Das Gebet des Herrn unser Gebet (in einer Umschreibung fürs Herz) 

I. Vater unser, der Du bist in dem Himmel

Wie ist mir nun so wohl um mein Herz, dass ich zu Gott, der Himmel und Erde erschaffen, zu dem unsterblichen, allmächtigen, allervollkommensten Geist sagen darf: Mein Vater! Mein Vater in dem Himmel! Alle Herrlichkeit, alle Kraft, alle Weisheit ist sein, und dieser Herrliche, der alles in allem ist, - ist mein Vater! Wie viel Trostreiches und Liebevolles liegt in diesem Wort: Gott mein Vater! Ich darf mit Gott reden, wie ein Kind mit seinem Vater; ich darf nicht so ängstlich und mit verzagtem Herzen zu Ihm hinzutreten. 

Der Allerhöchste – mein Vater! Ich darf nur mein Herz reden lassen; es kann mir nicht an Mut fehlen, Ihn um Hilfe zu bitten, wenn ich in Verlegenheit gerate. Denn der Vater hilft seinen Kindern gern. Ich darf keine lange Vorrede machen, nicht Entschuldigungen vorausschicken, wenn ich Ihm meine Not klagen will; ich darf es redlich heraussagen, wie es mir am Herzen liegt. 

Denn der Vater vernimmt gern aus dem Mund seiner Kinder, wie es ihnen gehe. Ich darf mich um keine künstliche Erzählung meiner Umstände bekümmern, um Gott auf mein Elend aufmerksam zu machen. Denn des Vaters Ohr ist immer dem Flehen seiner Kinder offen. Ich darf meinen Jammer nicht größer machen, als er ist, um Gott gleichsam zum Mitleiden zu bewegen. Denn des Vaters Herz wartet schon mit seinen Erbarmungen auf die Bedrängnisse seiner Kinder. Sogar meine Sünden können mich nicht kleinmütig machen. Der Vater verzeiht gern dem Kinde, das um Gnade weint, und nach Besserung strebt. Gott mein Vater: also weiß Er meine Angst weit besser, als ich sie Ihm erklären kann, weiß sie schon zuvor, ehe ich Ihm mein Innerstes erzähle. Gott mein Vater: also kennt Er die geheimsten Leiden, die ich keinem Menschenohr eröffnen mag. Gott mein Vater: also fehlt es Ihm nie an Macht, mein Leiden zu versüßen, und ich weiß es gewiss, Er ist nie genötigt, mir diese traurige Antwort zu geben: Kind! Ich kann dir nicht helfen. 

Gott mein Vater. Drei Worte, daran meine Ruhe und Zufriedenheit hängt; Vater: Er will mir helfen, weil Er mein Vater ist; Gott mein Vater: also kann Er mir auch helfen, weil in Ihm Allmacht und Vaterliebe beisammenwohnen. Ich will also mit kindlichem Vertrauen zu Gott beten, so oft ich bete, und alle meine Gebete mit diesem erfreuenden Trostwort, Vater, anfangen. Aber das ist nicht alles. Vater, mein Vater bist Du in Jesu Christo, in deinem Sohn. Du gabst deinen Eingeborenen, deinen Geliebten für uns, dass Er uns das große Recht, Dich Vater zu nennen, und deine Kinder zu heißen, durch sein Blut erkaufte. 

Jetzt nenne ich Dich mit einem ganz besonderen Vertrauen Vater. Jesus Christus dein Sohn, wir seine Brüder und deine Kinder; Jesus Christus dein Erbe, wir seine Miterben. Ach! Vater über alles, was Vater heißt! Was willst Du mir nicht schenken, nachdem Du mir deinen Sohn, und in Ihm alles geschenkt hast. Mein Vater in Christo Jesu. Aber auch dies ist noch nicht alles. Mein Vater aller Vater. Unser Vater, aller Menschen Vater, ist mein Gott, aller Menschen Vater in Christo Jesu. Aber auch dies ist noch nicht alles. Mein Vater aller Vater. Unser Vater, aller Menschen Vater, ist mein Gott, aller Menschen Vater in Christo Jesu: Ein Vater also, zu dem alle Menschen rufen sollen: unser Vater in Christo Jesu; ein Vater, zu dem der König und der Bettler, das Kind und der Greis die Hände aufheben sollen. Ein Vater aller Menschen: also wenn ich bete, Vater unser, so bete ich für alle, die Gott ihren Vater nennen und nicht nennen.

