Ideal des guten Seelsorgers

Nie haben Menschen Großes gewirkt, denen nicht Großes vorleuchtete, oder wenigstens vordämmerte. Nie wird der Geistliche große Dinge tun, wenn ihm nicht die Größe seines Berufes mit Gottes Macht in die Seele blitzt. 

Vielleicht dienen das nachstehende Gemälde und die einzelnen Züge dazu, sein Gemüt für jene Einstrahlungen empfänglich und offen zu machen. Es ist jedem Zug des Gemäldes eine Stelle aus dem Altertum beigegeben. Vielleicht hört einer die Wahrheit lieber aus dem Mund der Vorzeit: der lese die Zitate. Vielleicht findet sie bei einem anderen leichtern Eingang, wenn sie im Gewand des Tages erscheint: der lese das deutsche Gemälde. 

I. Der gute Seelsorger. Ein Gemälde

1. Der gute Seelsorger ist wahrhaft, was er heißt, ein Klerikus, einer, dessen Erbteil Gott ist, und der eben darum keine andere Angelegenheit kennt, als seine Mitmenschen auf das Erbe, das ihnen hinterlegt ist, aufmerksam, und zur Besitznehmung desselben tüchtig zu machen. 

2. Um das Maß dieses seines Namens ganz zu erfüllen, ist er himmlisch gesinnt, hat Sinn für das, was ewig ist, was vergänglich ist. Denn, wenn ein jeder Christ himmlisch gesinnt, d.h. mit dem Geist Christi gesalbt sein soll, um ein Christ, ein Gesalbter zu sein: um wie viel mehr wird der Führer einer ganzen Kirchengemeinde himmlisch gesinnt sein müssen? Der Sinn für das Himmlische ist das rechte aude sapere für den Seelsorger. 

3. Weil er nur Sinn für das Himmlische hat, so ist er nicht etwa bloß ein Freund des Gebetes: Gebet, Erhebung des Geistes und des Gemütes zu Gott und Umgang mit Gott, ist sein ganzes inneres Leben. Er liest die Psalmen nicht bloß, er empfindet, was der Verfasser des Psalmes empfunden haben mag; der Geist des Psalmes weht und wirkt in ihm. Nie ist seine Lippe beredt und das Herz stumm; denn er weiß am besten, dass das Lippengetön ohne Sprache des Herzens, nichts nütze; dass viele bei verschlossenem Mund erhört, viele bei großem Geschrei nicht erhört werden, und dass eigentlich nur die Hinwallung des Herzens zu Gott echtes Gebet sei. 

4. Der Sinn für das Himmlische und die Liebe zum Gebete, machen ihn zum Freund der Einsamkeit. Er ist gern allein, um eins mit sich und mit Gott zu werden; er ist gern allein, um unter Menschen, eins mit sich und mit seinem Gott bleiben zu können. Die Einsamkeit macht ihn so recht zum Gottgeweihten, zum Gottangehörigen, zum Klerikus, nicht der Markt. 

5. Um zum Gebet stets Nahrung, und in der Einsamkeit stets die edelste Unterhaltung vorzufinden, lässt er sich die Meditation, und wenn ihm die Wahrheit mit enthülltem Angesicht begegnet, die Kontemplation - das stille Schauen der ewigen Wahrheit - als eines seiner liebsten Geschäfte, recht angelegen sein. Denn er hat es aus Erfahrung gelernt, dass die Wahrheit das sinnige Gemüt reinigt, die Neigungen regiert, die Fehler bessert, die Sitten ordnet, den Wandel verschönert, den ganzen Menschen in ihr Bild verklärt. Was hat doch der Mensch Großes in sich als die Potenz, die Wahrheit zu suchen, zu finden, zu genießen... hier ihre Strahlen zu sammeln, und dort ihr Antlitz zu schauen?

6. Mit Gebet und Meditation, die zunächst sein Inneres erhellen und bilden, weiß er die Tätigkeit für andere in schwesterliche Verbindung zu bringen, und gerade das, was ihn selbst hebt und trägt, Gebet und Betrachtung, dient auch dazu, dass sein Eifer, anderen wohl zu tun, vollkräftig und lichthell werde. Nächstenliebe und Gottesliebe lassen sich so wenig trennen, dass man im Umgang mit Gott seines Nächsten, und im Umgang mit dem Nächsten seines Gottes nicht wohl vergessen kann. Die Innigkeit findet Gott in Gott, die Liebe sucht Gottes Bild im Menschen; Innigkeit und Liebe verbinden die himmlische Ruhe mit himmlischer Tätigkeit. 

