünger vor Versuchung.

II. Jesus Christus unser Vorbild

1. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. Über ihn kam die Stunde der heißesten Angst: Werden etwa wir den bangen und schmerzvollen Stunden unseres Lebens entgehen wollen?

2. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. Er betete in der größten Angst: Warum sagen wir: ich bin geängstigt – ich kann nicht beten? Eben in der Stunde der Angst ist das Gebet unsere einzige Hilfe. Eben in der Stunde der Angst sind wir des Gebets am bedürftigsten.

3. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. Er betete, und da kam Stärkung vom Himmel. Wer beten kann, der kann ausdauern. Wer des Betens nicht müde wird, dem wird Stärkung zuteil.

4. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. Er gibt sich in der äußersten Trostlosigkeit in den Willen seines Vaters hin; der Unschuldigste trinkt den bittersten Kelch: und ich, ein Sünder, soll glauben – ein geringes Leiden sei für mich zu groß?

5. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. Sein Gebet war nichts als Bitte um Wegnehmung des Kelches, und Ergebung in den Willen des Vaters: soll nicht auch unser Gebet im Leiden zugleich Ergebung in den Willen Gottes sein, so wie es Bitte um Errettung ist?

6. Jesus Christus ist auch im Garten Gethsemane unser Vorbild. In der größten Bangigkeit vergaß er seiner Jünger nicht; er tröstete, warnte, stärkte sie. Wenn uns eine kleine Widerwärtigkeit begegnet: da hängen wir unserem Schmerzen nach, und lassen manche Pflichten der Liebe und der Gerechtigkeit außer Acht; träge, kraftlos, ohne Mut, gehen wir herum, und suchen bei den Menschen Trost; leeren unser Herz durch Klagen aus, und wanken untätig hin und her, als wenn wir all unserer Pflichten losgebunden wären.

III. Gebet

Herr Jesu! So oft eine trübe und bittere Stunde meines Lebens anbricht, lass mir deine Bangigkeit am Ölberg, deinen Blutschweiß, deinen Todeskampf lebhaft vor Augen sein. Lass mich dein dreimaliges Beten, dein Ringen und Kämpfen, dein tiefes Trauern und dein mächtiges Hingeben in den Willen deines Vaters – wohl zu Herzen fassen: dass ich bete wie du, und im Beten ausharre wie du; dass ich mit Ergebung leide wie du, und zum Leiden gestärkt werde wie du! Amen.

 

Zweite Station: Jesus von den Soldaten und Gerichtsdienern umrungen, und von Judas verraten

I.   Geschichte

Als Jesus am Ölberg zum dritten Mal gebetet und sich in den Willen des himmlischen Vaters mit vollkommener Aufopferung seiner selbst hingegeben hatte; als er, entschlossen zu leiden, dem kommenden Augenblick seiner Gefangennehmung unerschrocken entgegen sah, sprach er zu seinen noch schlummernden Jüngern: Sie ist da, die Stunde, von der ich euch gesagt habe. Der Menschensohn wird in die Gewalt der Sünder ausgeliefert – steht auf, lasst uns gehen. Seht! Mein Verräter ist da.


Er hatte noch nicht ausgeredet, als Judas, einer aus den Zwölfen, kam, und nach ihm eine große Menge mit Schwertern und Fackeln, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes abgeschickt. Judas hatte als Handleiter den Gerichtsdienern und römischen Soldaten den Weg gewiesen, und ihnen das Zeichen gegeben: Den ist küssen werde, der ist’s; nach dem greifet, und führet ihn wohlbedachtsam. Ehe Judas seiner Rotte das verabredete Zeichen geben konnte, lässt Jesus die erschrockenen Jünger in einer kleinen Entfernung zurück, und geht dem anrückenden Haufen großmütig entgegen, und fragt mit nachdrucksvoller Stimme: Wen suchet ihr? Jesum von Nazareth. Ich bin’s. Auf diese Antwort, Ich bin’s, traten die Bewaffneten zurück und fielen, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. Er fragt sie noch einmal: Wen suchet ihr? Sie antworteten wie vorher: Jesum von Nazareth. Er versetzt: Ich hab’s euch schon gesagt – Ich bin’s. Wenn ihr nun mich suchet, so lasset diese gehen (Er deutete auf die Jünger). Indes drangen sich die Soldaten und Gerichtsdiener näher um Jesus herum. Da tritt Judas als ein Jünger unter die Jünger hin, und gibt Jesus den Kuss, womit sonst Schüler ihren Lehrer ehrerbietig zu begrüßen pflegten. Sei gegrüßt, Meister!, sprach der Verräter. Jesus sah ihn mitleidig und ernsthaft an. Freund Juda! Was willst du hier? Mit einem Kuss verrätst du den Sohn des Menschen! Judas hatte sich schnell davon gemacht.

II. Jesus Christus unser Vorbild

1. Jesus Christus unser Vorbild. Er ging seinem Leiden großmütig entgegen: Steht auf, lasst uns gehen. Er redet den Mörderhaufen selbst an: Wen suchet ihr? Er gibt selbst seinen Namen an: Ich bin Jesus von Nazareth. Wahrhaftig, Jesus leidet, weil er wollte; er gab sich in den Tod hin, weil er wollte: sollen wir uns in unsere Leiden, die wir nicht verhindern können, nicht auch geduldig fügen? Jesus ging seinem Leiden großmütig entgegen: sollen wir nicht wenigstens ein Leiden, dem wir nicht entgehen können, entschlossen und mutig auf uns nehmen?

2. Jesus Christus unser Vorbild. Der Hirt sorgt für seine Schafe: Wenn ich mich suchet, so lasset meine Jünger gehen. Nicht für seine Freiheit, für die Freiheit seiner Jünger sorgt der liebende Meister. Nicht für sich, sondern für seine Freunde sorgt der liebende Freund. Diese zärtliche Liebe ist unserem Erlöser eigen. – Wenn uns ein gar geringes Unglück aufstößt, so begegnen wir auch unseren besten Freunden, die nichts dafür können, dass wir unglücklich sind, gar oft mürrisch und lieblos. „Er war heute unglücklich, heißt es: geht nicht zu ihm; er hat böse Laune; heute ist nichts zu machen mit ihm.“ Das ganze Haus, die ganze Nachbarschaft, die ganze Stadt muss es aus unseren mürrischen, verdrießlichen Antworten wissen, dass uns etwas Unangenehmes aufgestoßen ist. So nicht unser Herr.

3. Jesus Christus unser Vorbild. Er lässt seinen Verräter den ehrerbietigen Kuss eines Jüngers missbrauchen; sieht ihn mitleidig an; redet ihm in Vollbringung seiner Sünde noch freundlich und nachdrücklich zu Herzen: Freund Juda! Zu was bist du da? Du verrätst mit einem Kuss den Menschensohn! Jesus vergisst seine bevorstehende Misshandlung, und kann noch seinen Verräter lieben, und möchte ihn noch mit einem freundlichen Blick, mit einer ernsthaften Warnung von seinem Untergang zurückziehen. – Ist es möglich, dass wir uns Jünger Jesu Christi nennen, und das Zeichen der Jüngerschaft, die Liebe, die Liebe noch nicht von ihm erlernt haben? Ein Christ ohne Liebe – ist kein Christ.

 III.   Gebet

Herr Jesu! Du gingst großmütig deinem Leiden entgegen; du sorgtest mehr für deine erschrockenen Jünger als für dich; du liebtest auch deinen Verräter noch. Der falsche Kuss des Verräters war dir mehr wegen des Verräters, als wegen deiner unangenehm; sein Schicksal ging dir mehr zu Herzen, als dein künftiges Leiden. Was du am Nachtmahltisch mit voller Empfindung ausgesprochen: Wehe dem, durch den der Menschensohn wird verraten werden; es wäre ihm besser, dass er nicht geboren wäre – das muss dein zärtlich liebendes Herz erst recht verwundet haben, da du diesen deinen treulosen Jünger die schwarze Tat an deiner Person wirklich vollbringen sahst. Wäre Satan nicht in das Herz des Judas gefahren, ach!, dein Liebeswort, Freund Juda! Wozu bist du da? hätte ihm sein feindliches Vorhaben noch in diesem Augenblick, da er’s eben vollbrachte, verleiden können! O, du Liebe ohne deinesgleichen! Du entzogst dich nicht dem falschen Jüngerkuss: Du kannst den Verräter noch Freund nennen: Du kannst über das Schicksal dessen, der mit dir an einem Tische aß, und an seinem Meister zum Verräter ward, der dich in die Hände deiner Todfeinde auslieferte – in dem Augenblick der Verratung kannst du über das Schicksal deines Verräters trauriger als über deine eigenen bevorstehenden Leiden sein! Jesus! Diese Liebe, diese geduldige, zärtliche, großmütige Liebe pflanze auch in mein Herz; und wenn du ein Leiden über mich kommen lässt, so lass das Beispiel deiner Liebe meiner Seele gegenwärtig sein, dass ich leiden und lieben könne wie du! Amen.

 

Dritte Station: Jesus gefangen genommen

I. Geschichte

Nachdem Jesus mit einem Kuss verraten war, ließen Ihn die Gerichtsdiener und Soldaten nicht mehr aus den Augen. Indes, da sie im Begriff standen, Hand anzulegen, und sich seiner zu bemächtigen, geriet Petrus in die Hitze; sprach heftig zu seinem Meister: Herr! Sollen wir Gewalt brauchen?, zog, ohne auf eine Antwort zu warten, das Schwert aus der Scheide, und fiel über Malchus, den Knecht des Hohenpriesters, her, und hieb ihm sein Ohr ab. Jesus stillte die Hitze seines Jüngers, rührte des Knechtes Ohr an, und heilte ihn. Petrus hatte noch das bloße Schwert in der Hand. Da befahl ihm Jesus, sein Schwert in die Scheide zu stecken: Denn, sagte er, wer nach dem Schwert greift, kommt durch’s Schwert um. Oder glaubst du, ich hätte deine Waffen zur Gegenwehr nötig? Mein Vater, wenn ich ihn darum bäte, schickte mir in diesem Augenblick mehr als zwölf Legionen Engel. Aber so geschähe das nicht, was nach der Schrift an mir geschehen muss. Auf diese Erklärung ihres Meisters nahmen die Jünger die Flucht. In eben dem Augenblick haben die Soldaten sich der Person Jesu bemächtigt, und ihn gebunden. Jesus ließ sich binden, und sagte zur Rotte, die ihn umgab: Wie auf einen Räuber seid ihr auf mich losgegangen; mit Schwert und Spieß habt ihr mich gefangen genommen. Saß ich doch täglich bei euch im Tempel, und lehrte – und niemand legte Hand an mich. Aber dies ist eure Stunde; dies ist die Gewalt der Finsternisse. Doch dies alles stimmt mit der Schrift überein. Er schwieg, und ließ sich wegführen.

 II.    Jesus Christus unser Vorbild

1. Jesus Christus unser Vorbild. Jesus immer der sanftmütige, immer der friedliebende, immer der wohltätige, befiehlt seinem Jünger, das Schwert in die Scheide zu stecken, und heilt dem Verwundeten das Ohr an. Einst sagte er zu seinen Jüngern: Widersteht dem Bösen nicht; sondern vergeltet das Böse mit Gutem. Diese göttlich schöne Lehre bringt jetzt Jesus auf die herrlichste Weise in Erfüllung, und versiegelt sie mit seinem göttlichschönen Beispiel. Werden wir immer taub gegen seine Lehre, und kalt gegen sein Beispiel sein können?  

2. Jesus Christus unser Vorbild. Jesus, der Weltlehrer, das Licht der Welt, versäumt keine Gelegenheit, seinen Jüngern und seinen Feinden die wichtigsten Wahrheiten mit Wort und Tat beizubringen: Mein Vater könnte mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken. Aber wie würde dann an mir die Schrift erfüllt? Ihr kommt mit Schwert und Spieß zu mir, wie zu einem Räuber. Im Tempel, beim Tag ließet ihr mich lehren – und jetzt bei der Nacht legt ihr Hand an mich. Doch so wird die Schrift an mir erfüllt. Jesus lehrt also mit Wort und Tat, dass er zwar die Gewalt der Menschen durch eine höhere Kraft gar leicht bändigen könnte, aber alles dies geschehen lasse, um den Willen seines Vaters, das heißt, die Vorhersagungen der Schrift an sich zu erfüllen. Also das war die Grundfeste der Geduld Jesu: Die Schrift muss an mir erfüllet; der Wille des Vaters muss an mir vollbracht werden – das muss auch die Grundfeste meiner Geduld in meinen Leiden sein: Ich erfülle den Willen meines Vaters, der im Himmel ist: geschehe, was immer will, an mir wird der Wille meines Gottes vollbracht.  

3. Jesus Christus unser Vorbild. Er lässt sich binden, und lässt sich wegführen; Er schweigt, und lässt sich schweigend wie ein Lamm auf die Schlachtbank liefern. Dieses sanfte Nachgeben, diese himmlische Ruhe, dieses göttliche Schweigen meines Erlösers, ist es ganz umsonst für mich? Macht es gar keinen Eindruck auf meine Seele?