O, wie erquickt mich dieser Gedanke: ich kann für alle beten; ich soll für alle beten, weil wir alle einen Vater im Himmel haben! Allen kann ich nicht mit Geld, Rat, Brot, Trost zu Hilfe kommen. – Aber beten für alle kann ich, und unser Vater ist reich genug, allen zu geben, was sie nötig haben, und ich ihnen nicht geben kann. Vater unser, ein Vater aller: also sollen wir alle Menschen, Freunde und Feinde, Reiche und Arme, Anverwandte und Nichtanverwandte, Hohe und Niedrige herzlich lieb sein, weil wir alle, gar alle, einen Vater, und einen Erlöser, Jesum Christum, unseren Bruder, im Himmel haben. Wie kann ich also zu Gott sagen: Unser Vater bist Du, und meinen Nachbar um sein gesegnetes Feld beneiden, und meinen Beleidiger hassen, und den Elenden im Elend schmachten lassen, da doch der glücklichere Nachbar, und mein Beleidiger, und der Hilflose, und ich und alle Menschen einen Bruder, Jesum Christum, haben. – Ich begreife es jetzt: die Worte, Vater unser, die ich ausspreche, verdammen mich, wenn ich einen einzigen Menschen von meiner Liebe ausschließe, und ich bin nicht wert, Gott meinen Vater zu nennen, wenn ich nicht alle seine Kinder liebe. Und dann, wenn ich und alle, die Gott kennen, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Sprachen mit einer Seele zu einem Vater ihre Gebete hinaufschicken; wenn Millionen Seelen für mich, und ich für Millionen Seelen bete, wenn unzählige Menschen unter allen Himmelsstrichen zu Gott hinaufrufen: Vater unser: So ist’s mir, als wenn die ganze Welt in eine Familie zusammenträte, und Gott, der Vater dieser großen Familie, im Angesicht seiner Kinder sich auf den Thron hinsetzte, und spräche: Begehrt von mir, was ihr wollt, im Namen meines Sohnes; und wir, seine Kinder, Bekannte und Unbekannte, Nahe und Ferne, Kranke und Gesunde, Weise und Unweise, unsere Seufzer und unsere Wünsche, unsere Gebete und unsere Herzen vor Ihn hinbrächten, und ein jeder für sich und andere empfinde, was er nach der Gesinnung des besten Vaters, im Namen seines Sohnes begehrte – und so alle gesättigt, erquickt, getröstet, mit uns und unserem Vater zufrieden – ein jeder neubelebt in seine Hütte zurückkehrte.

Also kindlichfroh, mit vollem Zutrauen, und mit menschenliebenden, neidlosen Herzen, mit christlichen Gesinnungen müssen die Worte, Vater unser, ausgesprochen werden von allen, die das Gebet des Herrn nicht durch ihr Nachbeten entheiligen wollen.

 

II. Geheiligt werde dein Name

Ja, Vater, dein Name soll von allen erkannt, von allen gepriesen werden. Alle Menschen sollen es wissen, dass Du bist, dass Du der einzige Gott, dass Du der Schöpfer Himmels und der Erde, dass Du der weise Regierer aller sichtbaren und unsichtbaren  Dinge, dass Du unser aller Vater bist. Alle sollen deinen Namen nennen, und bei dem Aussprechen deines Namens soll allen die höchste Weisheit, die uneingeschränkteste Allmacht, und die größte Liebe zu Sinn kommen. Alle sollen es wissen, dass Du die Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse, dass Du deine Hand auftust, und alles mit Wohlgefallen sättigst, dass wir alle in Dir unser Sein, unser Leben und unser Alles haben. Alle sollen wissen, dass Du der Heilige, der Erbarmer, der Retter, der einige Gott bist! Alle Geister sollen Dich anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn du bist ein Geist und die Wahrheit, und willst Anbeter im Geist und in der Wahrheit haben. Alle Knie sollen Dir den Kniefall machen; denn Dir gebührt der Kniefall  Aller im Himmel, auf Erden und unter der Erde.

Dein Name werde geheiligt. Ja, Vater, heilig sollen wir sein, wie Du heilig bist, um deinen Namen nach Würde zu heiligen. Heilig sollen wir sein, heilig sollen wir alle einander zu machen suchen: keine andere Anbetung kann deinem reinen Auge durchaus gefallen. Wenn wir alle Menschen lieben, weil wir deiner Liebe dadurch ähnlich werden; wenn wir vollkommen zu werden trachten, wie Du vollkommen bist; wenn wir verzeihen unseren Feinden, wie Du verzeihst; wenn wir geben, wie Du gibst, allen, die unserer Gabe bedürfen, und denen wir geben können; wenn wir deine Gebote beobachten, wie sie Jesus Christus auf Erden vollzog; wenn unsere Absichten immer reiner, unsere Arbeiten immer gottgefälliger, und unsere Gesinnungen immer himmlischer werden: dann mögen wir mit Zuversicht sprechen: geheiligt werde dein Name. 