7. Um an dem Heil seiner Brüder, in den Tagen, die mit der Bildung in Kunst und Wissenschaft hoch aufheben, mit mehr Nachdruck und mit offenbarem Übergewicht auch auf Seite des Wissens arbeiten zu können, verschmäht er kein Licht, das ihm irgendeine menschliche Wissenschaft anzünden kann. O, es ist erbärmlich anzusehen, wie Hirten die gute Weide, die Wegweiser den rechten Weg, die Stellvertreter Gottes seinen Willen misskennen! Es ist ein grober Irrtum, die Rohheit und den Mangel an Kenntnissen für Tugend, und sich deshalb für heilig halten, weil man ein Dümmling ist. Es ist dem Reinen alles rein, und dem guten Willen dienen alle Kenntnisse zum Besten anderer. 

8. Unter allem, was die Wissenschaften zu seinem Zweck Brauchbares haben oder haben könnten, setzt er die wahrhaft praktische Schriftkenntnis oben an. Die heilige Schrift ist sein Handbuch. Er ist keiner von den altneuen Propheten, die in Komödien und Romanen mehr als in den Evangelien bewandert sind. Er lernt, was er lehren sollte, er bildet sich, um andere zu bilden. Auge und Verstand, Vernunft und Gemüt lesen in dem Wort Gottes Tag und Nacht. Indem andere an dem Buchstaben der Bibel kauen, verwandelt sich in ihm der ganze Geist der Schriftweisheit gleichsam in sein Fleisch und Blut. 

9. Sobald die Schriftkenntnis ein göttliches Leben in dem Schriftleser geworden ist, so beweist sich seine göttliche Kraft an allem, was der Seelsorger tut und spricht, an Blick, Miene, Gebärde, Ton und Sitte. Alles Äußere an dem Seelsorger wird Unterricht für die Völker, so wie alles Innere von dem Geiste der Wahrheit belebt ist. Der Bibelleser wird eine lebendige Bibel, ein offenes, allgemeinverständliches Lehrbuch für seine Gemeinde. 

10. Er wird also ganz- und allerbauend. Glaube mit Wissenschaft, Wissenschaft mit Zucht und Ordnung des Lebens vereinend, gründet und baut er an anderen, was er an sich lebendig darstellt. Nie machen seine Handlungen seine Predigt zuschanden. Kein Zuhörer findet sich veranlasst, die Geheimfrage an sich zu tun: warum sehen wir nicht an dem Prediger, was wir aus seinem Mund hören? Er hält es für lächerlich, bei vollem Bauche über Fasten zu predigen, indem auch die Straßenräuber eben so gut gegen den Geiz predigen könnten. Er ist ein Priester Christi, das heißt: Mund, Seele, Hand sind immer eins bei ihm, den Willen seines himmlischen Vaters zu tun. Seine Lehrart ist zweifach und einfach, er lehrt das nämliche mit Wort und Tat. 

11. Er ist also untadelhaft in allem, und um es zu sein, wachsam, vorsichtig in allem. Er weiß, dass, obgleich alles an dem Seelsorger ein Schulbuch des Volkes sein soll, doch das Leben des Priesters das eigentliche, das fasslichste Lehrbuch des Volkes ist. Er weiß, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind, dass sein Haus gleichsam ein Leuchtturm, und sein Wandel ein Lehrmeister der öffentlichen Zucht ist. Darum tut er immer mehr, als was der Buchstabe der Pflicht von ihm fordert. Eigentlich kennt er gar keine Pflicht mehr: denn er hat die Liebe in sich, und die Liebe tut für andere alles, was sie kann, und tut es willig, ohne eines Zwanges zu bedürfen. Pflichten spielen gern in den Büchern der Gelehrten; in seinem Leben herrscht das lebendige Gesetz, die Liebe. 

