§ 3: Christliche Lieder von Pflichten, Tugenden etc.

(WW 25,261-268)


Die Tugend das Glück des Menschen

 

Wie hat es doch ein Mensch so gut,

der Gutes liebt und Gutes tut!

Wie wohl ist ihm im Herzen

den ganzen Tag, die ganze Nacht!

Nichts ist, das ihn unglücklich macht,

selbst Leiden nicht, nicht Schmerzen.

 

Nein! Wer dem lieben Gotte glaubt,

sich keine Tat, kein Wort erlaubt,

die Jesus ihn heißt meiden;

wer alles liebt, was Jesus liebt,

sich ganz und froh an Ihn ergibt:

Dem fehlt es nie an Freuden.

 

Wie froh sieht der den Himmel an,

der Gutes tut, so viel er kann,

der keine Mühe scheuet,

der alle, wie sich selber, liebt,

den And’rer Traurigkeit betrübt,

den And’rer Freude freuet!

 

Der Armer und Verlass’ner sich

wie Jesus Christus brüderlich

und hilfreich schnell erbarmet;

der Gutes gönnt und Gutes schenkt

auch dem, der ihn aus Bosheit kränkt,

der Feinde selbst umarmet!

 

O, wohl dem, der nicht Kleiderpracht,

nicht Gold zu seiner Freude macht,

und, was nichts nützt, verschmähet,

bescheiden ist, nicht nur zum Schein,

und, nicht bloß, um gerühmt zu sein,

gerade Wege gehet.

 

Wer fern von jeder argen List

ein Freund der lieben Wahrheit ist,

ein Feind vom falschen Wesen;

wess ja ist ja, wess nein ist nein:

wie lieb wird der den Menschen sein!
Wie lieb oft selbst den Bösen!

 

Wer gern mit aller seiner Kraft

in guter Absicht Gutes schafft,

hat hier viel frohe Tage:

leicht, süße wird ihm sein Geschäft.

Wer mäßig trinkt, und isst und schläft,

erspart sich Schmerz und Klage.

 

Und wenn ein Leiden dieser Welt

auch je des Frommen Seele quält,

wie leicht wird er sich trösten:

Gott ist die Lieb’; ich zage nicht,

weil Jesus Christus mir verspricht:

Es diene mir zum Besten.

 

Wie elend wird der Sünder sein,

wie schmerzlich wird es ihn gereu’n,

nicht recht getan zu haben;

dem Gott, der niemals lügen kann,

der nichts als Gutes ihm getan.

Dem nicht geglaubt zu haben!

 

Ich fürchte mich vor keiner Not,

vor keiner Krankheit, keinem Tod,

wenn Gott ich herzlich liebe;

wenn ich wie Jesus mich ermahnt,

mit Herz und Leib, mit Mund und Hand,

was recht und gut ist, übe.

 

 

Von der Liebe des Nächsten

 

So jemand spricht: Ich liebe Gott,

und hasst doch seine Brüder,

der treibet mit dem Glauben Spott,

und reißt ihn ganz darnieder.

Gott ist die Lieb’, und will, dass ich

den Nächsten liebe, gleich als mich.

 

Wer dieser Erde Güter hat,

und sieht die Brüder leiden,

und macht den Hungrigen nicht satt,

lässt Nackende nicht kleiden:

der ist ein Feind der ersten Pflicht,

und hat die Liebe Gottes nicht.

 

Wer seines Nächsten Ehre schmäht,

und gerne schmähen höret;

sich freut, wenn sich sein Freund vergeht,

und nichts zum Besten kehret,

nicht dem Verleumder widerspricht:

der liebet seinen Bruder nicht.

 

Wer zwar mit Rat, mit Trost und Schutz

den Nächsten unterstützet;

doch nur aus Stolz, aus Eigennutz,

aus Weichlichkeit ihm nützet,

nicht Gottes wegen, nicht aus Pflicht:

auch der liebt seinen Nächsten nicht.