Wenn wir unsere Empfindungen nach dem Muster deiner Vollkommenheiten, und unsere Begierden nach der Richtschnur deines heiligen Willens reinigen, und auch andere danach zu bilden trachten: dann wird dein Name geheiligt. Ich will also zuerst in mir anfangen; alles, was ich bin und habe, mein Herz und meine Zunge, meine Seele und mein Leib, meine Ehre und mein Leben, alles soll dazu verwendet werden, Dich zu preisen, Dich zu verherrlichen. Wenn Du mich züchtigst, will ich deine Vaterhand kindlichdankbar küssen, und deine Weisheit lobpreisen, die schlägt, um zu bessern; wenn Du mir meine Sünden barmherzig vergibst, will ich deine Güte freudig rühmen, die nicht den Tod des Sünders will, sondern dass er lebe, und seinen Sündenweg verlasse; wenn Du Strafgerichte über unser Land verhängst: anbeten, in tiefster Demut anbeten will ich deine liebevolle Gerechtigkeit, die scharfe Ruten bereit hält für den Hartnäckigen, und einen Reichtum der Gnade für den erweichten Sünder, und Labsal für den schmachtenden Wanderer. Geheiligt werde dein Name, in meinem Wachen und Schlafen, in meinen Geschäften und in der Stunde der Ruhe, in meinen Leiden und Erquickungen, in meinem Leben und Sterben. Wenn mein Wandel einmal in Ordnung gebracht sein wird, dann wird mein Licht auch leuchten vor den Menschen, dass sie meine Werke sehen, und meinen und ihren Vater im Himmel preisen. Ja, Vater, nur dein Name soll groß sein, nur deine Weisheit soll bewundert, deine Güte empfunden, dein Gericht angebetet, und deine Hilfe allgemein angefleht werden von mir und allen, die um mich sind.

Ja, Vater, geheiligt werde dein Name von uns allen, wie ihn einst auf Erden unter uns dein Eingeborener, unser Herr Jesus Christus, verherrlichte. Er konnte sagen: Ich habe eine verborgene Speise, die ihr nicht seht: den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, das ist meine Speise; Er konnte sagen: Ich suche nicht meine Ehre, sondern die Ehre dessen, der Mich gesandt hat; Er, dieser große Beter, der uns beten lehrte, unser Vorbeter, unser Muster im Beten, konnte mit Wahrheit beten: Vater, geheiligt werde dein Name. Seine Wunder und Vorhersagungen, seine Heilungen und Totenerweckungen, seine Lehren und seine Leiden, sein Leben und sein Sterben, alles, alles trug diese herrliche Aufschrift: Zur Ehre dessen, der Mich gesandt hat. Er konnte in dem letzten Augenblick vor seiner Bluttaufe (seinem Leiden) mit gen Himmel gewandten Augen, beten zu seinem Vater: Vater! Ich habe Dich verherrlicht auf dieser Erde; vollbracht habe Ich das Werk, das Du Mir auftrugst: offenbart habe Ich deinen Namen denen, die Du Mir gabst. Er konnte in dem allerletzten Augenblick sagen, was keiner so genau sagen kann: Vater! Vollbracht ist’s.

Wie beschämt schaue ich von diesem himmlischen Vorbeter auf mich zurück? Wie bin ich noch so weit davon entfernt, dass die Ehre Gottes meine Speise, mein Leben, mein Liebstes sei? Aber, ich will nicht ewig in dieser Entfernung von meinem Lehrmeister bleiben; beten will ich lernen, wie Er gebetet hat; mein Herz soll mir nicht mehr widersprechen, wenn der Mund sagt: geheiligt werde dein Name.

Auch will ich nicht vergessen, bester Vater, dass Du durch die Ehrbezeigungen der Menschen nichts gewinnst, und durch unseren Kaltsinn nichts verlierst. Du bedarfst zu deiner Größe keines Menschen: aber ich, ich gewinne durch Ehrbezeigungen; ich verliere durch Kaltsinn; ich bedarf Deiner. Meine Ruhe und Zufriedenheit, mein Trost und meine Stärke beruht darauf, dass ich deinen Namen kenne und verehre. Und eben auch dieser Gedanke schafft mir neuen Mut, deine Erkenntnis und Verehrung aller Orten, so viel ich mit meinen Kräften vermag, auszubreiten, weil die Seligkeit aller Menschen (meiner Brüder) davon abhängt, dass sie Dich kennen, Dich verherrlichen. Noch hab’ ich es freilich nie genug überdacht, dass in dem nämlichen Maße, wie die Verherrlichung deines Namens zunimmt, auch unser Glück, unser Wohl, unsere wahre Zufriedenheit zunimmt, allgemeiner, fester wird. Noch hab’ ich es nie genug bedacht, dass Du von uns den Zins unserer Anbetung, den wir deiner Majestät schuldig sind, nicht wegen Deiner verlangst, sondern unseretwegen, weil wir in der Anbetung unser Glück finden. Ich hab’ es noch nie genug überdacht, dass Du von uns ein dankbares Herz nicht wegen Deiner forderst, sondern unseretwegen, weil wir in diesen Übungen des dankbaren Herzens unsere Ruhe, unseren Trost, unseren Himmel finden. 