12. Mit dem untadelhaften Wandel des Seelsorgers stimmt auch seine Kleidungsart überein, so wie sie das Erste ist, was dem Volk in das Auge fällt. Überzeugt, dass zwar das Kleid den Mann nicht mache, noch weniger den Priester, doch die Einfachheit der Kleidung ein schönes Bild von der Einfalt und Nüchternheit des Geistes sei; überzeugt, dass die Kleiderpracht an einem Geistlichen die Vermutung begünstige: der Mann, der in dem Kleide steckt, sei nicht rein vom Weltgeist; überzeugt, dass er unter den gewöhnlichen Torheiten nicht die letzte sei, die höhere Stufe des Priestertums nach der helleren Farbe des Tuches messen... lässt er an sich und an seiner Kleidung keine Spur sehen von der kindisch, sich ewig reformierenden Modetändelei, und von der stutzermäßigen Ängstlichkeit, die mit der äußersten Spitze des Fußes den Weg leicht berührt, um den Schuh nicht zu bemakeln, und die allenfalls einem Bräutigam zu verzeihen ist, aber nicht dem Priester Gottes. 

l3. Die Untadeligkeit des Wandels und die Reinheit des Sinnes zeigen sich besonders im Umgange mit den Personen des andern Geschlechtes. Er kommt allem Verdachte bevor, dem die Tugend und Klugheit bevorkommen kann; Alles, was sich wahrscheinlich dichten ließe, meidet er zuvor, damit es nicht gedichtet werde. Er sorget für die Lauterkeit des Gewissens und für die Lauterkeit des Rufes; für jene, damit er das Vertrauen zu sich, für diese, damit Andere das Vertrauen zu ihm nicht verlieren. Er mag in keinem Hause wohnen, das ihn täglich in die Notwendigkeit versetzt, entweder zu siegen oder zu fallen.

14. Weil er himmlisch gesinnt ist, so ist er es auch in Hinsicht auf irdische Güter. Er weiß wohl, dass der Arbeiter feines Lohnes wert sei, dass der Geistliche zeitliches Gut, auch Überfluss besitzen dürfe; aber er weiß auch, dass er eigentlich nur Haushälter der Gaben Gottes sei; dass er das Geld besitzen solle, nicht das Geld ihn; dass die Kirchengüter nichts anderes seien, als Gelübde der Frommen, Opfergaben der Sünder, Erbteile der Armen und Schätze Christi; dass der Priesterorden kein Kriegsstand, in dem man um Sold dient, dass die Seelsorge kein Krämerberuf sei, bei dem es um Gewinn und um's Reichwerden zu tun ist. 

15. In dieser Überzeugung begnügt er sich, Kost und Decke vom Altar zu nehmen: das Übrige teilt er unter die Armen aus, und gibt seinen Verwandten nur insofern davon, als sie selbst unter die Armen gehören; erhebt sich also über jene, die die Kirchenämter zur Wechselbank machen, und um des Mammons willen sich scheren lassen, Psalmen singen. 

16. Weil er himmlisch gesinnt ist, so ist er es auch in Hinsicht auf Ehrenämter. Er will nie groß, aber immer besser werden, weil Würde und Klippe sehr nahe aneinander grenzen. Er kennt keine andere Hoheit, als die Herrschaft über die Sünde, und die Unterwürfigkeit unter Gott. Und, wenn ihn das Ehrenamt ungesucht überfällt, so besteht sein Vorrang, dass er, vor allen anderen, der Gemeinde nützlich zu werden strebt; dass er der Vornehmste im Rechttun und Wohltun ist. Nach dem Beispiel dessen, der Knechtsgestalt annahm, ist er der erste Diener seiner Anvertrauten; hält die Demut, die dem Sohn Gottes ziemte, für den höchsten Gipfel der Ehre; unterscheidet genau das, was er von Gottes Gnaden, und was er aus sich selbst ist, gibt sich, was sein ist, und Gott, was Gottes ist; vergisst nie, dass er Priester Gottes ist, und um bei seinem Gott zu gelten, Mut genug haben muss, bei der Welt nichts gelten zu wollen. 

17. Weil er himmlisch gesinnt ist, und weder nach Ehre noch Reichtum strebt: so ist er eben darum rein von der abscheulichen Prozesssucht, die jeden Menschen, geschweige einen Priester, entweiht. Der bestimmt ist, zwischen Getrennten Frieden zu machen, soll ja nicht selbst die Fackel der Uneinigkeit werfen unter Leute, die eins sind? Der einem Altar dient, auf dem keine Opfergabe eines feindlichen Herzens Platz finden darf, wird ja nicht selbst Prozesse und Feindschaften anzetteln?

