Journal de mon âme, commençe

28. März 1783

Es ist eine gewisse Harmonie in der Körper- und in der Geisteswelt. Überall z.B. ist die Saat vor der Ernte, und diese wie jene. Darum will ich Gutes säen, und reichlich säen, um Gutes, und um reichlich zu ernten. 

 

29. März 1783

Ich las in Johannes Evangelium die letzten himmlisch gütigen Reden Jesu, und ich schritt in einem Atem an das folgende Kapitel über: Et egressus est cum discipulis trans torrentum Cedron, ubi erat hortus. 

Welche Empfindung! Diese himmlische Güte, voll Wohltuns mit Hand und Mund, und so gelassen hingehend in die bängsten Schmerzen! 

Wer so lehren kann, ist groß. 
Wer so lehren und handeln kann, ist größer noch. 
Wer so lehren, handeln, sterben kann - der Größte. 

 

2. Mai 1783

Du verbirgst uns dein Angesicht unter den Wolken, hohe Sonne, und wir beginnen freier zu atmen. Dein feuriger Strahl war uns zu gewaltig. Mit großen tropfen löst sich die Wolke auf, und verbreitet Frische umher in der lechzenden Gegend. Verschwunden ist die Bangigkeit! Welch eine angenehme Empfindung bebet durch meine Natur! Ich atme freier, frischer. Mit hohem Getöse teilen die Wolken sich, die Berge hallen den weiten Donner zurück, und erschüttert antworten die Täler ferne, und auf den Flügeln des Windes fährt der Blitz. Großes Schauspiel der Natur! Ein Symbolum des Guten, das ohne Geburtswehen nicht werden kann!

 

29. September 1783

An _ 

So viele Menschen misskennen und verfeinden mich, neiden jeden Vorzug an mir. Aber du sahst mich lieblich an, und liebst mich! O, diese Empfindung deines Herzens ist mir lieber, als eine böse Welt!

 

Die Freuden der Gottesfurcht

Die Freuden der Gottesfurcht sind also doch die reinsten aus allen, die du gekostet hast, mein Herz! Ihr Genuss ist ohne Bitterkeit, ohne Reue. Das hab' ich oft in Büchern gelesen, in Predigten gehört, aber nie verstanden, bis ich's erfahren habe. 

Es ist traurig, dass man die Worte nicht recht versteht, bis man die Sache erfahren! Dies mag wohl Ursache sein, warum auch gute Bücher nicht so viel Gutes und nicht so schnell stiften, als man von ihrer Kraft erwarten sollte. Sie können die Erfahrungen nicht ersetzen, und ohne Erfahrung ist gewöhnlich die Erkenntnis so unwirksam, als wenn sie gar nicht wäre. Aus Mangel an Erfahrung halten z.B. so viele Unglückliche das Leben der Frommen für ein freudenloses Leben. Sie sehen das Gesetz Gottes für die Fessel eines Despoten an, die den Genuss der Freude hemmte; und wissen nicht, dass außerhalb der Schranken des Gesetzes keine wahre Freude zu finden sei. 

So lange die Menschen kein Vergnügen des Geistes gekostet haben, haben sie nur Geschmack an solchen, die sie mit den Tieren gemein haben. Und der Mensch ist doch mehr als Tier - seiner Bestimmung nach. Er soll also auch mehr sein in seinen Handlungen und in seinen Vergnügungen. Wohl dem, der frühzeitig angeleitet wird, höhere Vergnügungen zu suchen, als die das Tier genießen kann! 

Wer der Menschheit diese Anleitung durch Lehre und Beispiel gibt, ist ihr großer Wohltäter. 
Wer ihr nebst Lehre und Beispiel auch Kraft dazu gibt, ist ihr größter Wohltäter. 
Wie heißt dieser?? (Seinen Namen findest du in Lk 2,21)

 

Am Festtag der Auffahrt Jesu

Herr, ich freue deines Sieges mich! Glorreich, herrlich scheidest du von uns: so verherrlicht dich dein Vater, der dich leiden hieß!

Die lichte Himmelswolke nimmt dich auf! Wie so anders als die Finsternis, die bei deinem Sterben die Erde deckte! Keine Wunde schmerzt mehr, kein Blut fließt mehr aus der Seite - zwar floss der letzte Tropfen, jede Nerve litt Schmerzen. 

Doch vorüber ist aller Schmerz, aller Streit, nur zurück blieb Freude und Sieg. 

Göttlicher, auch unsere Augen reichen nimmer hin, wo du erhaben bist, und es fließt unseres Sehnungsträne, und unser Wunsch fliegt dir nach!