Jetzt bist Du mir noch einmal so liebenswert. Wie könnte ich mich erwehren, Dich nicht zu lieben, da Du das liebenswürdigste Gut bist, und alle unsere Liebe zu Dir nur uns, nur deine Liebhaber selig macht, Dich nicht seliger machen kann, als Du bist? Wie könnte ich es von mir erhalten, Dir nicht mit ganzer Seele zu danken, da Du mein erster Wohltäter bist, und der Dank nur mich, nur deine dankbaren Kinder selig macht, Dich nicht seliger machen kann, als Du bist? Wie könnte ich mir es verzeihen, wenn ich deinen Namen nicht überall verkündigte, da Du das vollkommenste Wesen bist, und die Verherrlichung deines Namens nur uns, deine Verehrer, selig macht, Dich nicht seliger machen kann? Geheiligt, geheiligt werde dein Name! Zwar will ich Dich nicht lieben, ehren aus Eigennutz, bloß deswegen, weil mich die Liebe, die Ehre deines Namens glücklich macht. Aber das ist doch ein neuer Antrieb für mich, Dich zu lieben, Dich zu ehren, dass alle meine Liebe, meine Verehrung deines Namens nicht deine Seligkeit vergrößern, sondern nur mein und anderer Menschen Glück befördern kann. So ist es: Du, Du allein bist so groß, dass alle Ehrbezeigung deine Hoheit nicht erreichen kann; Du, Du allein so gut, dass alle Verherrlichung deines Namens nur unser Glück, nur unsere Seligkeit befördert. O süße Pflicht: deine Ehre unser Glück! Die Ehre unseres Vaters – aller seiner Kinder Glück!

Also: Vater! Geheiligt werde – dein Name – von allen deinen Kindern – ewig! Amen.

 

III. Zukomme uns dein Reich

Dein Reich, Vater, komme zu uns, dein Reich bleibe bei und, und dein Reich breite sich aus unter allen Menschen. Jesus Christus stieg herab auf die Erde zu uns, dieses dein Reich neu zu gründen und auszubreiten, und Er hieß uns beten zu Dir: zukomme uns dein Reich. Also im Namen deines Sohnes, Vater, rufen wir zu Dir hinauf: Vater! Dein Reich werde immer größer und allgemeiner; dein Reich siege über alle Reiche der Sünde, des Todes und der Hölle. Dein Reich ist ein Reich des Lichtes. Zerstreue also alle Finsternisse der Unwissenheit, dass alle Menschen erkennen Dich und deinen Sohn, den Du zu uns gesandt hast. Dein Reich ist ein Reich der Kraft. Gib also allen Menschen Stärke und Mut, zu zerreißen die Fessel der Sünde und zu erobern die Freiheit der Kinder Gottes, dass alle rufen zu Dir mit einem Mund und einer Seele: Vater! Dein Reich ist unter uns und in uns. Dein Reich ist ein Reich der Liebe. 

Lass also das Beispiel Jesu Christi, deines Sohnes, der uns liebte bis in den Tod, das lebendige Muster unserer Liebe sein, dass auch wir einander lieben, wie Er uns zuvor geliebt hat. Dein Reich ist für jetzt noch ein Reich des Kampfes und des Streites gegen Fleisch, Welt und Satan. Bewaffne uns also mit dem Schwert des Glaubens, dass wir nicht erzittern vor unseren Feinden, sondern stehen wie Männer wider sie, und glücklich vollenden unseren Kampf, und erfechten den unverwelklichen Siegeskranz. Dein Reich ist ein Reich der Gnade. O ja, die Gnade Jesu Christi, die alles Leiden versüßen, und alle Freude des Geistes schaffen kann, komme in unser Herz! Ohne diese Gnade sind wir dürre Zweige, die vom Stamm abgeschnitten, saft- und kraftlos, ohne Furcht und ohne Leben, zu nichts taugen, als ins Feuer geworfen zu werfen. Ist aber die Gnade Jesu Christi in uns, so leben nicht wir, sondern Christus lebt in uns. Alle unsere Gedanken beschäftigen sich mit Christo und seinem Reich; alle unsere Gespräche zielen auf die Ehre Jesu Christi, und auf die Ausbreitung seines Weisheit und Herrlichkeit ab; all unser Wandel trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. 

Zukomme uns, Vater, das Reich der Gnade, das Reich der Gnade deines Sohnes. O, dass alle Menschen gehorsame Untertanen dieses Reiches wären! O, dass alle Menschen das erste und wichtigste Reichsgesetz, das Gesetz der Liebe nämlich, kennten, und in Erfüllung brächten! O, dass alle im lebendigen Glauben an Jesum Christum, voll wären von der Liebe Gottes und der Menschen! Dein Reich, Vater, ist auch ein Reich der Herrlichkeit. So wie es hier auf Erden ein Reich des Kampfes und des Streites: so ist es dort ein Reich der Herrlichkeit, ein Reich der Seligkeit, und wird einst für alle frommen, dir ähnlichen Geister ein Reich der Seligkeit und Herrlichkeit sein. Jesus Christus hat sich und uns dieses Reich durch sein Blut erkauft. Er ist Herr und König in diesem Reiche, Er herrscht in deinem Namen. Wir sind jetzt seine Untertanen, sollen aber einst seine Mitregenten werden. Er ist hingegangen zum Vater, uns zuzubereiten den Sitz der Herrlichkeit. Vater, dieses Reich zukomme uns! Nach diesem Reich sehnt sich unsere ganze Seele. Ach!, wann wird es einmal ausgekämpft sein, dass wir als Sieger eintreten in das Land ewiger Belohnungen! Die sich jetzt dieses Reiches freuen, haben auch einst in diesem Leben gestritten, wie wir: aber nun ist die Zeit des Streites vorbei, vollendet ist ihr Kampf, erstritten ist die ewige Krone. Vater, lass uns nicht unterliegen im Kampfe, dass wir erobern das Reich der Herrlichkeit; lass unseren Mut nicht ersterben in dem mannigfaltigen Leiden, dass wir würdig werden, uns zu freuen in dem Reich des Friedens und der Seligkeit. Vater, zukomme uns dein Reich! Alle Zähren werden uns dann abgetrocknet, und alle Leiden vergolten, und alle Finsternis wird Licht, und alle Bangigkeit wird Freude, und alle Arbeit wird Segen, und aller Kampf wird Sieg, und alle Geduld wird Seligkeit, und alle Demut wird Herrlichkeit werden. Vater, dieses, dieses dein Reich zukomme uns, uns allen! Amen.