III.                  Gebet

Herr Jesu! Umrungen wie einen Aufrührer, gebunden wie einen Mörder, weggeführt wie einen Räuber, verlassen von deinen Jüngern sehe ich dich: Alles zu meiner Belehrung; du schweigst: und schweigst zu meiner Belehrung; du erinnerst deine Jünger und deine Feinde an die heiligen Schriften, worin der Wille Gottes aufbehalten ist: und erinnerst – wieder zu meiner Belehrung. Lass es mich doch einmal glauben, lebendig glauben, dass nichts in der Welt, gar nichts, ohne den Willen deines und unseres Vaters geschehe. Lass mir dein Beispiel stets so nahe, so lebhaft vor meinen Augen sein, dass ich an mein Herz in allen Begebenheiten die wichtige Frage tue: Wie würde sich da Jesus Christus betragen, was würde er geredet, was nicht geredet haben? Lass mich einmal deinen Jünger, deinen Nachfolger werden, der von den Menschen zu Gott, und von den Trübsalen zum Himmel aufblicken, und von dem Himmel Geduld auf die Erde herabholen kann.

 

Vierte Station: Jesus vor dem hohen Rat in dem Haus des Hohenpriesters Kaiphas

I. Geschichte

Von dem Meierhof, wo Jesus gefangen und gebunden ward, führten ihn die Gerichtsdiener und Soldaten zuerst zu Annas, dem gewesenen Oberpriester. Dieser nahm kein Verhör mit ihm vor, und ließ ihn, wohlverwahrt, zu dem regierenden Oberpriester Kaiphas, seinem Tochtermann, führen. Hier waren schon alle Anstalten zu dem gerichtlichen Verhör gemacht. Es war ungefähr Mitternacht: und doch waren in dem Palast des Oberpriesters noch die vornehmsten Ratsglieder versammelt; denn sie hatten die Gerichtsdiener von da aus abgefertigt, und nun ihre Ankunft, nach Wunsch, erwartet. Sobald Jesus gebunden in den Gerichtssaal trat, legte ihm der Oberpriester verschiedene Fragen wegen seiner Lehre und seiner Jüngerschaft vor. Jesus gab zur Antwort: Was ich gelehrt habe, habe ich öffentlich geredet – hier im Tempel, und überall – in den Synagogen und Schulen des Landes. Was fragst du mich? Frage die, die meine Zuhörer waren. Auf diese Antwort gab ihm ein danebenstehender Gerichtsdiener einen derben Backenstreich, als wenn er zu frei geredet hätte. Jesus sah ihn ernsthaft an, und gab ihm die Ungerechtigkeit seines Betragens mit diesen Worten zu verstehen: Hab’ ich unrecht geredet: so zeige mir den Fehler. Hab’ ich recht geredet: was schlägst du mich?  

Jetzt war der ganze Rat damit beschäftigt, dass man ein falsches Zeugnis wider Jesum aufbringen, und ihn zum Tode verurteilen könnte. Es traten viele falsche Zeugen auf: aber sie mussten, ohne Aufsehen zu machen, wieder abtreten; weil sie nicht einmal etwas Erhebliches wider ihn erdichten konnten. Zuletzt kamen zwei falsche Zeugen, und behaupteten, er hätte gesagt: Ich kann den Tempel Gottes zerstören, und ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Aber auch darin stimmten ihre Aussagen nicht überein. Der Hohepriester legte desungeachtet diesem unstatthaften Zeugnis ein großes Gewicht bei; stand von seinem Sitz auf; trat mitten in die Versammlung hervor, und fragte den schweigenden Jesus: Warum antwortest du nichts? Was kannst du gegen diese Aussagen einwenden? Jesus sagte kein Wort; er ließ sie aus der Anklage machen, was sie wollten. 

Der Oberpriester fand sich durch dieses Schweigen in eine Art von Verlegenheit versetzt. Er suchte also der Sache eine andere Wendung zu geben. Um die weitläufigen Untersuchungen zu vermeiden, und auf dem kürzesten Weg zu seiner Absicht zu kommen, forderte er Jesum selbst durch die allerfeierlichste Anrede auf, zu sagen, wer er sei. Die Zeugen konnten nichts Strafwürdiges wider ihn zusammenlügen. Deswegen sollte er durch sein eigenes Zeugnis von sich selbst, zu seiner Verurteilung Gelegenheit geben. Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sagte der Oberpriester zu ihm, sag’ uns, bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?  

Diese Frage war höchste verfänglich. Die Wahrheit, um die er gefragt ward, ist zu wichtig – die Aufforderung war zu feierlich – das Bekenntnis zu notwendig, als dass die göttlichste Geduld hätte länger schweigen dürfen. Jesus kann also nicht schweigen. Und bekennt er die Wahrheit, so werden sie ihn als einen Gotteslästerer verdammen. Er sah die Gedanken der Richter, und wusste seine Verdammung im Voraus, und legte desungeachtet, mit offenem Antlitz, und mit der mächtigen Stimme der Unschuld, das herrliche Bekenntnis ab: Ja, ich bin der Sohn Gottes. Und in dieser Gestalt werdet ihr ihn nicht mehr lange sehen. Zur Rechten der Majestät Gottes werdet ihr ihn nochmals sitzen und auf lichthellen Wolken kommen sehen. 

Der Oberpriester, der dies Bekenntnis erwartet hatte, zerriss sein Brustkleid und sprach: Gelästert hat er: Was braucht es ein Zeugenverhör? Ihr habt die Lästerung aus seinem Munde gehört: was sagt ihr dazu? Die Ratsglieder ließen sich nicht zweimal fragen. Sie waren aus keiner anderen Ursache beisammen, als Jesus, aus was immer für einem scheinbaren Grund, zum Tode zu verurteilen. Er hat den Tod verdient!, war die einhellige Antwort. Und mit diesem einstimmigen Urteil ward die nächtliche Ratsversammlung beschlossen.

II.                   Jesus Christus unser Vorbild

1. Jesus Christus unser Vorbild. Er schwieg zu den falschen Anklagen der bestochenen Zeugen; er ließ sich verleumden; er hielt sich selbst keine Schutzrede. Sein Leben und seine Lehre und seine Wunder waren die beste Schutzrede für ihn. Wenn diese Schutzrede nicht gehört worden: was sollte eine wörtliche Verteidigung vor boshaften, ungerechten Richtern ausrichten? Zudem war er entschlossen, zu leiden. Wer auf Verteidigung denkt, sucht sich dem Leiden zu entziehen. Jesus ging in den Tod, weil er wollte. Dieses Schweigen Jesu, wenn es um nichts Geringeres, als um sein Leben zu tun ist; dieses sein entschlossenes Hingeben seiner Person in den Tod – sollte bei uns wenigstens so viel zuwege bringen, dass wir schweigen, wenn wir durch das Reden unser Leiden gewiss nicht vermindern; dass wir schweigen, wenn wir durch unbesonnenes Klagen unseren Schmerz nur vergrößern; dass wir schweigen, wenn wir durch ewige Schutzreden der Verleumdung nur neue Nahrung geben. Schweigt und widersetzt euch dem Bösen nicht. Wer nicht schweigen kann, der kann nicht leiden. Wer nicht schweigen will, der will nicht leiden. Wer sich im Schweigen übt, der rüstet sich zum Leiden.

2. Jesus Christus unser Vorbild. Er redete laut, sobald es um die Ehre seines Vaters, um die Ehre seines Amtes, um die Wahrheit seiner Sendung zu tun war. Er redete, obgleich er vorhersah, dass sein Reden zur Ehre Gottes als Gotteslästerung würde angesehen werden. Er redete, obgleich er vorhersah, dass sein Reden den Ausspruch der ungerechtesten Verdammung veranlassen würde. Er redete, weil er im Namen Gottes, vor dem Richterstuhl zu reden, aufgefordert wurde. Er redete, weil sein Schweigen eine Verleugnung seines Vaters, eine Entehrung seines Amtes, eine Schändung der Wahrheit gewesen sein würde. Das nenne ich ein edles Bekenntnis der Wahrheit. Jesus! Dein Reden ist so edel, wie dein Schweigen: unser Schweigen aber oft so sündhaft, wie unser Reden. Ach! Wie oft schweigen wir, wo wir reden sollten! Oft sollten wir reden für die Ehre Gottes, für die Ehre des Evangeliums, für die Ehre des Nächsten: und wir schweigen. Oft sollten wir ein Zeugnis für Christus, für unsere Brüder, für die Unschuld ablegen: und wir schweigen. Warum? Wir sehen vorher, dass wir vielleicht durch unser Zeugnis für die Wahrheit, Unschuld und Tugend, den Zorn eines Ungerechten reizen, und uns eine kleine Unbequemlichkeit, eine kleine Verfolgung zuziehen würden. Heißt dies Jesu Christo nachfolgen? Hat er also wirklich für mich umsonst geschwiegen? Umsonst geredet?

 III.    Gebet

Herr Jesu! Du hast es frei und unerforschen herausgesagt: Ich bin der Sohn des lebendigen Gottes. Du wurdest wegen dieser feierlichen Aussage, als ein Gotteslästerer, zum Tod verurteilt. Du wusstest im Voraus, dass dies dein Bekenntnis dich dein Leben kosten würde: und dennoch hast du dieses Bekenntnis abgelegt. Du warst gesandt von deinem Vater; und du hast diese deine Sendung vor dem Richterstuhl der Ungerechtigkeit öffentlich bekannt: weil du im Namen deines Vaters beschworen wurdest, es öffentlich zu bekennen. Du liebst deinen Vater und die Wahrheit mehr als dein Leben. Du scheust die Verleugnung der Wahrheit mehr als den grausamen Tod. Ich erkenne deine standhafte, unüberwindliche Liebe zu deinem Vater und zur Wahrheit. Ich möchte diese Liebe zu deinem Vater und zur Wahrheit gerne nachahmen. So belebe denn mein Herz durch deine Gnade; stärke mein Herz durch dein Beispiel, dass ich dich und deinen Vater mehr liebe, als Ehre, Gut und Leben. Stärke, belebe mein Herz, dass ich die Wahrheit, meinen Glauben an dich und dein Evangelium mit Wort und Tat öffentlich bekenne; dass ich mich nicht scheue, dich meinen Herrn vor aller Welt zu nennen; und dass ich Mut genug habe, nicht nur für dich zu leben, sondern auch für dich zu sterben.

 

Fünfte Station: Jesus von dem niedrigsten Pöbel verspottet

I. Geschichte

Sobald in dem Palast des Kaiphas das Urteil über Jesum ausgesprochen war, dass er den Tod verdient, gingen die Ratsglieder auseinander. Jesus musste die übrige Nacht von dem Pöbel der Gerichtsdiener die niederträchtigsten Beschimpfungen ausstehen. Sobald sie vernahmen, dass Jesus als ein Betrüger und Gotteslästerer zum Tod verurteilt worden ist; weil er sich vor dem hohen Rat auf die Anfrage des Hohenpriesters für den Messias ausgegeben hatte, so waren sie die ersten, die ihm statt der Ehre, die dem Messias gebührte, mit Schimpf und Hohn begegneten. Bald spieen sie ihm ins Gesicht; bald deckten sie sein Antlitz zu, und schlugen ihn mit Fäusten, und machten spottweise vor ihm den Kniefall, und sagten: Wohlan, Prophet Messias, nenn' uns den Mann! Wer ist's, der dich schlug? Er musste ein niederträchtiges Schimpfwort über das andere anhören - und sie trieben allen Mutwillen mit ihm. Er schwieg, und ließ sich von den Gerichtsdienern unmenschlich misshandeln, wie er sich von den Richtern ungerecht verurteilen ließ.
Nun ist erfüllt, was David und Jesaja von dem Messias vorhergesagt haben: "Ich biete meinen Rücken dar denen, die mich schlagen; und meine Wangen denen, die mich zerraufen; ich wende mein Angesicht nicht von Schmach und Speichel; er wird weder Gestalt noch Zierde haben; wenn wir ihn ansehen, so wird keine Schönheit da sein; er wird geängstigt werden, und seinen Mund nicht auftun; viele Narren haben mich umgeben; fette Ochsen von Basan haben mich umrungen; sie haben ihren Rachen wider mich aufgesperrt, wie ein reißender und brüllender Löwe; Hunde haben mich umgeben; die Rotte der Bosheit hat sich um mich gelagert; du hast meine Bekannten von mir entfernt; du hast mich ihnen zum Gräuel gemacht."