 

Wer harret, bis, ihn anzufleh’n,

ein Dürftiger erscheint;

nicht eilt, dem Frommen beizusteh’n,

der im Verborg’nen weinet;

nicht gütig forscht, ob’s ihm gebricht:

Auch der liebt seinen Nächsten nicht.

 

Wer Nied’re, wenn er sie beschirmt,

mit Härt’ und Vorwurf quälet,

und ohne Nachsicht straft und stürmt,

sobald sein Nächster fehlet:

wo bleibt bei seinem Ungestüm

die Liebe Gottes denn in ihm?

 

Wer für der Armen Heil und Zucht

mit Rat und Trost nicht wachet;

dem Übel nicht zu wehren sucht,

das oft sie dürftig machet;

nur sorglos ihnen Gaben gibt:

der hat sie wenig noch geliebt.

 

Zwar es vermag ein Jeder nicht,

stets durch die Tat zu lieben;

doch bist du nur geneigt, die Pflicht

getreulich auszuüben,

und wünschest dir die Kraft dazu,

und sorgst dafür: so liebest du.

 

Ermattet dieser Trieb in dir,

so such’ ihn zu beleben.

Sprich oft: Gott ist die Lieb’, und mir

hat Er sein Bild gegeben.

Denk oft: Gott, was ich bin, ist Dein:

Sollt’ ich, gleich Dir, nicht gütig sein?

 

Wir haben einen Gott und Herrn,

sind eines Leibes Glieder:

D’rum diene deinem Nächsten gern;

denn wir sind alle Brüder.

Gott schuf die Welt nicht bloß für mich;

mein Nächster ist sein Kind wie ich.

 

Ein unbarmherziges Gericht

wird über den ergehen,

der nicht barmherzig ist, der nicht

die rettet, die ihn flehen:

D’rum gib mir, Gott, den Liebesgeist,

der Dich, Du höchste Liebe, preist.

 

Demut

 

Unter alles mich zu schmiegen,

mich der Stille still zu freu’n,

ohne Worte, mit Vergnügen,

aller Knechte Knecht zu sein;

nie mit Gaben stolz zu prangen,

Menschenruhm nie zu verlangen –

diese Weisheit fleh’ ich mir,

Gott, von wem, von wem, als Dir?

 

Unbekannte Wege wandeln,

Wege, die dein Aug’ nur kennt,

stille dulden, schweigend handeln,

wo kein Menschenmund mich nennt –

Herzensbilder und Bekehrer!

Aller Demut Quell’ und Lehrer,

Jesus Christus – lehre mich

still und schweigend seh’n auf Dich!

 

Gott der Niedrigen und Stillen,

die so gern im Schatten ruh’n,

streng und redlich deinen Willen

einsam leiden oder tun!

Gott der Edlen, die nicht klagen,

wenn sie heiße Lasten tragen –

schweigend in sich selber geh’n,

demutsvoll auf Dich nur seh’n!

 

Gott, Du bist mein Gott, ich falle

freudevoll zu Füßen Dir!

Du erquickst, begnadigst alle,

schenkest Gnad’ und Ruh’ auch mir,

unterstützest mein Bestreben,

immer stiller Dir zu leben,

meiner Ohnmacht nie zu trau’n,

fester stets auf Dich zu schau’n.

 

 

Um Geduld

 

Nicht ermüden, nicht ermüden,

lass, mein Herr und Heiland mich.

Liebe will mein Herz und Frieden;

Friedensfürst, es schaut auf Dich:

Hilf mir deinen Pfad betreten;

Liebe, liebend Dich anbeten

ohne Heuchelei und Hass.

 

O Du Dulder deiner Schelter!

Gottes Langmut, Jesus Christ!

Du, der Duldenden Vergelter!

Liebe dem, der Liebe ist!

Freude dess', der stille leidet,

Unrecht duldet, Zänker meidet!

Meine Freude bleibe Du!

 

Nur ein Blick von deiner Liebe,

Deinem Schweigen unterm Schmerz,

kühlt die Glut der heißern Triebe,

strömet Frieden in das Herz.

Edler Schweiger! Lehr’ mich schweigen,

unter Gottes Joch mich beugen:

Gottes Joch ist sanft und leicht.