 

IV. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden

1. 

Dein Wille, Vater, geschehe! Denn, was Du willst, was Du ordnest, was Du fügst, das ist das Weiseste, das Beste, das Heilsamste. Dein Wille ist der Wille des Weisesten; denn Du weißt, was uns schädlich oder nützlich ist, und wir wissen es nicht; Du kennst den Weg, der uns zur Seligkeit führt, und wir kennen ihn nicht; Du bist der Wegweiser, und wir sind unwissende Pilger; wir irrende Schafe, Du der Hirt, der die gute Weide und den Weg zur guten Weide kennt. Wehe uns, wenn wir unser Auge oder unsere Neigung zu unserer Richtschnur machen! Da führt der Blinde den Blinden, da straucheln, da irren, da fallen wir gewiss. Wehe dem Kinde, das sich von der Mutterhand nicht leiten, nicht führen lässt! Es fällt, und bricht sich ein Bein. Wehe dem Kind, das der Mutterstimme nicht folgt! Es greift nach dem, was das Auge blendet, und verbrennt sich die Hand. So mit uns. Wehe dem Kranken, der den Rat des weisen Arztes verachtet, und seinem Eigensinn folgt! Er nimmt Gift zu sich statt einer Arznei. 

Vater, dein Wille ist der Wille des Weisesten! Du führst uns durch Trübsal zur Seligkeit hinüber, weil wir ohne Trübsal nie dahin kommen würden; Du verwundest unser Herz, weil wir ohne Wunde deine Vaterhand nicht bemerkten, und deine Vaterstimme nicht hörten; Du züchtigst das ungehorsame Kind, weil es ohne Züchtigung auf den Weg des Gehorsams nimmer zurückkehrte; Du lässt uns die Plage der Armut und des Spottes empfinden, weil wir uns ohne diese Plage von den vergänglichen Freuden verführen ließen, und die unvergänglichen dahingäben. Dein Wille, Vater, geschehe; denn er ist der Wille des gütigsten, besten Vaters. Du betrübst, um zu erfreuen; Du verwundest, um zu heilen; Du nimmst, um zu geben; Du schlägst, um zu bessern; Du züchtigst, um selig zu machen. Dein Wille, Vater, geschehe; denn er ist der Wille des Allmächtigen. Wer kann Dir widerstehen? Wenn wir aus freier Entschließung, mit Lust, deinen Willen vollziehen: so belohnst Du uns als gehorsame Kinder mit ewigen Belohnungen. Wollen wir uns aber deiner Ordnung mit hartem Sinn entgegensetzen: dann treibt dein mächtiger Arm uns als ungehorsame Kinder, als Empörer, mit Gewalt zur Vollbringung deines Willens. Wer kann Dir widerstreben? Der sich von der Liebe nicht zum Gehorsam bringen lässt, den bringt die Allmacht unter das Joch. Ist es nicht besser, dass wir mit Lust deinen Willen tun, und von deiner Liebe dafür reichlich belohnt, als dass wir am Ende zur Vollbringung deiner Befehle genötigt werden, und noch dazu die Strafe des Ungehorsams erdulden müssen? Vater, dein Wille geschehe; denn er ist der Wille des Weisesten, Gütigsten und Mächtigsten! Dein Wille geschehe; denn er ist Weisheit, Güte und Allmacht.

 

2. Dein Wille, Vater, geschehe! Nicht der den Willen seines Herrn weiß, sondern der ihn weiß und tut, der ist der gute Knecht. Nicht der den Willen seines Vaters weiß, sondern ihn weiß und tut, der ist der gute Sohn. Nicht die, welche sagen, Herr, Herr!, werden in das Himmelreich kommen, sondern jene, die den Willen des himmlischen Vaters tun. Dein Wille geschehe! Das Reich Gottes ist hier auf Erden ein Reich des Gehorsams, der Arbeit, des Kampfes, des Leidens. Vater, der das Werk seines Gehorsams nicht vollbringt, der die ihm angewiesene Arbeit nicht vollendet, der in dem angefangenen Kampfe nicht ausdauert, der den Kelch des Leidens nicht austrinkt – der ist kein treuer Untertan in deinem Reiche. Dein Wille, Vater, geschehe; denn nicht der Hörer deines Willens wird selig, sondern der Täter! Was nützt doch das Hören ohne Tun, das Wissen ohne Vollbringen – das Glauben ohne Wirken? Die Teufel glauben ja auch, und zittern – und bleiben, was sie sind. Das Wissen ohne Tun hilft nur dazu, dass uns unser eigenes Gewissen richte, und unsere eigenen Werke verdammen. Mit unserer Tugend ist es gerade, wie mit dem angewohnten, unachtsamen Spiegelschauen. Man sieht in den Spiegel, beschaut seine Gestalt – geht davon – und vergisst, was man gesehen hat. 

