Gnothi seauthon

Mäßigkeit

Eine äußerst notwendige Tugend für dich. 

Der Unmäßige ist nie frei, nie zu seiner Pflicht aufgelegt, wie er sein könnte, nie heiter, in allem moros, unbehaglich und ungenießbar. Er eilt vom Essen und Trinken wieder zum Essen und Trinken, und will sein Missvergnügen verbessern, und verschlimmert`s.

Er verkürzt sich unverantwortlich das Leben, das ihm zu anderem Zweck als zur Begnügung des Geschmackes gegeben worden ist. 

Also: Außer den gewöhnlichen Zeiten nichts gegessen; bei der Mahlzeit nie zur völligen Sättigung; am wenigsten zu Nacht, um ruhig zu schlafen, und kräftig zum Rechttun wieder aufzustehen.

 

Schlaf

Diese Erquickung von Tagesarbeit und Tageshitze - aber auch dieses Bild vom Tode. Sein Genuss gibt Erholung, sein Übermaß Erschlaffung der Kräfte. 

Gewöhne dich nicht an das weichliche Lager, dein Leib wird einst im Krankenbett, oder gewiss im Grabe genug zu liegen bekommen. 

 

Der Aufschub des Guten

Immer morgen; aber wenn du immer verschiebst, wann wird die Vollziehung werden? In einem Tage - oft in einer Woche scheint dir die Besserung so leicht, die Besserungshindernisse verschwanden, und in der Tat verstärken sie sich mit jedem Tag. Du hoffst auf die Veränderung äußerlicher Umstände, träumst dich in die Zukunft, bist mit dem Gegenwärtigen zufrieden, glaubst es, deiner Vervollkommnung hinderlich, und brauchst nicht, was da ist. 

Sei gehorsam der Vorsicht, und lebe für den Augenblick, der dir gegeben ist, und wirke nach der Beschränkung, welche sie um dich her geschaffen hat!

Lerne ein Mensch sein, und mit der Lage dich begnügen, in die du gesetzt bist. Du bist eine unnütze Pflanze, wenn du in dem Erdreich nicht gedeihst, in welches du gewiss nicht umsonst gepflanzt bist. 

 

Aussicht in die Zukunft

Ein Damm gegen die ausbrechende Leidenschaft. Du musst einst diese Erde, diesen Kreis der Gesellschaft verlassen, und dich jetzt schon fragen, wenn die Stunde schlägt: Wie willst du daraus weggehen? Soll dein Andenken ein Fluch oder Segen sein? Soll auch dein Feind froh sein, dass er deiner los geworden ist?

Ist ein schöneres Scheiden, als welches uns die Sonne jeden Tag zeigt? Nach vielen Wohltaten an Gute und - an Böse, mit ruhigem, gemildertem, sanftem Strahle, dass die ganze Natur darüber dämmert und schweigt, und alles den gemeinen Verlust fühlt - scheidet sie von uns. Du bist keine Sonne, keines so weiten Kreises und Einflusses fähig, aber doch nach deinem Kreise und nach deiner Fähigkeit sei mild, sanft, wohlwollend und wohltuend, gehe vorüber, wo du Böses tun könntest und - möchtest; lass dem Sturm das Tosen, und dem Strom das Brausen, und dem Orkan das Stürmen, und dem Gewitter das Donnerschleudern, und dem Erdbeben das Verschlingen, und dem Vulkan das Verzehren und Einäschern. Du aber sieh hinauf zum kühlen, labenden Strahl des unermessen-entfernten Gestirns, und wünsche dich zu gesellen zu gütigen Naturen. 

 

Stolz, Ruhmsucht

Bei der Erinnerung an die vielen Fehler, die du begangen, und an die vielen Schwachheiten, die du noch an dir hast, und auf welche du nicht anders, als mit Scham sehen kannst, wirst du doch zum Stolze versucht. 