Mut und Stille, tiefe Freuden,

und Genuss von seiner Huld

reicht Er uns im Kelch der Leiden,

ausgetrunken mit Geduld.

Reich ihn dar! Ich will ihn trinken;

halte, Herr, mich, will ich sinken:

Meiner Ohnmacht sei Du Kraft!

 

 

Vom guten Gebrauch der zeitlichen Güter

 

Wohl dem, der bess’re Schätze liebt,

als Schätze dieser Erden!

Wohl dem, der sich mit Eifer übt,

an Tugend reich zu werden,

und in dem Glauben, dess' er lebt,

sich über diese Welt erhebt.

 

Wahr ist es, Gott verwehrt uns nicht,

hier Güter zu besitzen;

Er gab sie uns, doch auch die Pflicht,

mit Weisheit sie zu nützen:

Sie dürfen unser Herz erfreu’n,

und unsers Fleißes Antrieb sein.


Doch nach den Gütern dieser Zeit

mit ganzer Seele schmachten;

nicht erst nach der Gerechtigkeit

und Gottes Reiche trachten:

Ist dieses eines Menschen Ruf,

den Gott zur Ewigkeit erschuf?

 

Der Geiz erniedrigt unser Herz,

erstickt die edlen Triebe;

die Liebe für ein schimmernd Erz

verdrängt der Tugend Liebe,

und macht, selbst der Vernunft zum Spott,

ein elend Gold zu deinem Gott.

 

Der Geiz, so viel er an sich reißt,

lässt dich kein Gut genießen;

er quält durch Habsucht deinen Geist,

und tötet dein Gewissen,

und reißt durch schmeichelnden Gewinn

dich blind zu jedem Frevel hin.


Um wenig Vorteil wird er schon

aus dir mit Meineid sprechen,

der Arbeiter verdienten Lohn

Dich lehren abzubrechen;

er wird in dir der Witwen Fleh’n,

der Waiser Thränen widersteh’n.

 

Wie könnt’ ein Herz, vom Geize hart,

des Wohltuns Freuden schmecken,

und in des Unglücks Gegenwart

den Ruf zur Hilf’ entdecken?

Und wo ist eine Standespflicht,

die nicht der Geiz entehrt und bricht?

 

Lass mich, o Gott, genügsam sein,

lass Wohltun mich beglücken;

dann wird des Reichtums eitler Schein,

der Geiz mich nicht berücken.

Ein frommes Herz, ein guter Mut,

sei hier mein Teil, mein bestes Gut!

 

Liebespflicht gegen die Verstorbenen (am Gedächtnistag derselben)

 

Erbarmer, für erschlaf’ne Brüder

fleht brüderlich das Bruderherz –

für Christen – eines Leibes Glieder

fleht gliederlich des Mitleids Schmerz.

Erbarmer, hör’ – wie die Gemeinden

mit Einer Stimme zu Dir fleh’n –

mit Tränen fleh’n sie für die Deinen,

die nah’ Dir sind – und Dich nicht seh’n.

Vertrauensvoll auf deine Güte,

entschliefen sie so sanft im Herrn;

doch nicht ganz rein war ihr Gemüte,

nicht makellos – und wär’s so gern.

D’rum, Reinster, rein von allem Fehle,

rein wasch’ sie Dir mit deinem Blut,

dass sei ihr Aug’ – wie dein’s so helle;

ihr Herz, wie dein’s, so rein und gut.

Du sprachst zum Mörder an dem Pfahle:

Heut’ noch bist du im Paradies!

Lass hören dieses Wort – die Brüder alle:

Ihr kommt noch heut’ zu mir gewiss.

Erfüll’, erfüll’ ihr heißes Sehnen

nach deiner Freude Mitgenuss,

und mildere die Glut der Tränen

durch deinen sanften Freudengruß:

„Kommt, kommt zu mir – des Vaters Söhne,

des Sohnes Brüder – das seid ihr!

Kommt, dass Ich eure Tugend kröne,

kommt her und freuet euch bei Mir!“