Ach, Vater!, was bedeutet doch das ewige Beten, oder vielmehr das ewige Wortaussprechen: Vater! Dein Wille geschehe? Wie wenigen ist es Ernst dabei? Sie sprechen die Worte aus, gehen davon, und wissen kaum mehr, was sie ausgesprochen haben. Darum, Vater, fleh’ ich zu Dir in dieser Stunde, dass alle, die diese Worte aussprechen, empfinden, was sie aussprechen, und vollbringen, was sie empfinden! Darum, Vater, fleh’ ich zu Dir, dass alle, die deinen Willen erkennen, ihn auch erfüllen! Darum fleh’ ich zu Dir, Vater, dass immer mehrere deinen Willen erkennen und vollziehen; dass alle Menschen deine Diener, Vollzieher deiner Befehle, und Erfüller deiner Gebote werden! Darum fleh’ ich zu Dir, Vater, dass dein Wille unser erstes und letztes Augenmerk, und die Vollbringung deines Willens unser erstes und letztes, unser liebstes, unser einziges Geschäft werde! Darum fleh’ ich zu Dir, Vater, dass unser Denken und Tun, unser Reden und Schweigen, unser Traurigsein und Frohsein allenthalben nach deinem heiligen Willen eingerichtet werde! Dein Wille geschehe!

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel! Deine Engel stehen um deinen Thron, und sehen dein Angesicht, und warten auf deine Befehle, und sind geschäftig, sie zu vollbringen. So, Vater, so willig, so lebendig, so schnell, so freudig, so allgemein, so unaufhörlich, so genau soll auch unser Gehorsam sein! Dein Wille geschehe wie im Himmel! Die Engel vollziehen deine Befehle, weil Du ihr Herr bist. Sollen wir minder gehorsam sein, weil Du unser Vater bist. Für uns, für uns, uns zum Besten, gabst Du deinen Eingeborenen dahin; für uns nahm dein ewiges Wort Fleisch an; uns, uns lehrte Er mit Wort und Tat deinen Willen erfüllen. Und wir sollten zu träge, zu bequem, zu kalt sein, deinen Willen zu tun? Vater, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, oder vielmehr, wie ihn Jesus Christus, dein Sohn, unser Herr, auf Erden vollzogen hat.

 

V. Gib uns heute unser tägliches Brot

Deine Güte, Vater, deine Treue und Vaterliebe ist unermesslich; sie reicht weiter, als der Himmel, und geht über die Wolken! Du lässt Brot wachsen aus der Erde, und Gras zur Nahrung der Tiere; Du tränkst das Feld mit Regen und Tau; Du nährst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Alles, was lebt, ruft zu Dir um Nahrung – Du öffnest deine Hand, und alles ist satt. Auch ich vereinige meine Stimme mit Millionen deiner Geschöpfe, und bete, wie mich dein Sohn beten gelehrt: Vater, gib uns heute unser tägliches Brot!

Du gabst uns das Leben: Du wirst uns also auch Speise und Trank geben; denn das Leben ist mehr als Speise und Trank. Du gabst uns einen menschlichen Leib: Du wirst uns also auch Kleidung verschaffen; denn der Leib ist mehr als die Kleider.

Wer ängstliche Sorgen in seinem Herzen nährt, und mit dem kummervollen Gedanken sich abgibt: was werde ich essen, was werde ich trinken, womit werde ich mich kleiden? – ach! Der hat diese Worte: Vater, gib uns heut unser tägliches Brot!, noch nie mit gläubiger Seele ausgesprochen. Er hat nur den Schall dieses Gebetes nachgesprochen, aber den Geist, die Wahrheit dieser Bitte, hat er noch nie empfunden. Der nämliche, der uns beten lehrte, Vater, gib uns heut unser tägliches Brot!, hat uns auch gelehrt, all unser ängstliches Sorgen in den Schoß des himmlischen Vaters auszuschütten. Vater, dein Sohn hat es uns gesagt: euer Vater weiß, dass ihr Speise und Trank und Kleidung nötig habt! Du kennst also unsere Bedürfnisse – und Du solltest uns nicht helfen? Säen doch die Vögel der Luft nicht, und ernten nicht, und sammeln nicht ein, und doch ernährst Du sie, weil sie deine Geschöpfe sind: und uns, deine Kinder, ernährtest Du nicht? Die Feldlilien arbeiten nicht und spinnen nicht, und doch kleidest Du sie, und kleidest sie so schön, dass Salomo mit all seiner Pracht nicht damit in Vergleichung kommen kann: und uns, deine Kinder, kleidetest Du nicht? Um zwei Pfennige kauft man fünf Sperlinge, und Du vergisst ihrer nicht; die Feldblumen werden morgen in den Ofen geworfen, und Du vergisst ihrer nicht; und uns, deinen Kindern, gabst Du Leib und Leben: und Kleidung und Speise gäbst Du uns nicht? 