Ist ein elend Ding um den Stolz - will den kleinsten Keim davon nicht dulden in mir - will gut werden, und das Stolzsein den Toren überlassen.

 

Kindersinn

Gott, gib mir jene süße Empfindung meiner ersten Kinderjahre wieder! Wie ich da betete, wie ich die Welt ansah! Ich habe mich indessen viel bemüht, habe Menschen und Natur kennen lernen. O säh' ich wieder mit dem Auge, wie ich damals sah!

 

Meine jetzige Empfindung

Keine Trübsal bleibt mir aus, jede kommt zur bestimmten Zeit, und allemal noch eine Suite von unerwarteter Gesellschaft mit. 

Doch Hoffnungen, die sich prächtig melden ließen, sind alle ausgeblieben. 

 

Keuschheit (25.04.1779)

1. Sie ist die Blüte der Hoffnungen, die der Mensch im Frühling seines Lebens zeigt. Wehe dem Menschen, dessen Blüten ein Reif wegsenkt! Wo die Früchte? Der ganze Baum steht ab.

2. Sie ist der köstlichste Schatz im brechlichsten Gefäß. Die Neugierde lockt; die Einbildung verführt in Zaubergärten; die Sinne kurzweilen mit der Vernunft; das Beispiel erschüttert; Verführung betrügt die Unerfahrenheit; nur ein sanftes Gefühl der Scham hält Wache - und o, wie bald ist dieses Gefühl übertäubt!

3. Sie leuchtet in des Menschen Angesicht, verschönert den Leib, und beseelt die Seele des Menschen. Unverdorbenheit, du bist ein Spiegel, in dem Gottes Abglanz leuchtet. 

4. Ein unersetzlich Gut; die Buße, die so vieles Verlorne wieder gut machen kann, kann diesen Schatz, wenn er dahin ist, nie wieder gut machen. 

5. So will ich denn den Gefahren, denen ich entkommen kann, vorsichtig aus dem Wege gehen, und mich durch Gebet zum Widerstand stärken in denen Gefahren, welchen ich nicht aus dem Weg gehen kann. 

 

1. September 1783

Unter allen Büchern, die ich gelesen habe, und noch immer lese, wirkt keines so zuverlässig auf mein Herz, als das Evangelium, und dann das Büchlein, wie man Christo nachfolgen solle (Imitatio Christi, Thomas van Kempen).

Um diesen Eindruck auf mein Herz dauerhaft zu machen, will ich in's Künftige auf die Stellen, die mich am stärksten rühren, für mein Herz übersetzen. 

 

Der Abschied (4. Oktober 1782)

Liebe Vorsehung, hast du mir diesen Weg bestimmt: sieh, ich tret' ihn mutig an! Ich verlasse liebe Menschen, die mit Tränen mich begleiten, und mit Sehnsucht nach mir sehen. Mein Herz wandelt mit fort - und bleibt zurück. 

Auch ich weihe Tränen euch, ihr Freunde, die mein Auge vielleicht nimmer sieht!

Trübe ist der Himmel, ein Sturm saust über den Wald daher. Traurig ist mein Herz, und die Ahnung lässt mich in die Zukunft mit dunkeln Schauern sehen. 

Doch ich folge, liebe Vorsehung, deinem Wink, achte Sturm und Ahnung nicht! Überall bist du mit mir, bist mir Vaterland und Freund! Bist mir Führer auf jedem Weg, der mich leitet durch die Sterblichkeit: getrost will ich hinwandeln bis in's Grab. 

Will segnen, wo ich vorübergehe, und den Weg mit Fußstapfen der Menschlichkeit und der Bruderliebe bezeichnen. Ist doch alles so kurz! Die Jahre, die ich gelebt, sind wie Augenblicke. 

Was noch übrig, wird auch bald vorüber sein, und dann keine Wolke mehr, und keine Bangigkeit - dann atme ich frei in Gottes besseren Welten!

(WW 38,32-38)