18. Weil er himmlisch gesinnt ist, so lebt er ganz für seine Gemeinde, das heißt, sucht den himmlischen Sinn überall und zunächst in seiner Herde zu verbreiten. Er ist jedem das, was er sein kann, dem Unwissenden ein Lehrer, dem Armen ein Tröster, dem Unterdrückten ein Retter, dem Waisen ein Vater, der Witwe ein Verteidiger, ist sich ganz - allen schuldig. Sein Wandel ist so beschaffen, dass er nicht nur von dem, was er selbst tut, sondern auch von dem, was in seiner Gemeinde, in dem Leib Christi geschieht, Rechenschaft geben kann. 

19. Er ist also, (o, wenn ich ihn sähe, wie wollte ich ihn malen?) er ist, wie ihn einer gemalt hat, der Gefühl für dessen Größe hatte. - 

Er fürchtet nichts, als Gott, und hofft auf nichts, als auf den Herrn. Er sieht nicht auf die Hände derer, die zu ihm kommen, sondern auf ihre Bedürfnisse. Er sieht mannhaft zur Partei der Bedrängten, und spricht nach Billigkeit für die Sache der Stilleidenden. Er ist geordnet in seinem Äußeren, und bewährt im Inneren nach dem Muster aller Heiligkeit; fertig zum Gehorsam - und rüstig zur Geduld; rechtgläubig und rechttuend; katholisch im Glauben, und treu in Spendung des Anvertrauten; eines Sinnes und eines Herzens mit allen Guten; voll Strebens nach Einheit und Eintracht; gerecht im Entscheiden, und vorsichtig im Raten; bescheiden im Befehlen, und tätig im Anordnen; strenge im Tun, und sanft im Reden; furchtlos in trüben und fromm in heiteren Stunden; nüchtern im Eifer, und tätig im Erbarmen; nicht müßig in der Einsamkeit, und nicht zuchtlos in der Gesellschaft; ohne Angst in Besorgung des Hauswesens, und ohne Unmäßigkeit bei Tische; ohne Verschwendung des Eigenen, und ohne Begierde nach dem Fremden; beobachtsam an jedem Ort und zu jeder Stunde. 

Er scheut die Last nicht, in einem besonderen Fall ein Bote Jesu zu sein, wenn er dazu berufen wird, und strebt nach der Ehre nicht, ein Bote Jesu zu sein, wenn er keinen Beruf dazu hat. Als Bote Jesu läuft er nicht dem Golde nach, sondern Christo, dessen Bote er ist - will nicht nehmen, sondern geben. Dem Herodes ist er Johannes, dem Pharao Moses, dem Lügner Petrus, dem Gotteslästerer Paulus, dem Tempelschänder Christus, (alles nach dem Geiste des göttlichen Evangeliums).

Er verachtet das Volk nicht, sondern unterweist es; kitzelt den Reichen nicht mit Lobsprüchen, sondern schreckt ihn mit der dürren Wahrheit. Er drückt die Armen nicht, sondern erquickt sie; fürchtet die ungerechte Drohung der Mächtigen nicht, sondern verachtet sie kühn und kalt; drängt sich nicht gewaltsam ein, wie der Pöbel, und geht nicht davon in Grimm; plündert die Kirche nicht, sondern bessert sie; erschöpft die Beutel nicht, sondern labet die Gemüter; schont seinen guten Namen, und neidet den fremden nicht. 

Er besitzt die Kunst zu beten, und hat Lust dazu; denn es ist ihm Natur geworden, mit Gott, wie mit sich, zu reden, und er traut bei jedem Geschäft mehr auf die Kraft des Gebetes, als des Fleißes (doch ohne etwas am Fleiß mangeln zu lassen). Sein Kommen gibt Frieden, und sein Gehen belästigt nicht; sein Dasein ist Herzenslust, und sein Andenken ist Segen; sein Reden Erbauung, und sein Leben Gerechtigkeit. Er macht sich liebenswürdig durch Taten, nicht durch Wörterkram; ehrwürdig durch Handlungen, nicht durch Hochmut. - 

(WW 16,14-25)