Uns, deinen Kindern, schenktest Du deinen Eingeborenen, und alles mit Ihm: und Kleidung und Speise gäbst Du uns nicht? Heiden, die Dich nicht kennen, und nicht wissen, dass Du Vater bist, mögen sinnen und trachten, wo sie Kleidung und Nahrung bekommen. Aber ein Christ, der an Dich und deinen Sohn Jesum Christum glaubt, und dennoch für Brot und Trank und Kleid und Hütte ängstlich sorgt – ach, er beschimpft seinen Glauben, er entehrt deine Vorsehung, und widerspricht der Lehre deines Sohnes: euer Vater weiß, dass ihr dessen alles bedürftig seid: sorgt nicht für den anderen Morgen; ein jeder Tag wird für das Seine sorgen! Wir wissen nicht, ob wir den Morgen noch erleben; und wir sinnen, wie wir morgen unser Leben fortbringen werden? Fristet der Schöpfer unser Leben: so wird der Vater die Lebenden nicht vor Hunger sterben lassen. Und wenn deine Hand, Vater!, sich nicht öffnete, und Nahrung uns zufließen ließe, was würde am Ende all unser Sorgen ausrichten? Können wir durch all unser Sorgen auch nur einen Zoll zur Größe unseres Leibes hinzusetzen? Könnten wir unsere Hand nach Brot ausstrecken, wenn Du unsere Hand nicht erhieltest, und Brot aus der Erde hervorbrächtest? Könnten wir den Wasserkrug an den Mund ansetzen, wenn Du Wasser, Krug, Hand, Mund nicht geschaffen hättest und erhieltest? Also, Vater, statt alles Sorgens rufen wir, wir deine Kinder, mit Zutrauen zu Dir, als unserem ersten und allgemeinen Brotvater: Vater, gib uns heut unser tägliches Brot! Die jungen Raben schreien um Speise zu Dir, und sie werden satt. Die Löwen brüllen um Nahrung zu Dir, und sie werden ernährt. Wir, deine Kinder, rufen im Namen deines Sohnes zu Dir um Brot, und um unser tägliches Brot. Wir verlangen nicht mehr, als unser Auskommen an jedem Tage unseres Lebens. Wir bitten nicht um Überfluss, dass unsere Mäßigkeit nicht in Versuchung, und unsere Seligkeit nicht in Gefahr gerate. Wir scheuen die Arbeit nicht. Wir bitten nur, dass Du unsere Arbeit segnest. Wir trachten zuerst nach dem Reich Gottes, und nach seiner Gerechtigkeit, und bitten dann, dass uns das Nötige als Zugabe beigelegt werde. Wir bitten nur um unser tägliches Brot, und bitten mit Vertrauen, und bitten Dich, unseren Vater, und bitten im Namen deines Sohnes, und bitten mit Ergebung in deine väterliche Vorsorge, und bitten als Freunde der Arbeit, und Feinde des Müßiggangs, und bitten unermüdlich, und bitten als deine Kinder kindlichfroh – und uns erhörst Du nicht?

 

VI. Vergib uns unsere Schulden

Vater, vergib! Sünder sind wir alle: darum haben wir alle Ursache, um Vergebung zu bitten: vergib! Und Du bist unser aller Vater; darum haben wir alle Ursache, Vergebung zu hoffen: Vater, vergib! Vergeben, Vater, ist dein Werk; und um Vergebung bitten, das ist unsere Sache! Wer glaubt, er sei rein von aller Sünde, rein von aller Schuld: der kennt seine Schwachheiten nicht. Sein eigen Herz betrügt ihn, und sein Wandel macht ihn zum Lügner. Wer aber empfindet, dass er gesündigt hat, und dennoch nicht um Vergebung seufzt, der trägt ein tötendes Gift mit sich herum, und sucht kein Hilfsmittel auf. Mein Gott! Wie heißt doch das Jahr, die Woche, der Tag, den wir ohne Sünde, ganz gut und heilig durchgebracht haben? Wie oft kommt der gesegnete Abend, an dem uns das Gewissen gar keine Vorwürfe macht? Wann, wie oft gibt uns unser redliches und erforschtes Herz das gültige Zeugnis: „Heute hab’ ich niemand betrübt; heute hab’ ich mich gläubig mit meinem Gott unterhalten; heute hab’ ich meine Sache vor Stolz und unreiner Lust bewahrt; heute bin ich keiner aus allen meinen Pflichten untreu geworden; heute hab’ ich keine Gelegenheit, Gutes zu tun, ungenützt vorbeigelassen; heute war ich nicht zu bequem zum Mitleiden gegen die Leidenden; heute war ich durchaus das untadelhafte Kind des besten Vaters; heute erscheine ich schuldlos und unsträflich vor dem Auge des Allsehenden?“ Nein, Vater, dieses Zeugnis gibt mir mein Gewissen nicht! Vielmehr häufe ich mit jedem Tag Schulden auf Schulden, und nur gar selten darf ich zu mir sagen: heute bist du besser geworden, als du gestern warst. Meine Leidenschaften werden immer stärker; die Neigung zur Sünde immer herrschender; die Gewohnheitssünde immer unbändiger; die Lust zum Guten immer schwächer; die Kraft, mich zu überwinden, immer geringer – und hiermit die Schuldenlast immer schwerer – die Anzahl meiner Vergehungen immer größer. Ich kann es nicht leugnen, ich muss es mir und meinem Gott gestehen: ein Sünder bin ich. Ich empfinde es, wie verdorben mein Herz, wie befleckt meine Seele ist; ich bin ein Sklave der Sünde, und kenne die Fessel, die mich gefangen halten; verdient hab’ ich die Strafe, die Du dem Sünder angedroht; verachtet hab’ ich dein Gesetz. Es bleibt mir also nichts mehr übrig, Vater, als zu Dir mit Vertrauen zu rufen: Vater, vergib! Die Schulden kann ich durch mein Bemühen allein nicht auslöschen; leugnen kann ich’s auch nicht, dass ich dein Schuldner bin; in Schulden sterben – darob erzittert mein ganzes Herz; die Schulden vergeben kannst nur Du. Also zu Dir allein, Vater, ruft mein Innerstes: Vater, vergib!