II. Jesus Christus unser Vorbild

Ja, unser Vorbild! Er wird von dem verworfensten Gesindel auf das Ekelhafteste und Peinlichste misshandelt; er ist ohne den tröstenden Blick eines Freundes: sie sind alle geflohen. Allein und verlassen blickt er zu seinem Vater hinauf, und schweigt; und jeder Blick zu seinem Vater wird ihm mit neuer Schmach und Lästerung vergolten. Schweigen, dulden, dem Bösen sich nicht widersetzen, und also den Willen seines Vaters genau erfüllen - seht das nachahmungswürdigste Beispiel an unserem Erlöser! O, wenn wir uns an diese leidende und schweigende Unschuld, an den Blick der sanftesten Geduld, an das wehmutsvolle Antlitz des verspotteten Messias öfters erinnerten; wenn wir nie vergessen könnten, wie er schweigend sein Angesicht dem Speichel und den Faustschlägen dargeboten; schweigend die Spötter über sein Leiden spotten; schweigend seine Wangen von dem Pöbel zerraufen; schweigend sein Haupt von den mutwilligen Knechten verhüllen ließ; schweigend den höllischen Jubelgesang über seine Messiaswürde anhörte; - o, wenn wir uns öfters an diese lehr- und beispielreiche Nacht erinnerten, so müssten wir gar keinen Funken einer menschlichen Empfindung in uns herumtragen; oder wir würden zur Nachahmung des schweigenden und leidenden Messias wie mit Gewalt getrieben werden.

III. Gebet

Herr Jesus! Was die Gerichtsdiener an dem gebundenen und verurteilten Nazarener nicht sahen, das sehe ich an dir. Du bist der wahre Messias. Und eben daran, dass dich dein Volk verworfen, und die Führer des Volkes als einen Gotteslästerer zum Tod verurteilt haben; eben daran, dass du als ein Gotteslästerer angespieen, geschlagen, verspottet worden, und dein Angesicht dem Speichel und den Faustschlägen nicht entzogen hast: eben daran erkenne ich mit neuer Gewissheit, dass du der wahre Messias bist; ich bete dich als den wahren Messias an; ich freue mich, dass ich an deiner Schmach deine Würde erkenne; ich begreife, dass du nur durch das Leiden in deine Herrlichkeit eingehen konntest, und ich wünsche nichts so sehnlich, als dass ich einst an deiner Herrlichkeit teilnehme. Lass mich aber auch wohl zu Herzen fassen, dass ich mit dir nicht herrschen könne, wenn ich mit dir nicht leide. Lass mich davon überzeugt werden, dass ich dir in deiner Herrlichkeit nicht ähnlich werden könne, wenn ich nicht an deinem Leiden teilnehme. Sei also jetzt mein Anführer und Beispiel im Leiden, dass ich einst ein Genosse deiner Freude werden könne! Amen.

 

Sechste Station: Jesus wird von seinem Jünger dreimal verleugnet

I. Geschichte

Petrus, der im Garten Gethsemane sein Schwert, auf das Gebot seines Herrn, ungern genug in die Scheide gesteckt hatte, folgte dem nun gebundenen Jesus mit bangem, klopfendem Herzen bis in den Hof des obersten Priesters nach, doch immer in einer Entfernung von den Gerichtsdienern. Indes, da das Verhör seinen Anfang nahm, nähert sich Petrus im inneren Hof dem Kohlenfeuer, um das sich die Gerichtsdiener, Knechte und Mägde des Hohenpriesters, der Nachtkälte wegen, herumgesetzt hatten. Unter Gesprächen von allerlei Art erwartete man begierig, wie der Urteilsspruch ausfallen würde. Petrus stand bald auf, und saß bald wieder zum Feuer. Sein Herumsehen, sein Aufmerken auf alles, was geredet wurde, und alle Zeichen von Unruhe, die er blicken ließ, machten das Gesinde auf ihn aufmerksam. Wenn sie mich nur nicht erkennen, dachte er; und wenn sie mich fragen, ausforschen, was soll ich? Noch hatte er sich nicht besonnen, da stellt sich die Türhüterin vor ihn hin, eben diejenige, der er schon beim Eintritt geleugnet hatte, dass er ein Schüler des Gefangenen sei. Sie blickt ihm steif ins Angesicht und sagt: Auch dieser gehört in die Gesellschaft des gefangenen Nazareners. Weib! Ich kenne ihn nicht, sprach Petrus, und suchte mit erzwungenem Blick seine Aussage zu bestätigen. Jetzt wurde er noch unruhiger als vorher, und konnte mit seinem Herzen noch weniger zurechtkommen. Er will sich in den äußeren Vorhof zurückbegeben, wo nicht so viele Leute wären. Das scheint ihm der sicherste Ausweg zu sein. Indem er hinausgehen will, kräht der Hahn. Aber vor Verwirrung gibt er nicht acht darauf. Über ein Kleines, da er noch nicht hinaus war, sieht ihn ein anderer, fasst ihn stark ins Auge, und sagt: Auch du bist einer von ihnen, von den Anhängern des Nazareners. Wie ein Donnerschlag trifft den verwirrten Petrus dieses Wort. Er weiß sich nicht anders, als so wie das erste Mal, zu helfen. Die zweite Leugnung ist ihm überdies schon leichter als die erste; ist ihm aus  Erfahrung schon vertrauter, natürlicher. Er leugnet, und leugnet nicht mehr mit einem bloßen Nein, sondern mit Beteuerung: Das bin ich nicht. So schnell, Schlag auf Schlag, geht die Verleugnung fort. Ist der Stein im Fallen: wie geschwind und wohin fällt er nicht? Fast eine Stunde saß Petrus nach seiner zweiten Leugnung wieder beim Feuer; denn er blieb wider sein erstes Vorhaben im inneren Hof, um seine Furchtsamkeit nicht noch mehr zu verraten. Scham, Verwirrung, Schmerz wälzten sich in seinem Herzen herum, wie ein zweischneidiges Schwert. Jetzt wird er von einem Vorübergehenden steif angesehen, der in Gegenwart vieler Leute zu ihm sagt: Es ist doch in der Tat so: du bist einer von ihnen. Merkt man dir's doch an der Sprache an, dass du ein Galiläer bist. Ich sah dich ja, sagte ein anderer, der ein Vetter des Malchus war, in dem Meyerhofe. Von allen Seiten so in die Enge getrieben, nahm er auch das dritte Mal seine Zuflucht zum Lügen: aber er war nicht mehr mit einfache Beteuerungen zufrieden. Die göttliche Rache, sprach er, treffe mich, wenn ich die geringste Bekanntschaft mit dem Mann haben. So fing Petrus zitternd mit Leugnen an, und endete mit kühnem Schwören. Er hatte aber noch nicht ausgeschworen, als der Hahn zum zweiten Mal krähte. Bei dieser letzten Verleugnung war Jesus nach geendigtem Verhör eben aus dem Palast in einen bedeckten Gang, der an den Vorhof stieß, geführt worden, von da er den Jünger sehen und hören konnte. Anfangs, in der Hitze des Leugnens hatte Petrus ihn nicht einmal bemerkt. Aber jetzt wendet sich Jesus gegen den Jünger um, und gibt ihm einen Blick voll des zärtlichsten Verweises. Der Blick geht ihm durch die Seele. Nun fällt ihm bei, was Jesus bei angehender Nacht zu ihm gesprochen hatte: Ehe der Hahn zum zweiten Mal kräht, wirst du mich drei Mal verleugnet haben. Diese Worte des Herrn, und das nach dem Wort seines Herrn eintreffende Hahnengeschrei zerschmelzen sein Herz in Wehmut und Reue. Er verhüllt sich in seinen Mantel, geht eilends aus dem Vorhof, aus dem für ihn so unglücklichen Vorhof - und weint bittere Tränen. 

II. Jesus unser Vorbild, und Petrus eine Warnung und ein Beispiel für uns

1. Jesus unser Vorbild. Er hatte seinen Jünger vor dem Fall bei angehender Nacht so vorsichtig gewarnt: Betet und wachet, dass ihr nicht in Versuchung fallet! Er hatte ihm sogar, bei dem letzten Abendmahl, an dem Hahnengeschrei ein Wahrzeichen seiner Schwachheit gegeben, um ihn zur Wachsamkeit aufzumuntern: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. In seinem größten Leiden, in seiner Todesangst am Ölberg, gab er ihm zum wiederholten Male den Unterricht: Wachet, wachet; das Fleisch ist schwach, nur der Geist ist willig. So viel hat Jesus getan, um die Sünde seines Jüngers zu verhindern. Als nun die Sünde, ungeachtet aller Warnungen, vollbracht war; als Jesus zum dritten Male verleugnet war: auch da war Jesus noch immer der mitleidige, sanftmütige, liebende Jesus. Er machte ihm keine bitteren Vorwürfe, wie ein Beleidigter; sondern gab ihm einen zärtlichen Verweis, wie ein mitleidiger Arzt, und wie ein liebender Vater - kein hartes Wort, nur einen Blick gab er ihm. Und dieser Blick sollte ihn nicht strafen, sondern erinnern an das Wort seines Herrn; nicht kleinmütig machen, sondern zur Buße einladen; nicht Rache androhen, sondern Verzeihung ankünden. Jesus wandte sich um, und sah ihn an. So sanftmütig, so versöhnlich sollen auch wir mit denen umgehen, die etwa ein hartes Wort wider uns ausstoßen, oft aus Schwachheit, oft aus Übereilung, oft aus Verbitterung. Ein gutes Wort, ein freundlicher Blick kann das Herz unseres Feindes gewinnen. O, wenn die Beleidigten sich zuerst zu ihren Beleidigern wenden, sie mit einem liebenden Blick ansehen, und ihnen Vergebung anbieten: dann erkennt man, dass sie wahre Jünger unseres Herrn sind. An der Beleidigung soll uns als Christen ja nicht das Unrecht, das uns geschieht, sondern nur das Unglück, die Sünde des Beleidigers, wehe tun. 

2. Jesus unser Vorbild. Er hat seinem Jünger die Versuchungen vorhergesagt, die seine Treue und seinen Glauben erschüttern würden; er hat seinen Jünger, durch Beispiel und Anmahnung, zum Beten und Wachen und Kämpfen aufgemuntert; er hat seinen Vater gebeten, dass er den Glauben seines Jüngers nicht zu tief sinken, nicht untergehen lassen möchte; er hat seinem Jünger diese zärtliche Sorge seines Herzens für ihn, nicht bergen können: "Simon, Simon, der Satan hat euch sichten wollen, wie den Weizen: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre; und wenn du dich einst wieder bekehrst, so stärke deine Brüder!" Er hat seinen Jünger bis zur wiederholten Verleugnung seines Meisters herabsinken lassen: damit er lernte, was es um den Menschen sei, und seine Brüder stärke; er hat seinen Jünger vor dem Fall gewarnt, und nach vorhergegangener Warnung fallen lassen: damit er die Tiefe der menschlichen Schwachheit und der göttlichen Erbarmung an sich erführe - und, aufgerichtet vom Fall, mit den fallenden Brüdern ein Mitleiden haben, und die wankenden festhalten lernte. Wer mag diesen Abgrund der Liebe gegen seinen Jünger ergründen? Liebe war's, die alles angewandt hat, um den Fall des Jüngers zu verhindern; Liebe war's, die den Fallenden mit einem Blick voll beschämender Zärtlichkeit aufrichtete; Liebe war's, die den Fall des Gefallenen zur Schule der Weisheit machte, dass er stärken lernte, was wankte, und aufrichten, was niederfiel. Diese Liebe Jesu soll sich auch an uns offenbaren. Auch wir sollen unermüdet fortarbeiten, um das Böse zu verhindern, weil es böse ist: aber - wir sollen auch den Sünder mit Liebe umfangen, dass er sich bekehre; wir sollen dem Sünder auch die Sünde lehrreich, und, so viel es sein kann, ersprießlich machen. Wie Jesus mit dem eifrigen, sinkenden, fallenden und gefallenen Petrus umging, so soll der Jünger Jesu mit seinen Mitjüngern umgehen. 

3. Petrus eine Warnung für uns. Er verleugnete seinen Herrn, für den er zuvor sterben wollte. Ist dies der nämliche vielversprechende Petrus? Wie kühn griff er nach seinem Schwert, und wagte sich an die Schar? Und jetzt, wie klein, wie schwach, wie mutlos zeigt er sich? Wie ist sein Mut geflohen? Wie sein Herz gesunken? Wie tief ist er gefallen? So ist es: was wir zu hitzig anfangen, wird nicht vollendet. Unsere besten Vorsätze halten in der Versuchung nicht aus; und wer auf seine Kräfte baut, ist verloren. Also fort mit allem Vertrauen auf unsere Tugend. Die Stimme einer Magd, die nächste Gelegenheit, die geringste Gefahr bringt uns zum Fall. Wachen, beten, auf den Herrn vertrauen, kämpfen, hoffen, sich demütigen vor dem, der alles kann - das sollten wir aus dem Fall dieses Jüngers lernen. 

4. Petrus eine Warnung für uns. Die erste Verleugnung macht die zweite leicht, und die zweite macht die dritte noch leichter. Die erste Sünde neigt uns zur Erde; die zweite wirft uns auf den Boden; die dritte fesselt uns gar an. Die erste begehen wir mit zitterndem Herzen, die zweite aus Verwirrung, die dritte mit halber Entschlossenheit. Anfangs leugnen wir; hernach beteuern wir; am Ende schwören wir, dass wir unseren Herrn nicht kennen. Wer zittert nicht vor seiner Schwachheit?

