§ 5 Christliche Lieder bei verschiedenen Anlässen

 (WW 25,287-289)

 

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Lied am Geburtstag

Preis Dir, Vater, für mein Leben!
Laut soll Dich mein Lied erheben!

Ganz sich meine Seele freu’n!

Lobgesang mein Herz nur sein!

Worte zwar und Lieder schwächen

Deiner Liebe Glut und Licht –

Nein, mit Zungen auszusprechen,

Gott, ist deine Liebe nicht.

 

Bilder können ihr nicht gleichen:

Kein Gefühl kann sie erreichen

über alles Denken groß

Ist sie – ewig, namenlos.

Wo, wo soll mein Lied anfangen?
Enden wo mein Lobgesang?

Dankgefühl ist mein Verlangen:

Dies Verlangen ist mein Dank.

 

Du, Gott, wolltest, dass ich werde!
Du, Du bild’test mich aus Erde!

Du, der alles leben heißt,

hauchtest in mich deinen Geist!

Denken kann ich, kann empfinden,

wünschen, wählen, lieben, scheu’n;

Gott, Dich suchen, Gott, Dich finden;

meiner mich und Deiner freu’n.

 

Du hast, ewig mir gewogen,

mich aus Mutterleib gezogen,

Du ernährt mich, Du gestärkt,

meine Tritte Du bemerkt;

leitetest mich alle Tage

gütig, mächtig, wunderbar;

wogest auf der Weisheit Wage

Freuden mir und Tränen dar.

 

Unzählbar und schrecklich waren

die mir drohenden Gefahren;

aber deine Macht und Treu

führte sie vor mir vorbei.

Litt’ ich Schmerzen, weint’ ich Tränen;

rief ich kindlich nur zu Dir,

Vater!, und das tiefste Sehnen

meiner Seele gabst- Du mir.

 

Hin zur Wahrheit und zur Tugend

führtest Du von früher Jugend

neben Wahn und Lastern mich,

treu’ster Vater, väterlich;

zogst mich tausendmal zurücke;

Freunde, Lehrer gabst Du mir;

zogest mich mit sanftem Blicke,

wollt’ ich, wollt’ ich nicht, zu Dir.

 

Tausendmal vergaß ich Deiner;

aber Du erbarmtest meiner,

Vater, Dich auch tausendmal.

Vater, wenn in Reuequal

meine heißen Tränen flossen,

schenkest Du dem Herzen Ruh’:
“Nein, ich will dich nicht verstoßen,

schonen will Ich!“ sprachest Du.


Bis auf heut, bis diese Stunde

(Preis sei Dir von meinem Munde,

Dank aus vollem Herzen Dir!)

Warst Du, Gott, mein Gott, mit mir;

führtest mich auf allen Wegen;

schützest, lehrtest, liebtest mich;

Augenscheinlich war dein Segen:

Deiner Wunder Zeug’ bin ich.


Und was kann ich noch auf Erden

unter deiner Bildung werden!

Welch’ ein Zeuge Deiner Macht,

wenn mein Glaube recht erwacht!

Ach, erweck’ ihn, weck’ ihn heute!
Schenk’ das zweite Leben mir!

Wie ich Dir noch nie mich weihte,

weih’ ich dann mich, Vater, Dir.


Bis zur letzten Lebensstunde

gib Lobpreisung meinem Munde;

meinem Herzen Dankgefühl,

Seelenruhe, Glauben viel,

Liebe mehr als alles – Liebe

aus des Glaubens reinstem Triebe:

Dass von deiner Huld und Treu’

jeder Tag ein Zeuge sei.