Sei gesegnet, Liebster, der uns liebte! Vollendet ist der Sieg, vollbracht das Werk, nach dem dich verlangte! In Leiden und Freuden warst du bei uns, warst unser bester Freund in Lehre und Tat. 

Nun, o herrsche und regiere an des Vaters Seite, der an dir sein Gefallen hat! Sei auch, und verbleibe ewig unser Freund an des Vaters Seite! Denn du bist immer Derselbe. 

 

Strenge für mich: Billigkeit für andere

1. So oft ich solche Geistliche sehe, die nämlich nicht fühlen die Größe ihres Berufes, fällt mir der stolze Gedanke ein: Nolo fiere sicut vos!

2. Es scheint sehr demütigend für Viele, dass sie in vierzehn Jahren, die sie dem Studieren gewidmet, nicht so viel gelernt haben, als sie wissen müssen, um taugliche Führer des Volkes werden zu können. Allein sie verantworten sich leichter, als ich geglaubt hätte.

3. Sie sagen nur: Rubrikenkenntnis und Kasuistik machen die Sachen einmal nicht aus. Wer weiß, wie er zu Tische sitzen oder die Tafel decken soll, hat darum noch nicht Brotschnitten für Kinder, und feste Speise für Männer, und Arznei für Kranke - denn wo hätten wir's auch gelernt? Brot für Kinder, feste Speise für Männer, und Arznei für Kranke zuzubereiten?

4. Liebe Brüder! Dies mildert vielleicht euer Gericht; aber vollkommen wird es euch wohl nicht rechtfertigen. Denn es scheint ja auch daran zu fehlen, dass ihr nicht einmal braucht, was ihr habt. 

5. Doch ich will lieber mich richten, als meine Brüder; will lieber die Ränke der Eigenliebe in meinem Herzen ausspähen, als die Fehltritte anderer auf fremden Boden zählen; will lieber in mir reformieren, wo ich kann, als außer mir, wo ich nicht kann - und eben darum nicht soll.

 

Früchte der Einsamkeit

Selbsterkenntnis

Herr, prüfe mich, und leite mein Herz!

I. Die Hindernisse der Selbsterkenntnis: 

a) Immer auswärts gewandter Blick des Menschen, es mögen nun selbstgemachte oder Berufsgeschäfte sein, in denen er sich unnötig verliert. 

b) Jugendlicher Leichtsinn, der das Wichtigste unwichtig findet, und den Blick nie in sich verweilen lässt, sondern immer außer sich hinausjagt, und außer sich wie im Strudel umhertreibt. 

c) Schwierigkeit der Selbsterforschung: der Mensch ist sich selbst gewöhnlich das erste Rätsel. 

d) Eigenliebe, die die Auflösung dieses Rätsels künstlich zu hintertreiben, und ihre Absicht in nicht erkannten Falten zu verstecken weiß. 

e) Leidenschaften, die das Wasser nie ruhig werden lassen, weil es ihnen daranliegt, im Trüben zu agieren. 

II. Fragen zur Selbsterforschung:

Welche sind die wirklichen Anlagen deines Verstandes und deines Herzens? Was ist die Bestimmung, der Beruf dieser Anlagen? Welches ist deine bisherige Bildung, oder Verwahrlosung deiner Anlagen?

Oder deutlicher:

Was könntest du sein nach deinen Talenten? Was solltest du sein nach ihrer Bestimmung? Was bist du nach der wirklichen Bildung oder Verwahrlosung derselben?

O Du, in dem keine Finsternis ist, sende dein Licht, dass ich erkenne, was ich sein könnte, und was ich sein sollte, und was ich gewiss nicht bin - damit ich werde und gewiss werde, was ich sein kann und soll!

 

Eitelkeit

Die Eitelkeit folgt uns nach bis in den Himmel guter Werke: Da die übrigen Laster nur auf der Erde fortkriechen. 

 

Freiheit

Der Mensch ist immer geneigt, zu glauben, dass seine Freiheit einen Zuwachs gewinne, wenn er jene seines Nebenmenschen vermindert. Das ist Selbstbetrug. 

Er will die seine nicht einschränken lassen, und will nur zu oft die fremde einschränken, will sich gegen andere das erlauben, was er anderen gegen sich nicht erlaubt. Das ist Ungerechtigkeit. 

Wo liegt die Wurzel jenes Selbstbetrugs, und dieser Ungerechtigkeit? Geht der zu weit hinauf, der sie in einem Verfall der Menschennatur sucht?

Ich denke nicht: Aber wohl dem, der sie in sich zu zerstören sucht - nach der Kraft, die ihm gegeben ist!

(WW 38,39-49)