5. Petrus ein Beispiel für uns. Der Herr sah ihn an; und Petrus weinte bitterlich. Ein Sünder aus Übereilung, aus Verwirrung, mit halb und halb entschlossenem Mut lässt sich durch einen Blick seines Herrn wieder zur Reue erweichen. Aber der Sünder mit Vorsatz, der Sünder mit voller Entschlossenheit - Judas, der auch von dem Herrn sanft angeblickt wird; der sogar aus seinem Mund das Wort der Liebe hört: Freund Juda, warum verrätst du mich? - ist wie ein Felsenstück. Kein Blick der Liebe, kein Wort der Liebe kann sein Herz spalten. Wer bebt nicht vor dem Gedanken an eine vorsätzliche Sünde? 

6. Petrus ein Beispiel für uns. Er weint bitterlich; und die Sünde ist ihm vergeben. O, die Tränen eines Sünders sind köstlich vor Gott, und der Fußfall eines zurückkehrenden Kindes ist ein lieblicher Anblick dem Vater. Engel frohlocken über den weinenden Petrus, und die Stunde seines Buße war ein Freudenfest für den Himmel.

III. Gebet

Herr Jesus, du wurdest von deinem Jünger verleugnet, und liebtest deinen Verleugner noch, und hattest Mitleiden mit seiner Schwachheit; gib auch uns ein mitleidiges Herz gegen alle, die uns misshandeln; damit wir mehr über ihre Sünde als unsere Beleidigung trauern! Jesus, du wandtest dich um, und sahst deinen Jünger an, und er weinte bitterlich; wende dich auch zu uns, wenn wir gefallen sind; sieh auch uns an mit dem mächtigen Blick deiner Gnade, damit auch wir über unsre Sünden weinen können, wie Petrus weinte; damit auch wir aufstehen von unserem Falle, wie Petrus aufstand; damit auch unsere Bußtränen den Engel ein Freudenfest im Himmel anrichten, wie die Tränen deines Jüngers! Amen.


Siebte Station: Jesus vor Pilatus

I. Geschichte

Der Morgen war angebrochen, und der hohe Rat hatte sich schon wieder versammelt. Jesus wurde wieder vorgeführt, und gefragt, ob er bei seiner Aussage beharre? Jesus bestätigte seine Aussage, und der hohe Rat sein Urteil: Er habe gelästert, und den Tod verdient. Sie eilten, dieses Urteil zu vollziehen. Aber das stand nicht in ihrer Macht. Pilatus, der im Namen des Kaisers Tiberius regierende Landvogt, war Oberrichter, und ihm gehörte das Endurteil in peinlichen Sachen. Zu dem Landpfleger Pilatus also wurde Jesus hingeschleppt, und die ganze Ratsversammlung erschien in Person vor ihm. Da stehen sie, die Kläger und der Beklagte; jene, wie raubgierige Wölfe, die das geraubte Lamm verschlingen wollen; und dieser, wie das Lamm Gottes, das den Mund nicht auftut, und sich schweigend würgen lässt. Pilatus trat auf einen Platz vor dem Palast, und ließ sich die Klage vortragen. Die Kläger wollten eine weitläufige Anklage vermeiden. Wenn er kein Verbrecher wäre, sagten sie, hätten wir ihn dir nicht überliefert.

Pilatus: Nehmt ihr ihn nur selbst, und straft ihn nach eurem Gesetz.

Die Kläger: Wir haben kein Recht über Leben und Tod.

Pilatus: Was ist denn eure Klage?

Die Kläger: Wir wissen zuverlässig, dass er das Volk aufrührerisch macht. Er überredete die Leute, dass sie dem Kaiser keinen Tribut mehr geben dürfen; er sei der Messias, der wahre Judenkönig.

Pilatus: So wärst du der Judenkönig?

Jesus: Ich bin's.

Diese freimütige Antwort befremdete den Oberrichter. Die Priesterschaft beharrte auf der Anklage. Jesus steht ruhig, ernst, schweigend da, ohne ein Wort zu sprechen. Auch dieses befremdet den Pilatus. Er sagte daher zu Jesus voll Verwunderung: Antwortest du nichts? Höre einmal, was man dir für Verbrechen zur Last legt! Du wirst dich doch auch verteidigen wollen? Jesus sagt kein Wort zu seiner Rechtfertigung. Die Verwunderung des Landpflegers stieg aufs Höchste. Um etwas Bestimmtes von ihm zu erfahren, hielt er für das Beste, ihn abgesondert zu verhören. Er ging also in den Palast, und ließ Jesum durch seine Soldaten hineinführen. Die Hohenpriester und Ältesten blieben draußen auf dem Gerichtsplatz, nicht ohne Besorgnis, die Unschuld möchte aus ihren Händen gerissen werden.

In dem Palast sagt Pilatus zu Jesus: Also hast du dich wirklich für den König der Juden ausgegeben?

Jesus: Sprichst du das aus dir selbst, oder haben dir's andere von mir gesagt?

Pilatus: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir eingehändigt mit der Beschuldigung: Du hättest König sein wollen. Was ist an der ganzen Sache?

Jesus: Die Sache verhält sich so: mein Königreich ist nicht von der Art, wie die irdischen Königreiche sind. Denn wäre mein Königreich ein irdisches, so würden meine Untertanen sich widersetzt und für mich gestritten haben, dass ich nicht in die Hände der Juden wäre eingeliefert worden. Mein Königreich ist nicht von der Art weltlicher Staaten.

Pilatus: Du redest aber doch von einem Königreich; bist du denn ein König?

Jesus: So ist's, ein König bin ich. Zu dem Ende bin ich geboren; dazu kam ich in die Welt, damit ich der Wahrheit Zeugnis gäbe. Ein jeder, der's mit der Wahrheit hält, ist mein Untertan.

Pilatus: Wahrheit! Du redest viel von der Wahrheit; was ist das für eine Sache?

Und gleich auf dieses Wort ging er wieder zur Versammlung hinaus und sagte: Ich finde keine Schuld an ihm.

Da kamen die Hohenpriester und Ältesten in große Verlegenheit. Sie fürchteten, Pilatus möchte der Unschuld etwa noch mächtiger beistehen. Sie wiederholten ihre Anklage: Jesus wiegle das Volk auf; er breite seine Lehre in ganz Judäa aus; in Galiläa habe er angefangen und sei bis daher gekommen. Als Pilatus das Wort Galiläa nennen hörte, fragte er ganz freudig, ob etwa Jesus ein Galiläer wäre - und da er vernommen, dass er wirklich aus dem Gebiet des Herodes wäre, schickte er ihn ohne Weiteres dem Herodes zu, und überließ diesem Fürsten die Untersuchung und Entscheidung der Sache. Er glaubte auf diese Weise des verdrießlichen Handels los zu werden. Und hiermit endigte sich das erste Verhör bei Pilatus.

II. Jesus unser Vorbild

1. Jesus unser Vorbild. Er wird als ein Aufrührer, als ein Empörer gegen die kaiserliche Obergewalt angeklagt. Eine harte Anklage! Und Jesus spricht kein Wort zur Verteidigung. Er kennt Kläger und Richter durch und durch; er weiß, dass sich die Wut seiner Kläger nur mit seinem Blut befriedigen lässt; er weiß, dass sein Richter nicht Mut genug hat, der Wut seiner Kläger zu widerstehen. Das weiß er, und schweigt. Lerne schweigen vor deinem Herrn, lerne schweigen, Jünger Jesu Christi, wenn du mit Menschen zu tun hast, die die Finsternis mehr lieben als das Licht; die die bescheidenste Verantwortung zu neuen Verleumdungen missbrauchen; die immer fragen, und jede Antwort dir zum Fallstrick machen. Sei still, und harre auf den Herrn; er wird deine Unschuld und die Wahrheit zu rechter Zeit ans Tageslicht kommen lassen. Wer möchte mit der Nacht zanken, dass sie nicht Licht ist, und das Licht nicht begreifen kann? Der Kluge wartet, bis der Tag anbricht, und der Morgenstern aufgeht. Der schreit, und lässt seine Klagestimme auf der Gasse hören, der nicht rein in seinem Gewissen, nicht fest in seinem Glauben, nicht stark in seiner Hoffnung ist. Schweige, schweige, wie Jesus, wenn du vor dem Rat der Ungerechten, zur unnützen Verteidigung deiner Person, reden könntest. Schweige, und verschwende die Wahrheit nicht an ihre Feinde. Wer nicht mit Jesus schweigen kann, kann kein Jünger Jesu sein.

2. Jesus unser Vorbild. Er redet die Wahrheit vor Pilatus mit der Freimütigkeit des Unschuldigen, und mit dem Nachdruck des wahrheitsliebenden Messias. Pilatus fordert ihn zum Bekenntnis der Wahrheit auf: Bist du der König der Juden?, und er redet die Wahrheit: Ich bin's. Jesus gibt dem Landvogt sogar einige Erläuterung von seinem Königreich; so viel als nötig ist, um zu beweisen, dass er das Ansehen des Kaisers nicht gekränkt habe. Rede also, rede Jünger Jesu Christi, die Wahrheit wie er - so oft du zum Bekenntnis der Wahrheit aufgefordert wirst, und das Schweigen der Wahrheit nachteilig sein könnte! Tritt hervor mit der Wahrheit und lass sie wirken, was sie kann.

III. Gebet

Jesus, du schwiegst und redetest vor dem ungerechten Richterstuhl des Kaiphas! Du schwiegst bei der Verdrehung der Verleumder; und redetest zur Ehre der Wahrheit und deines Vaters. Auch vor dem politischen Richterstuhl des Pilatus redest und schweigst du. Du schweigst zu den Lügen der Ankläger, und redest auf die Frage des Richters, zur Ehre deines Amtes, der Wahrheit und deines Vaters. Dein Schweigen und dein Reden ist allemal ein Meisterstück deiner Weisheit und deiner Geduld; dein Reden und Schweigen ist allemal gleich lehrreich für uns. Herr, schenk' uns auch die Gabe der Weisheit und die Gabe der Geduld, dass wir uns im Reden und Schweigen als deine Jünger und als Kinder deines Vaters erweisen, und die Ehre deines Namens und die Kraft deines Beispiels vor allen Menschen und in allen Umständen an uns offenbaren! Leidender, schweigender, redender, geduldiger, liebender Jesus, lass du uns jetzt werden, was du warst: damit wir einst werden, was du bist - heilig auf Erden, und selig im Himmel. Amen.

 

Achte Station: Jesus vor Herodes

I. Geschichte

Der gefangene Jesus wurde also als ein Galiläer von dem Richterstuhl des Landpflegers Pilatus zu dem Richterstuhl des Herodes, eines wollüstigen, schwachen, grausamen und verschlagenen Fürsten, geführt. Herodes bezeigte nicht geringe Freude, als man ihm diesen Gefangenen zuführte. Er hätte Jesum schon lange gern gesehen, aber er fand noch nie Gelegenheit dazu. In Galiläa hatte ihn das Gerücht auf diese Person aufmerksam gemacht, und er fiel ehemals auf den Gedanken, dass Jesus der von den Toten auferstandene Täufer Johannes wäre, den er im Kerker enthaupten ließ. Jetzt bekommt er ihn unvermutet zu sehen. Sogleich kommen ihn die Wundertaten wieder in den Sinn, die er sich von ihm erzählen lassen hatte. Eine solche Tat möchte er doch auch einmal sehen. "Und Jesus, als ein Untertan des Herodes, würde seinem Fürsten diesen Wunsch sicher erfüllen, besonders da er jetzt als Gefangener gegen die Gnade seines Fürsten nicht gleichgültig sein würde." So dachte Herodes; so dachte sein Hof. Alles ist auf das, was dieser Mann reden und tun werde, aufmerksam. Jesus steht vor dem Herodes. Aber er gibt sich gar keine Mühe, den Fürsten auf seine Person aufmerksam, oder gegen seine ungerechte Behandlung mitleidig zu machen. Jesus schweigt. Herodes redet ihn herablassend an; zeigt seine Begierde, ein Wunder von ihm zu sehen; und tut sehr viele Fragen an ihn. Jesus schweigt; denn er hat dem Fürsten nichts zu sagen, so viel dieser auch zu fragen hatte. Die Hohenpriester wiederholten vor dem Herodes, wie vor dem Pilatus, ihre lügenhaften Anklagen. Jesus schweigt; denn er wollte gegen seine Ankläger kein Wort verlieren, so viel diese wider ihn zu lügen wussten. Dieses fortdauernde Stillschweigen des Gefangenen sah Herodes mehr für eine Blödheit des Verstandes, als für die Standhaftigkeit eines Aufrührers an: obgleich es keines von beiden war. Er glaubte, es müsse mit den erzählten Wundern nicht so richtig sein, weil Jesus in seiner Gegenwart keines wirkte. Da er sich nun in seiner Erwartung betrogen fand, rächte er sich mit Verachtung dafür. Er spottete des Wundertäters Jesus als eines Blödsinnigen, und verhöhnte ihn als einen Schwärmer mit seinen Hofleuten. Er lässt ihm ein weißes, glänzendes, königliches Kleid anlegen, und ihn in dieser Tracht, als einen wahnsinnigen Judenkönig, zu dem Pilatus zurückführen. Jesus schweigt, und lässt mich sich machen, was der beleidigte Stolz des in seiner Erwartung betrogenen Herodes, und der mordsüchtige Grimm der Hohenpriester mit ihm machen wollten.

II. Jesus Christus unser Vorbild

1. Jesus vor Herodes. Er wird gefragt, und schweigt; er wird angeklagt, und schweigt; er wird verspottet, und schweigt; er wird unter Hohn von einem Richter zum anderen herumgeschleppt, und schweigt. Gott, in welche Hände muss die Unschuld kommen, wenn einmal die Trübsal über sie hereingebrochen ist! Von jedem Wollüstling wird sie verhöhnt; von jedem eigenmächtigen Tyrannen unter die Füße getreten. Doch ja, nur getreten wird sie, aber nicht zertreten. Vater, Allmächtiger, du leitest die Unschuld an deiner Hand; du behütest sie wie deinen Augapfel; und bekleidest sie einst mit Herrlichkeit, dass ihr Spötter zu schanden werden! Dies war die gewisse Hoffnung des leidenden Jesus. Er wusste, dass er den Willen seines Vaters erfüllte, wenn er den Kelch des Leidens bis auf den letzten Tropfen austränke. Er wusste, dass er in seine Herrlichkeit durch Schmach und Hohn eingehen musste. Er leidet und schweigt.

2. Jesus vor Herodes schweigend. Auf alle Fragen antwortet er kein Wort. Warum antwortet er denn jetzt dem Fürsten nicht, da er doch Zeit seines wohltätigen Herumreisens dem geringsten, verachtetsten Menschen, der ihn mit redlichem Herzen fragte, Antwort gegeben, da er doch sonst mit Hilflosen, Kindern, Zöllnern, Sündern geredet hat? Auch Fragen der Wahrheitsliebe, der Heilssorge, des Kindersinnes, des redlichen Elends gibt Jesus allemal Antwort, so wahr, wie Gottes Sohn; und so liebreich, wie ein Bruder der Menschenkinder. Aber auf Fragen kindischer Neugier und Eitelkeit gibt er keine Antwort - auch Fürsten keine. Jesus wusste genau, wo seine Antworten fruchteten, und wo sie nicht fruchteten; wo der Samen des göttlichen Wortes Wurzel schlagen, oder wo derselbe augenblicklich von Raubvögeln würde weggestohlen werden. Er leidet und schweigt.

3. Jesus tut kein Zeichen vor Herodes. Denn er brauchte seine Allmacht nur zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, und zur Hilfe für die Elenden, die an ihn glaubten; niemals aber zum Zeitvertreib eines eitlen, müßigen, neugierigen Toren. Wahrlich, Jesus wirft seine Perlen nicht vor die Schweine, wie er selbst gelehrt hat. Er tut den Willen seines Vaters - leidet und schweigt. Sind wir Jünger Jesu Christi, wenn wir von unserem Meister noch nicht gelernt haben, den Willen Gottes zu tun - zu leiden, zu schweigen?

III. Gebet

Jesus, Taubeneinfalt und Schlangenklugheit schärftest du deinen Jüngern ein: Seid einfältig wie die Tauben, und klug wie dei Schlangen! Diese Lehre bestätigst du jetzt mit deinem Beispiel. Liebevoll und sanft, wie in Taubeneinfalt, gingst du mit deinen Jüngern und den Sündern um: du antwortest auf ihre Fragen. Aber ernsthaft, schweigend, und wie mit evangelischer Schlangenklugheit beträgst du dich gegen deine Ankläger und den Herodes; du gibst keine Antwort auf ihre Anklagen; keine auf seine Fragen. Jesus, deine Lehre ist Weisheit, dein Beispiel ist Kraft - und, was mich am meisten tröstet, deine Gnade ist Allmacht! Ich bitte dich, wie dich ein gläubiger Jünger bitten kann, lass deine Lehre an mir fruchtbar, dein Beispiel an mir gesegnet, deine Gnade an mir kräftig sein. Erleuchte, stärke mich, dass ich durch Taubeneinfalt und Schlangenklugheit die Wahrheit deiner Lehre, die Stärke deines Beispiels, und die Allmacht deiner Gnade an mir beweise. Lass mich im Leiden sanft, geduldig und stille sein, wie du einst warst: damit du und dein Vater, Himmel und Erde, Menschen und Engel an mir, als einem wahren Jünger der schweigenden und leidenden Unschuld, Freude haben! Amen.

 

Neunte Station: Jesus das zweite Mal vor Pilatus. Er wird dem Mörder Barrabas nachgesetzt

I. Geschichte

Als Jesus von dem Herodes zurückkam, ließ Pilatus den Oberpriester und die geistlichen und weltlichen Glieder des hohen Rates wieder vor sich kommen, und erklärte ihnen, wie er nach genauer Untersuchung die Sache finde. "Ihr habt diesen Menschen", sprach er, "als einen Verräter des Volkes zu mir gebracht; ich hab' ihn in eurer Gegenwart verhört, und fand ihn keines Verbrechens schuldig.  So urteilte Herodes auch; er fand kein Todesverbrechen an ihm, so wenig als ich. Geißeln will ich ihn lassen, und dann auf freien Fuß stellen." - Pilatus glaubte nicht, dass Jesus die Strafe der Geißelung verdient hätte. Doch um seine Ankläger nicht zu sehr zu beschämen, und ihn desto gewisser der Todesstrafe zu entziehen, schlug er aus Schwachheit diese gelindere Strafe vor. Jesus beobachtete während dieser Zeit ein tiefes Stillschweigen. Er bezeugte über die guten Gesinnungen des Pilatus keine Freude; und über die mörderischen Anschläge seiner Ankläger keine Unruhe. Nun kam ein neuer Umstand dazwischen. Es war eben der Tag, an welchem Pilatus jährlich einen Gefangenen loszugeben pflegte. Er stellte daher einen berüchtigten Mörder und Aufrührer, mit Namen Barrabas, neben Jesus hin; und dachte, das Volk würde um die Loslösung Jesu bitten. Er glaubte, die Wahl zwischen Barrabas und Jesus wäre eine leichte Sache. Sollten die Priester wohl einen offenbaren, todeswürdigen Missetäter der offenbarsten Unschuld vorziehen? So dachte Pilatus, aber sein Vorhaben kann ihm nicht gelingen. So leicht sind die Todesfeinde Jesu nicht zu besänftigen; sie ruhen nicht, bis der Unschuldige am Kreuz hängt. Der grimmige Löwe ruht nicht, bis sein Raub verschlungen ist. Schon wirklich haben die Hohenpriester das Volk aufgehetzt, dass es um die Loslassung des Barrabas anhalten sollte. Pilatus drang jetzt auf die nähere Erklärung des Volkes, und sprach: Ich habe euch zwei Gefangene vorgeschlagen - wählet! - Wollt ihr den jüdischen König oder den Aufrührer Barrabas los haben? Da schrieen alle insgesamt: Lass uns den Barrabas los; nicht Jesum, erscholl es von allen Seiten her, sondern Barrabas! Jesus schwieg.

II. Jesus Christus unser Vorbild

Jesus wird dem Barrabas nachgesetzt. O des armen, betrogenen, verführten Volkes! Das Volk, dem Jesus von Nazareth so viele Kranke geheilt, so viele Besessene erledigt, so viele Blinde sehen, so viele Lahme gehend gemacht hat; das Volk, unter dem er voll Gnade und Wahrheit, voll Liebe und Sanftmut umherzog; das Volk, das noch vor wenigen Tagen Hosanna über ihn ausgerufen hatte: Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn - dieses Volk ruft jetzt mit wildem Geschrei: Nicht Jesum, nicht Jesum; sondern den Mörder Barrabas gib uns los. Und der Wohltäter Jesus, der jetzt von dem undankbaren, oder vielmehr von dem betrogenen Volk dem Übeltäter nachgesetzt wird - er schweigt, voll Mitleidens gegen das betrogene Volk; voll Mitleidens gegen die Volksverführer - die Pharisäer, Schriftgelehrten, Hohenpriester; voll Mitleidens gegen den schwachen und aus Schwachheit ungerechten Pilatus.

So wird die Unschuld misshandelt, und auch diese Misshandlung erträgt sie mit Geduld und Liebe. Wie empfindlich wäre es für uns, mit einem öffentlichen Missetäter auch nur in Vergleich zu kommen; ob wir gleich so viele und großen Sünden begangen haben! Wie empfindlich wäre es für uns, einem erklärten Missetäter nachgesetzt zu werden - und nachgesetzt von einem ganzen Volk - nachgesetzt von so einem Volk, das wir etwa geliebt und mit Wohltaten überhäuft hätten! Und nun, der unschuldige und wohltätige Jesus wird von seinem Volk, das er belehrt, geheilt, ernährt, und, wie ein Vater sein allerliebstes Kind, geliebt hatte - dem Aufrührer Barrabas nachgesetzt. Und auch bei diesem ungerechten, undankbaren, schimpflichen Betragen seines Volkes schweigt Jesus, und liebt mitleidig noch sein undankbares Volk. Diese unüberwindliche Liebe gegen die Undankbaren; diese mehr als felsenfeste Geduld in den ungerechtesten Beschimpfungen; dieses ehrwürdige Schweigen dessen, der die Zunge gemacht hat; dieses allmächtige Beispiel unseres Herrn und Meisters - reizt es den Jünger Jesu noch nicht zur Nachfolge?

III. Gebet

Jesus, ich bin nicht wert, dein Jünger zu heißen, wenn mir dein  Beispiel nicht heilig ist; ich bin nicht wert, den Namen eines Christen zu tragen, wenn mir die Geduld des Christen fehlt; ich bin nicht wert, dein Leiden zu betrachten, wenn mich dein sanftes, stilles Ausdauern im Leiden nicht zur Nachfolge aufmuntert! Sohn Gottes, wie kann ich dich als meinen Herrn anbeten, wenn ich dir nicht als meinem Beispiel nachfolge? Herr, lass deine Liebe an mir nicht umsonst sein. Ermuntere, erleuchte, stärke mich mit deiner Gnade, dass ich das Leiden, Lieben, Schweigen doch einmal lerne von deinem lehrreichen Beispiel! Amen.

 

Zehnte Station: Die Geißelung und Verspottung Jesu

I. Die Geschichte

Als das aufgehetzte Volk den Mörder Barrabas losbegehrte, wurde Pilatus über den widrigen Erfolg seines Vorhabens bestürzt: er fasste sich aber bald wieder. Und wenn ich euch, rief er dem hohen Rat und zusammengedrängten Volk zu, den Barrabas ledig lasse, was soll ich mit diesem Jesus, mit dem Judenkönig vornehmen? Da schrie man wieder von allen Seiten zusammen: An's Kreuz lass ihn schlagen, an's Kreuz mit ihm. Pilatus war eben nicht gewohnt, dem Geschrei des Pöbels so geschwinde nachzugeben. Er rief ihnen nochmals zu: "Was hat er den Böses getan? - Ich finde nicht, dass er den Tod verdient hat. Bei dem soll es bleiben, was ich gesagt habe: Geißeln lasse ich ihn, dann schenke ich ihm die Freiheit." Das Volk schrie aber nur noch heftiger: "An's Kreuz mit ihm, an's Kreuz mit ihm; weg mit ihm - wir wollen ihn nicht; kreuzige ihn." Indes wird Jesus in den Palast hineingeführt und gegeißelt. Die Soldaten trieben noch dazu wildes Gespött mit ihm, wie Herodes, nur noch grausamer und wilder. Sie flechten einen Kranz von Dornen; setzen ihm diesen, als eine Königskrone, auf das Haupt; ziehen ihm sein Oberkleid aus, und legen ihm ein rotes Soldatenkleid als einen Königsmantel um; in die rechte Hand geben sie ihm statt eines Zepters ein Rohr, als wenn ihn eitler Stolz verleitet hätte, nach königlicher Würde zu streben; fallen dann vor ihm auf die Knie nieder unter höhnischen Zurufen: Heil dir, Judenkönig! Plötzlich verwandeln sie ihre spöttische Schmeichelei in noch gröbere Beschimpfungen; speien ihn an, reißen ihm das Rohr aus der Hand, schlagen ihn mit demselben auf das Haupt, vermehren so den Schmerz der stechenden Dornen. So misshandelt, so verspieen - mit Rohr und Mantel und Dornenkrone lässt ihn Pilatus aus dem Palast hinaus, und vor das Volk führen. Seht, sagt er, ich lass ihn wieder zu euch führen, und erkläre mich nochmals, dass ich ihn keines Verbrechens schuldig finde! Jesus stand eine Weile mit der Dornenkrone, und in dem roten Kleid da. Seht da den Menschen!, sprach Pilatus. Er glaubt noch immer, dass durch diese gelindere Abstrafung eines ganz unerweislichen Verbrechens, und durch den Anblick des unschuldig misshandelten Jesus, die Wut seiner Ankläger könne besänftigt werden. Allein die Priester, die höheren und niederen Gerichtsdiener, das Volk - alles schrie: An's Kreuz mit ihm! Jesus schwieg, und überließ seinen Rücken den Geißelstreichen, sein Angesicht dem Speichel, sein Haupt den Dornen, seine Schulter dem roten Mantel, seine rechte Hand dem Rohr, sein Ohr dem Spott - seine ganze Person den mutwilligsten Misshandlungen.

II. Jesus Christus unser Vorbild

Er trank den bittersten Kelch des Leidens, weil es der Wille seines Vaters war, dass er ihn trinken sollte; er trank den Kelch des Leidens, ohne sich dem Bösen zu widersetzen; er trank den Kelch des Leidens vom ersten bis zum letzten Tropfen. Wo ist ein Schmerz, den er nicht empfunden? Wo eine Verhöhnung, die er nicht ausgestanden? Der erste und größte Wohltäter wird schmerzhaft gegeißelt wie ein Übeltäter. Der König der Wahrheit und seines Volkes wird als ein Lügenkönig verhöhnt. Sein Angesicht, die Freude der Engel, lässt er mit Speichel verunreinigen. Seine Hand, die er nur zum Wohltun ausstreckt, bietet er dem  Rohr dar. - Gekrönt mit Dornen, umhangen mit dem roten Kleid, geschlagen mit dem Rohr, verhöhnt mit spotthaften Anbetungen... Was konnte er leiden, das er nicht gelitten hat! Schwachheit des Richters, Neid und Bosheit der Ankläger, Blindheit des Volkes, Mutwille der Soldaten, Spott, Hohn, Schmerz, Undank, Streiche, Stiche, Schläge - alle Bitterkeit und alles Wehe, alles Leiden und alle Marter versammelte sich, und strömte auch Jesus hin. Er trank den bittersten Kelch des Leidens vom ersten bis zum letzten Tropfen. Und alle Schmerzen, alle Verhöhnungen, alle Misshandlungen duldete er mit stiller Ergebenheit in den Willen dessen, der ihn gesandt hat. Wahrhaftig, der Sohn Gottes leidet, was kein Mensch gelitten hat; der Sohn Gottes leidet, wie kein Mensch gelitten hat; der Sohn Gottes leidet, wie wir leiden sollen. - Und was, wie leiden wir?

III. Gebet

Herr, an dir sehe ich, was ein Menschenherz leiden kann; und wie ein leidendes Menschenherz, auch im äußersten Leiden, mit dem himmlischen Vater noch zufrieden sein kann; und eben darum noch zufrieden sein soll. Dein Leiden und dein Dulden lehrt mich, was Leiden und Dulden ist. Das Leiden mag noch so lange dauern, deine Geduld wird nicht überwunden. Die Wut der Ankläger mag noch so unmenschlich; die undankbare Volksstimme, kreuzige ihn, noch so wütend; das Nachgeben des Richters noch so ungerecht; der Mutwille der Soldaten noch so bübisch werden: deine Geduld wird nicht besiegt; deine Standhaftigkeit nicht erschüttert; deine Ergebung in den Willen deines Vaters nicht übermannt; dein Gleichmut nicht überwölkt, dein weises Schweigen nicht ermüdet. Leidender, lass dein Leiden an meinem Herzen kräftig sein; lass mir deinen heißen Kampf in Gethsemane, deinen entschlossenen Mut vor Kaiphas, dein hohes Schweigen vor Herodes, deine stille ruhige Ergebung bei der Geißelung und Verspottung - lass mir dein Beispiel gegenwärtig, recht nahe sein, wenn das Leiden an mich kommt! Lass mich durch standhafte Geduld beweisen, dass ich an deine Person glaube, und nach deinem Beispiel handle.

Elfte Station: Jesus wird von Pilatus zum Tod verurteilt

I. Geschichte

Pilatus hatte geglaubt, die Wut des hohen Rates würde durch den Anblick des gegeißelten und verspotteten Jesus besänftigt werden. Allein, seine Erwartung hat ihn betrogen. Wir haben ein Gesetz, schrieen die Juden; und nach dem Gesetz muss er sterben; er hat sich für den Sohn Gottes ausgegeben. Dies setzte den Pilatus in  noch größere Verlegenheit. Er ging wieder in den Palast hinein, und fragte Jesus: Woher bist du? Jesus gab ihm keine Antwort. "Mit mir willst du nicht reden?, fuhr Pilatus fort. Weißt du nicht, dass ich Gewalt habe, dich zu kreuzigen - oder frei zu lassen? Dein Schicksal hängt von mir ab: ich kann dich an's Kreuz schlagen - ich kann dich ledig lassen." Das hängt nur insoweit von dir ab, antwortete Jesus, als es dir durch höhere Zulassung vergönnt ist; und so beruht die größere Schuld auf dem, der mich dir überliefert hat. Diese Antwort hatte so viel Edles, dass Pilatus mehr als jemals geneigt wurde, ihn ledig zu lassen. Er geht wieder auf den Gerichtsplatz. Da schrieen ihm die Juden, so heftig wie noch nie, entgegen, und griffen ihn auf der schwächsten Seite an: Wenn du den ledig lässt, so bist du nicht des Kaisers Freund. Denn jeder, der sich zum König aufwirft, empört sich gegen den Kaiser. Die Worte: "Du bist nicht des Kaisers Freund", machten auf die weltkluge, schwache Gerechtigkeitsliebe des Pilatus einen so starken Eindruck, dass er Jesus sogleich herausführte, und sich unter offenem Himmel, auf einem mit Marmor gepflasterten freien Platz, zu Gericht setzte. Der Ort hieß Gabbata. Hier sprach er zu den Juden: Da seht euren König! Sie schrieen von allen Seiten her: Weg mit ihm, an's Kreuz mit ihm. Euren König sollte ich kreuzigen?, fragt Pilatus noch einmal. Wir haben keinen König, riefen die Priester, als den Kaiser. Auf dieses Wort lässt sich Pilatus ein Gefäß mit Wasser reichen; wäscht vor allen Zuschauern die Hände, und spricht mit vernehmlichen Worten: So bin ich unschuldig an dem Tod dieses Gerechten; mögt ihr's verantworten. Ja, wir nehmen's auf uns, war die Antwort; wir und unsere Kinder wollen's entgelten, wenn ihm Unrecht geschieht. Nun gab Pilatus den Juden nach, und tat den richterlichen Ausspruch: Jesus soll an das Kreuz geschlagen, und Barrabas losgelassen werden. Jesus schwieg, und vernahm sein Todesurteil aus dem Mund des Pilatus, ohne ein Wort dagegen zu sagen, so wie er vor Kaiphas und Herodes großmütig geschwiegen hatte.

II. Jesus Christus unser Vorbild

Jesus Christus ein Geduldlamm. Er sieht, dass er ein Opfer des Neides der Hohenpriester, ein Opfer der Unwissenheit des Volkes, ein Opfer der Schwachheit des Richters Pilatus wird - und redet kein Wort zu seiner Verteidigung. Er ist immer der nämliche Jesus - am Ölberg bei der Gefangennehmung, in dem Palast des Kaiphas vor dem hohen Rat, vor Herodes und vor Pilatus - immer der sanftduldende, stillleidende, seinem himmlischen Vater gehorsame Jesus.

Der Heilige, der Unschuldige, der Schweigende wurde nun ganz der unbezähmten Wut seiner Feinde zur grimmigsten Misshandlung dahingegeben. Seht das stille, sanfte Gotteslamm in der Gewalt der Unmenschlichkeit! Er duldet und schweigt; er erfüllt, und lässt an sich erfüllt werden, was er am Ölberg ausgesprochen hat: Vater, dein Wille geschehe, nicht der meine! Er konnte sein Leben retten, und hat es nicht gerettet; er schweigt, wo er mit gutem Erfolg für seine Befreiung reden konnte; und redet da, wo es ihm schaden muss. Sein Schweigen, sein Reden, sein Leiden - alles spricht laut, was am Ölberg der Inhalt seines Gebetes war: Vater, dein Wille geschehe, nicht der meine!

III. Gebet

Herr Jesus, von deiner Gefangennehmung am Ölberg, bis zur Verurteilung auf dem Richtplatz hab' ich nun dein menschliches und göttliches Leiden betrachtet. Menschlich ist dein Leiden; denn alles hast du ausgestanden, was immer die Menschheit leiden kann. Göttlich ist dein Leben; denn so hast du gelitten, wie nur Gottes Sohn leiden kann. Bei allen Abänderungen deiner Leiden, da Schmach und Schmerz, Spott und Schläge, Verleumdung und Verdammung stets miteinander wechselten, und jetzt sich vereinigten, dich an Leib und Seele alle menschlichen Plagen empfinden zu lassen - in allen deinen Leiden zeigt sich dein in Liebe und Geduld unermüdliches Herz. Lieben und Leiden, Lieben und Schweigen, Lieben und Gehorsamen, Lieben und Ausdauern - das, Jesus, das bewundere ich an dir; das sehe ich an dir, wie an keinem anderen. O, ich bitte dich, lass mich darin deinen Jünger, deinen Nachfolger, deinen Schüler sein, dass sich meine Liebe zu dir vor allem im Leiden, Schweigen, Gehorsamen und Ausdauern offenbare! Amen.

 

Zwölfte Station: Der Todesgang Jesu oder seine Ausführung zur Richtstätte

I. Geschichte

Als Pilatus das Todesurteil über Jesus aussprach, stand er noch in der spöttischen Königskleidung da. Ein Anblick, der sowohl Juden als Römern zu wildem Gespött Anlass gab. Jetzt aber, da aus Schimpf Ernst wurde, zogen sie ihm den Purpurmantel aus; nahmen ihm Stab und Krone ab, und ließen ihn seine Kleider wieder anziehen. Gleich darauf wird er von dem Gerichtsplatz durch die Gassen der Stadt nach der Richtstätte ausgeführt. Ermattet und ganz erschöpft durch alle vorhergegangene Marter, muss er noch das schwere Kreuz auf seinen Schultern nachschleppen. Unterwegs, da er unter der drückenden Last des Kreuzes ganz gewiss zusammen gesunken wäre, wenn er es bis zur Schädelstätte hätte tragen müssen, zwingen sie einen gewissen Simon von Cyrene, der eben von dem Feld daher kam, und staunend dem fürchterlichen Zug zusah, ihm's nachzutragen. So geht nun der Todeszug fort, feierlich still, nur von dem Geschrei der Kriegsknechte, und dem Hohngelächter der Spottenden und Triumphierenden unterbrochen. Eine große Menge Volks drängt nach - und Weiber, die den still dahinwandelnden Jesus beklagen und beweinen. In's zartere Herz dieses Geschlechtes hat sich das Mitleiden zurückgezogen, das von Richterstühlen und vom Tempel verbannt war. Jesus sieht die Trauernden; entkräftet bis zum Umsinken, spricht er noch mit ihnen, und bereitet sie vor auf die Tage, die da kommen sollen. So spricht ein Gerechter, der sich zum Besten der Seinigen aufopfert, und den Jammer seines verblendeten Volkes, im sterbenden Herzen auf's Lebhafteste empfindet. "O ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch selbst und über eure Kinder. Denn es kommen Tage, in welchen man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren, die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht gesäugt haben. Dann werden sie anfangen zu den Bergen zu sagen: Fallt über uns; und zu den Hügel: bedeckt uns. Muss das frische, saftige Holz sich so verzehren lassen: was wird dem dürren widerfahren?" Das sagt er, und ging seinen Weg zum Tode fort. So schwebt ihm stärker, als sein eigenes Leiden, ihr Unglück vor. Von seinem eigenen Leiden redet er nicht anders, als inwiefern es für die Urheber dieses Leidens die traurigsten Folgen nach sich ziehen würde. Dieses schreckliche, furchtbare Schicksal verhehlt er denen nicht, die ihn beweinten. Seine Weissagung musste zwar den Weinenden Mark und Bein durchschneiden; aber sie war doch zu ihrem Nutzen. Sie sollten sich jetzt schon gewöhnen, an das kommende Elend zu denken. Dass er ihnen hierüber die Augen öffnete, war also mehr Wohltat, als Kränkung. Wenn ihnen hernach diese Worte, die er bei seinem Hingehen zum Tod gesprochen, wieder zu Sinn kamen; so konnte sie die Erinnerung des sterbenden Wohltäters nach und nach in diejenige Fassung bringen, die bei Erwartung des nahen Untergangs ihres Vaterlandes die beste und vernünftigste war.

Also überhörte Jesus bei all seinem Leiden die Stimme des weiblichen Mitleidens nicht, und ließ sogar diese billige Liebe nicht unbelohnt. Er machte die Mitleidenden auf ihr eigenes Unglück aufmerksam: Weint nicht über mich, sondern über euch und eure Kinder; er sagte ihnen den bevorstehenden Untergang der Nation deutlich vor; damit sie bei der herannahenden großen Veränderung alle nötigen Maßregeln ergreifen könnten. Jesus der Liebende auch in seinem Todesgang. Seine Feinde konnten diese Weissagung wohl auch hören; allein sie waren gar nicht aufgelegt, sich von dem belehren zu lassen, den sie gleichsam im Triumph zum Tod hinausführten. Um seine Schmach zu vermehren, wurden zwei zu derselben Todesstrafe verurteilte Übeltäter mit ihm hinausgeführt. Nichts konnte die wilden Gemüter mehr zum wilden Hohn verleiten, als der Anblick dieser schimpflichen Gesellschaft. Jesus von Nazareth, welcher nach der Königswürde sollte gestrebt haben, und sich für den Messias ausgab - geht in Gesellschaft der Verbrecher, auch als ein öffentlich angeklagter und zum Tod verdammter Verbrecher, zur Richtstätte hinaus. Der Unschuldigste wird in die Reihe der Verbrecher gesetzt. Der wahre König der Juden, der wahre Messias wird, als der erste Bösewicht, zur schimpflichsten und grausamsten Todesstrafe hinausgeführt. Er schweigt und geht seinen Heldengang, wie keiner vor ihm, und keiner nach ihm. Endlich kam der fürchterliche Todeszug mit all den neugierigen, spottenden, mitleidenden, weinenden Zuschauern zur Schädelstätte. Jesus steht an dem Ort, wo sonst die verruchtesten Bösewichter auf der Welt hinausgeschafft wurden. Das Lamm Gottes auf der Schlachtbank, unter Mörderhänden!

II. Jesus unser Vorbild

1. Jesus unser Vorbild. Er trägt sein Kreuz auf seinen Schultern zur Richtstätte, bis ihm die zu schwere Last abgenommen wird; er geht, durch vorhergegangene Leiden erschöpft, unschuldig, göttlichgelassen und stillschweigend in den Tod. - Und ich, ein Sünder, bin ohne Geduld in den kleinsten Widerwärtigkeiten, bin voll Unruhe, Klagens, Murren in den verdientesten Leiden!

2. Jesus unser Vorbild. Er überhört die mitleidigen Stimmen der Weiber nicht; vergisst seines eigenen Leidens; belehrt und bereitet sie auf ihr kommendes Schicksal. Der Wohltäter ohne seinesgleichen, der zärtlichste Liebhaber seines Volkes! Verworfen von seinem Volk, liebt er noch sein Volk; und es geht ihm mehr der kommende Untergang seines Volkes, als sein gegenwärtiges Leiden zu Herzen. Der großmütige Dulder! Er sucht sein Leiden durch das Mitleiden anderer nicht zu erleichtern; er will die Mitleidenden auf ihr künftiges Leiden aufmerksam und zum Voraus gefasst machen. - Wie lieblos bin ich gegen andere, wenn ich das kleinste Leiden auszustehen haben! -

3. Jesus unser Vorbild. Er geht in der Gesellschaft der Verbrecher in den Tod, und schweigt. Wahrhaft, immer die leidende, misshandelte, schweigende Unschuld. Je mehr das Leiden zunimmt, desto herrlicher zeigt sich die schweigende Geduld. Er wurde dem Missetäter Barrabas nachgesetzt, und schwieg. Er wurde als Missetäter zum Tod verdammt, und schwieg. Er wird in der Gesellschaft der Missetäter zur Kreuzigung hinausgeführt, und schweigt.

III. Gebet

Herr, um deine Geduld - um eine Geduld, die der deinen gleicht, bitte ich dich! Denn über deine Geduld ist keine Geduld. Deine Geduld schweigt, wenn die rechte Zeit zum Schweigen ist. Deine Geduld redet, wenn die rechte Zeit zum Reden ist. Deine Geduld ist Weisheit und Güte. Deine Geduld unternimmt nichts zur Linderung des eigenen Schmerzens; und unternimmt alles zur Verhinderung des fremden Elends. Deine Geduld ist das einzige, wahre Muster der vollkommensten Geduld in den größten Leiden. Herr, deine Geduld lehre mich kennen: deine Geduld lehre mich üben. Dies ist mein Gebet. Erhöre mich: dafür werde ich dich ewig preisen! Amen.

 

Dreizehnte Station: Jesus am Kreuz

I. Geschichte

Es war ungefähr die neunte Stunde vormittags, da man auf dem Richtplatz angekommen war. Hier stand Jesus, und sein Kreuz neben ihm. Auf eben diesen Platz kamen mit ihren Kreuzpfählen die zwei Aufrührer, die mit ihm sollten hingerichtet werden. Die Soldaten sahen die Orte aus, wo die Kreuze befestigt werden mussten. Indes wurde Jesus der Trank gereicht, den man den Verurteilten vor der Hinrichtung zu geben pflegte: dass sie sich durch Betäubung der Sinne gegen die Schmerzen abhärteten. Das Getränk war bitterer, essigsaurer Wein mit etwas Myrrhe vermengt. Jesus hielt es an den Mund; aber trank es nicht. Denn es war ihm nicht darum zu tun, sich gegen die Marter unempfindlich zu machen. Er wollte sich in seinem Leiden nur durch Gehorsam und Liebe zu seinem Vater stärken; nicht durch berauschende Getränke die Vernunft und Empfindung rauben. Das Kreuz wurde auf den Boden gelegt; die Kriegsknechte ziehen sich aus; ergreifen Stricke, Hammer, Nägel; die Zuschauer drängen sich näher zusammen; und das laute Gemurmel wird zur schrecklichen Stille. Die heilige Geschichte eilt über die Umstände der Kreuzigung hinweg, und lässt es uns zu empfinden über, wie die Kriegsknechte dem erschöpften Jesus die Kleider von dem zerfleischten, blutenden Leib wegreißen; ihn niederwerfen auf's Kreuz; Arm und Füße auseinanderstrecken; zuerst die Hände an beide Enden des Querbalkens, dann die Füße unten am Stamm fest annageln; und endlich das Kreuz, und Jesus an dem Kreuz, in die Luft emporheben. - Das Kreuz ist festgemacht, und Jesus, der Sohn Gottes, hängt zwischen Himmel und Erde. Die Missetäter wurden auch gekreuzigt: aber sein Kreuz wurde recht mit Fleiß in die Mitte gesetzt. Jesus öffnete bei seiner Kreuzigung, wie bei dem Verhör und der Ausführung, seinen Mund nicht gegen seine Ankläger, Richter, Peiniger. Nur dies hörte man ihn vernehmlich sagen: Vater! Verzeih ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun. Und so drückte Jesus mit seinem Beispiel das letzte Siegel auf seine Lieblingslehre: Liebt die, welche euch hassen; betet für die, die euch Böses tun; segnet die, welche euch fluchen!

Wie Jesus nackt am Kreuz hing, teilten seine Kreuziger die ihm ausgezogenen Kleider unter sich. Jeder bekam einen gleichmäßigen Anteil. Über das innere Kleid, den Leibrock, welcher ein zusammenhängendes Gewebe ausmachte, und nicht füglich getrennt werden konnte, - warfen sie das Los, welchem er zuteil werden sollte. Und so erfüllte sich die Vorhersage des Propheten: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt, und über meinen Leibrock das Los geworfen. Die Aufschrift, die Pilatus über dem Haupt Jesu am Kreuz anheften ließ, war auf einem Täfelein in drei Sprachen geschrieben: syrisch-chaldäisch, um der einheimischen; griechisch, um der ausländischen Juden willen, und um der römischen Soldaten willen, römisch. Die Hohenpriester fanden die Aufschrift bedenklich, weil er statt: König der Juden, heißen sollte: der sich für den Judenkönig ausgab. Allein, Pilatus konnte nicht zur Abänderung der Aufschrift bewogen werden. Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben, war seine Antwort. Indes hat eben diese Aufschrift, und der Anblick des gekreuzigten Judenkönigs, die allgemeinste und bitterste Verspottung veranlasst. Der Pöbel und die Soldaten, die Priester, Ratsglieder, Pharisäer - alles, was spotten konnte, spottete: "Ist das der Tempelzerstörer, der ihn in drei Tagen wieder aufbaut? - Er rette sich selbst - Bist du der Messias: so lass sehen, was du kannst; mache dich los vom Kreuz; steig herunter - Wenn du Gottes Sohn bist: so soll dich Gott nicht so elend da hängen lassen - Ha! Der König der Juden, der wird sich schon zu helfen wissen."

Jesus schwieg. Leiden war sein Geschäft; Leiden und Schweigen und Beten für seine Spötter, sein Gehorsam. 

Da Jesus so allgemein gelästert wurde, und zu allen Lästerungen stillschwieg, erhob noch sogar auch einer aus seinen Mitgekreuzigten seine Lästerstimme wider ihn. Wenn du der König Israels bist, rief er ihm mit Bitterkeit zu; so hilf dir selbst und uns. Jesus schwieg, als wenn er diesen Spott nicht gehört hätte. Da wurde der andere Mitgekreuzigte, der von sanfterer Gemütsart war, und lange schon die hohe Geduld der schweigenden Unschuld im Stillen betrachtet hatte - über seinen Mitverbrecher unwillig, dass er die Spöttereien der Soldaten und der Priester so niederträchtig wiederholte. Er gab ihm diesen Verweis: "Hast du auch keine Gottesfurcht, wie diese anderen? Du befindest dich in demselben elenden Zustand, und solltest am wenigsten an's Spotten denken. Und dann ist ja unser Leiden gerecht; wir empfangen den verdienten Lohn unserer Taten: Er hingegen hat nichts Böses verübt. Herr! (indem er sich mit dem Haupt, so viel möglich, zu Jesus hin kehrt) sei meiner eingedenk, wenn du in dein Reich kommst." Ja, versetzte Jesus, heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein. Dies musste in dem großen Meer der Leiden eine unaussprechliche Freude für das Herz des Seligmachers gewesen sein, dass er am Kreuz noch eine Seele dem Himmel gewonnen hat. 

II. Jesus unser Vorbild

1. Jesus ein Vorbild der Feindesliebe. Niemand hat mehr gelitten als Jesus Christus. Niemand hat mehr geliebt als Jesus Christus. Niemand hat schöner, edler verziehen als Jesus Christus. Die höchste Geduld ist die höchste Liebe: Vater! Verzeih ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun. Die höchste Liebe bittet um Vergebung für die, welche ganz Hass, Neid und Wut sind: Verzeih ihnen. Die höchste Liebe entschuldigt, was nach allem Ansehen nicht kann entschuldigt werden: Sie wissen nicht, was sie tun. Der mag immer befehlen: Liebt eure Feinde, der seine Kreuziger am Kreuz mit Liebe umfasst: sein Gebot kann auch nur Liebe sein. Der mag immer befehlen: Bittet für eure Feinde, der für seine Kreuziger am Kreuz noch bittet: sein Gebot kann auch nur Segen sein. Der mag immer befehlen: Richtet nicht, der seine Kreuziger am Kreuz entschuldigt: sein Gebot kann auch nur Seligkeit sein. Wer kann noch seinen Feind hassen, nachdem Christus für seine Kreuziger am Kreuz zu seinem Vater bittet? 

2. Jesus ein Vorbild der ausharrenden Geduld in den allergrößten Schmerzen. Die Kreuzigung war die allerschmählichste und allerpeinlichste Todesart: die größten Verbrecher wurden damit belegt. - Man denke sich nur die Wunden und Pein, welche die durch Hände und Füße geschlagenen Nägel verursachten. Und diese Wunden wurden samt denen, welche die Geißelung gemacht, durch die Lage des Körpers, der nirgends ruhen konnte, immer noch vergrößert und wieder aufgegriffen. Jedes Glied am Leib fühlte seinen eigenen Schmerz, den peinlichsten Schmerz. Und diese Martern dauerten nicht etwa wenige Minuten - sondern mehrere Stunden nacheinander wurde der Gekreuzigte langsam zu Tode gemartert. Jesus litt diese Qualen - litt sie sechs Stunden, - litt in jedem Augenblick den peinlichsten Tod; und litt ihn mit williger Ergebung in den Willen seines Vaters. Dies nenne ich eine ausharrende Geduld - die kein Übel ermüden, kein Schmerz bezwingen, weder die Größe, noch die Dauer des Schmerzes schwächen kann. Dies Ausharren der Geduld, wo ist es unter uns? Und wir nennen uns Nachfolger Jesu?

3. Jesus ein Vorbild der ausharrenden Geduld bei dem allgemeinen, herausfordernden Gespött seiner Feinde, und sogar seines Mitgekreuzigten. So unmenschlich das Spotten der Juden; so übermenschlich ist das Schweigen Jesu. Wenn wir den geringsten Schmerzen auszustehen haben, kann uns oft das geringste Spottwort aus der Fassung bringen. Ja, oft ein missverstandenes, oder zur unbequemen Zeit ausgesprochenes Liebeswort bringt uns in eine Hitze, dass wir die redlichsten Menschen mit bittern Antworten betrüben. - Und wir sind Nachfolger Jesu?

4. Jesus ein Vorbild der liebenden Geduld in dem Betragen gegen den anderen Mitgekreuzigten. Er ist immer der nämliche liebende Jesus - so am Kreuz, wie er war, da er noch unter Sündern herumwandelte. Wer ihn vertraulich bittet, den hört er. Wie er einst zu dem Gichtbrüchigen sagte: Sohn! Deine Sünden sind dir vergeben; so sagt er jetzt zu seinem Mitgekreuzigten: Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein. Seine Liebe, seine Barmherzigkeit hat keine Schranken. Sein eigenes Leiden kann ihn nicht hindern, Barmherzigkeit gegen Sünder zu bezeigen. Dieses barmherzige, liebevolle Herz wird im Wohltun nicht müde; kann durch eigene Leiden im Wohltun nicht geschwächt; kann durch die Unwürdigkeit des Hilflosen im Wohltun nicht gehindert werden. So liebevoll sollte ein Christenherz sein! Wir heißen Christen: wie ist unser Herz beschaffen? Haben wir ein Christenherz? ...

III. Gebet

Herr Jesus! Du bist mein Lehrer. Du lehrst mich geduldig und liebevoll sein. Deine Lehre ist mächtig; aber mein Herz ist schwach, und ohnmächtig mein Bestreben. Du bist mein Beispiel. Du zeigst mir durch Tat, wie ich im Leiden, im Lieben ausharren muss. Dein Beispiel ist noch mächtiger; doch das Vollbringen ist noch nicht in meiner Macht. Aber du bist auch mein Erlöser: und nur deine Gnade, deine Kraft kann uns stärken, dass wir ausharren. Diese allmächtige Gnade, die mich erleuchtet, deine Lehre zu fassen; und die mich stärkt, deinem Beispiel zu folgen - gib mir, allmächtiger Helfer! Ohne diese Gnade kann ich nichts; mit ihr kann ich alles. Herr! Erhöre mein Flehen um deiner Liebe willen! Amen.

 

Vierzehnte Station: Die letzten Leiden und die letzten Worte des sterbenden Jesus

I. Geschichte

Zunächst bei seinem Kreuz stand Johannes, der geliebte Jünger; und neben Johannes Maria, die Mutter Jesu. Gewiss mütterliche Zärtlichkeit war's, dass sie so nahe bei seinem Kreuz stand. Sie empfand das Allerschmerzhafteste, was eine Mutter empfinden kann. Ihren Sohn, von dem ihr der Engel gesagt hatte: dass ihm Gott den Thron seines Vaters David geben werde, den sah sie neben Missetätern am Kreuz hängen. Da durchstach das Schwert ihre Seele, wie Simeon geweissagt hatte; da konnte ihr ein Liebeswort aus dem Mund ihres Sohnes nicht anders, als herzlich willkommen sein. Wie sie nun vor Wehmut stumm vor dem Kreuz, und Johannes neben ihr stand: sagte Jesus, mit einem Blick voll Zärtlichkeit, vom Kreuz herab zu ihr: Sieh da deinen Sohn; und wies mit dem Blick auf Johannes. Johannes sieht ihn an: Sieh da deine Mutter, sagte Jesus zu ihm; und wies mit dem Blick auf Maria. So konnte Jesus, in seinen allergrößten Schmerzen, seiner Mutter und seines Jüngers nicht vergessen. Wie liebreich! Er liebt seinen Jünger wie seinen Freund; und diesem empfiehlt er seine Mutter. Er liebt seine Mutter wie seine Mutter; und gibt ihr seinen Jünger zum Sohn. Dies war die letzte, zärtlichste Fürsorge. Johannes liebte ihn wie seinen Herrn; ihm war der Wink und das Wort seines Meisters genug. Er ehrte bisher die Mutter Jesu, weil sie die Mutter Jesu war: nun liebt er sie als seine Mutter, weil er ihr als Sohn, und sie ihm als Mutter empfohlen wurde; nimmt sie in sein Haus, und sorgt für sie. So konnte Jesus, der bei seinem Leiden immer schweigt, bei dem Mitleiden der Seinen nicht schweigen. Sein liebevolles Herz öffnete ihm den Mund: ist's ein Wunder, dass er nichts als Liebe reden kann?

Jesus hatte schon drei Stunden an dem Kreuz gehangen; und seine Feinde hatten sich bereits mit Hohnsprechen erschöpft: als es um die Mittagsstunde finster wurde. Und diese Finsternis währte bis drei Uhr. Es war eben Vollmond, und hiermit keine Sonnenfinsternis natürlicherweise zu erwarten. Es sollte also diese außerordentliche Begebenheit, die eben in den Stunden des Leidens Jesu erfolgte, einen außerordentlichen Eindruck auf die Häupter der Juden machen. Es sollten ihnen die Augen geöffnet werden, die Unschuld Jesu und die Ungerechtigkeit seines Urteils einzusehen. Sie hatten ehemals - eben das an Jesus getadelt, dass er kein Wunderzeichen am Himmel verrichtete: nun sehen sie auch ein Wunderzeichen am Himmel. Aber auch dieses Wunderzeichen konnte ihr neidvolles und ehrsüchtiges Herz nicht zum Glauben an den gekreuzigten Sohn Gottes bekehren. Jesus beobachtete während der dreistündigen Finsternis ein tiefes Stillschweigen. Er hätte wohl von dieser schrecklichen Begebenheit Gelegenheit nehmen können, seine Unschuld zu beweisen. Allein er überließ sich und seine Unschuld dem, der da gerecht richtet; und sprach kein Wort von seiner Unschuld. - Jetzt ist die Finsternis vorbei. Jesus hatte schon etwa sechs Stunden am Kreuz gehangen. Immer vermehrten sich die Schmerzen; immer nach die Entkräftung zu. Gott, mein Gott!, rief er mit angestrengter Stimme, warum hast du mich verlassen? Eli, Eli, lama sabachthani? Diese Worte sind aus dem Leidenspsalm genommen. In diesem Psalm werden die Empfindungen des tiefsten Schmerzens, aber auch des stärksten Vertrauens auf Gott ausgedrückt. Es ist also ganz gewiss, dass der sterbende Jesus bei den lebhaftesten Empfindungen des größten Schmerzens immer der stilleidende Jesus, immer der gehorsame Sohn seines Vaters geblieben ist. So viel sagen diese Worte klar, dass der Vater seinen Sohn in einen Abgrund von Trostlosigkeit sinken ließ. Aber er ist nicht versunken. Er kämpfte, bis er überwunden hat. Die Entkräftung nimmt noch mehr zu. Jesus gibt sie selbst mit diesem Wort zu verstehen: Mich dürstet. Da taucht ein Soldat einen Schwamm in schlechten Essigwein, steckt ihn an einen Hysopstängel und hält ihn dem Sterbenden an den Mund. Die Juden fahren fort, über die missverstandenen oder verdrehten Worte: Eli, Eli zu spotten; als wenn er dem Elias gerufen hätte. Halt, schrien sie; lass sehen, ob Elias komme, ihn herabzunehmen. Jesus nimmt das Getränk, so schlecht es war, zu sich. Es ist vollbracht, sprach er, nachdem er den Trunk zu sich genommen hatte. Jetzt hatte die Entkräftung die höchste Stufe erreicht; der letzte Augenblick seines Leidens und sterblichen Lebens war da. Er rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände befehl' ich meinen Geist! - und ließ das Haupt sinken, und starb.

II. Jesus unser Vorbild

1. Maria! Sieh da deinen Sohn! Sohn! Siehe da deine Mutter! So kann der sterbende Jesus seiner Mutter und seines Jüngers, in seinem größten Leiden, nicht vergessen. Wahrhaft, die Liebe duldet alles; kann der Geliebten nicht vergessen, und liebt bis ans Ende. Wenn ich die Liebe und die Geduld von Jesus nicht lerne, so lerne ich nichts von ihm. Der sterbende Jesus sorgt für die Nahrung und Verpflegung seiner Mutter. Der Liebe ist nichts zu gering, nichts zu groß, bis alles vollbracht ist. 

2. Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Es war dem Sohn Gottes am Kreuz, als wenn ihn sein Vater verlassen hätte. Er hatte bereits alle möglichen Leiden von außen, und am Ölberg schon auch die tiefste Bangigkeit von innen ausgestanden. Aber, damit gar kein Leiden wäre, das er nicht versucht hätte, so fiel er noch zuletzt in ein Meer von Trostlosigkeit. Das größte Leiden aller Leiden kam zuletzt über ihn. Er kämpfte, und schrie mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Aber auch in diesem Kampf hat seine Geduld ausgedauert; auch in diesem Leiden hat er's vollbracht. Daraus haben wir zu lernen, erstens: dass Gott auch seine Lieblinge, manchmal, in Trostlosigkeit schmachten lässt. Sein Sohn war ihm der liebste; und seinem Liebsten konnte er sein Angesicht entziehen. Zweitens: dass die Geduld gar alles dulden kann, und gar alles, was zu dulden ist, dulden soll. Auch in der finsteren Stunde, wo der Vater seinen Sohn zu verlassen schien - hat der Sohn den Vater nicht verlassen; hat sich mit vollem Vertrauen an ihm festgehalten. Drittens: dass Jesus Christus unseres ganzen Zutrauens wert ist, weil er alle Leiden ausgestanden, alle Bitterkeiten verkostet hat; und auch aus Erfahrung weiß, wie es einem Trostlosen in der Stunde des Todes zu Herzen sein muss. 

3. Es ist vollbracht. Dieses Wort konnte nur Jesus im vollkommensten Sinn, und  mit voller Wahrheit sagen; Jesus, der den Willen seines Vaters, von seinem ersten Eintritt in die Welt an, bis zum Geistaufgeben am Kreuz, auf das Vollkommenste erfüllt hatte. Nur Jesus konnte sagen: es ist vollbracht; weil er alles vollbracht hatte, was ihm der Vater zum Vollbringen aufgegeben. Er war seinem Vater gehorsam bis in den Tod, und in den Tod des Kreuzes. Er hat alles getan, gelehrt, gelitten, was er tun, lehren, leiden, konnte und sollte. Es ist vollbracht an ihm, was die Propheten von seinem Erdenleben und Sterben vorgesagt. Es ist die große Absicht Gottes an ihm erfüllt. Er hat das Amt der Erlösung vollbracht. O, dies Wort, es ist vollbracht, wie mag es Jesus am Ende seiner Leiden ausgesprochen haben! Wohl dem, der am Ende seines Lebens mit Herzensfreude sagen kann: ich hab's auch vollbracht.

4. Vater, in deine Hände empfehl' ich meinen Geist. So starb, der in seinem Leben alles vollbracht hatte. So starb der gehorsame Sohn des himmlischen Vaters. Er konnte seinen Geist in die Hände seines Vaters empfehlen, nachdem er den Willen seines Vaters im Leben und Sterben genau erfüllt. Nur derjenige kann mit wahrem Trost sagen: Vater, in deine Hände empfehl' ich meinen Geist, der sagen kann: es ist vollbracht. Nur der mag ganz froh sterben, der recht gelebt hat. Nur der mag sterben wie Jesus, der gelitten wie Jesus, gebetet wie Jesus, gekämpft wie Jesus, gelebt hat wie Jesus. O, wenn auch wir einst unser Tagwerk werden vollbracht haben; wenn uns unser Gewissen das Zeugnis gibt, dass uns der Wille Gottes das Liebste auf Erden war: dann können auch wir unser Haupt sanft auf das Sterbebett niedersinken lassen; dann wird auch unser Tod kein Tod, sondern ein Hingang zum Vater sein. 

III. Gebet

O du, der du für uns am Kreuz erblasst bist - so, wie Du, hat kein Mensch gelebt; kein Mensch, wie du, sein Leben beschlossen. O du Einziger! Der alles ohne Ausnahme vollbracht. Sohn Gottes! Menschensohn! So, wie du, hat keiner gelehrt; so, wie du, hat keiner gehandelt. Wohltun war dein Leben, und Segen für alle Welt dein Sterben. Die Gottheit wohnte, lebte, wirkte, lehrte sichtbar in dir. Wer kann deine Liebe aussprechen? Wie du geliebt hast, so hat keiner geliebt: Menschenheil war deine Freude. Wer kann deine Geduld nennen? Wie du, so hat keiner gelitten: Dulden war dein Geschäft. Wer kann deinen Gehorsam gegen deinen Vater messen? Wie du, so hat keiner gehorsamt: Gehorsam war deine Speise. Du kamst auf die Erde herab für alle; du lebtest für alle; du starbst für alle. So, wie du, hat's keiner vollbracht. Einziger! Du bist der Vollbringer, du der Vollender. Deine Lehre, dein Beispiel, deine Gnade ist Kraft und Leben. Gekreuzigter! Am Kreuz hast Du's vollbracht, am Kreuz vollendet. Am Kreuz hast du vollendet das Werk der Liebe, der Geduld, des Gehorsams. Am Kreuz ward's vollendet - das Werk der Seligmachung. Am Kreuz ward das letzte Siegel auf deine Lehre, auf dein Beispiel aufgedrückt. Dein Sterben, dein Erblassen hat die Erlösung vollendet. Am Kreuz hast du uns die Unsterblichkeit, und das ewige Leben vollends erworben. Am Kreuz hast du uns die Vaterliebe Gottes und die Seligkeit vollends zugesichert. Vollendeter! Vollbringer! So, wie du, hat's keiner vollbracht. Dieser Gedanke sei die Stütze unseres Glaubens, dass er nicht wanke; die Feste unserer Hoffnung, dass sie nicht sinke; die Haltung unserer Geduld, dass sie nicht erliege; das Leben unserer dankbaren Liebe, dass sie nicht sterbe! Amen.

(WW 23,227-278; aus dem Vollständigen Lese- und Gebetbuch für katholische Christen)

Pieta, Gang der Beichtkapelle Kevelaer