Auch kann es mir nicht am Vertrauen fehlen. Du bist unser Vater; dein Sohn Jesus Christus hat es uns gesagt, dass Du unser Vater bist; Er hat es uns offenbart, dass bei Dir Vergebung zu finden ist; Er hat uns noch dazu die Vergebung der Sünden durch sein Blut erkauft, durch seine Auferstehung zugesichert. So gewiss es ist, dass Jesus Christus für mich gestorben ist, eben so gewiss ist es, dass Gott den Tod des Sünders nicht will, sondern dass er lebe und selig werde. So gewiss es ist, dass Jesus Christus zu uns herabgekommen, zu suchen, was verloren war, und selig zu machen, was verdorben war: so gewiss ist es, dass Vergebung bereitet ist für jeden, dem es ernst ist, der Sünde los und von der Schuld frei zu werden. Also, Vater, im Namen deines Sohnes, im lebhaften Glauben an deine Verheißungen, in ruhiger Erwartung deiner Erbarmungen, im festen Vertrauen auf das Sterben deines Eingeborenen, und auf die Macht des von den Toten erweckten Welterlösers sage ich es: Vater, vergib uns unsere Schulden! Du kennst sie alle; Du kannst sie alle vergeben; Du willst sie alle vergeben: Vater, vergib uns unsre Schulden!

 

Wie wir vergeben unseren Schuldnern

Du hast es gesagt: seid barmherzig, und ihr werdet Barmherzigkeit erfahren; vergebt, und es wird euch vergeben werden. Also wir wollen zuerst unseren Schuldnern vergeben; wir wollen zuerst gegen unsere Brüder barmherzig sein; wir wollen zuerst mit ganzer Seele vergeben; wir wollen zuerst unseren Mitmenschen die kleinen Schulden nachlassen, damit wir unverhohlen beten dürfen: Vater, vergib uns unsere großen Schulden, wie wir vergeben! Vergib, wie wir vergeben! Das wäre ein schrecklicher Widerspruch, oder vielmehr der äußerste Unsinn, wenn wir unsere Beleidiger wieder beleidigten, unsere Hasser wieder hassten, und dennoch zu unserem Vater beteten: Vater, vergib, wie wir vergeben! Das hieße mit Herz und Tat zu Gott gesprochen: Vater, vergib uns auch Du nicht, weil wir nicht vergeben! Vater, sei Du gegen uns so hart und unversöhnlich, wie wir uns gegen unsere Brüder erwiesen haben! Oder, wenn wir auch ernstlich um Verzeihung der Sünden zu Dir beten könnten, ohne zuvor unseren Schuldnern ihre Schulden nachgelassen zu haben, so bleibt es doch allemal höchst ungereimt, und äußerst unvernünftig, lieblos sein und um Liebe bitten, unerbittlich sein und um Nachlass seufzen. Wir können uns nicht überwinden, unseren Brüdern die kleinsten Schulden nachzulassen, und fordern von Gott, Er soll uns unsere großen Schulden nachlassen. Wir wissen das ausdrückliche Gebot unseres Herrn: vergebt, so wird euch vergeben werden; wir wissen die Einrichtung in der großen Regierung Gottes: wie wir unseren Brüdern ausmessen, so wird uns Gott wieder einmessen; wir wissen die bedeutungsvolle Geschichte des Knechts, der von seinem Herrn zuerst Nachlass seiner großen Schulden erhalten, gleich darauf seinen Mitknecht wegen einer gar geringen Schuld unbarmherzig behandelt, und zuletzt von seinem Herrn die nämliche Schärfe erfahren hat, die er an seinem Mitknecht zuvor bewiesen; 

wir beten nach der Vorschrift unseres Lehrmeisters alle Tage: vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern; wir kennen das reizende Beispiel unseres Erlösers, der für seine Kreuziger am Todespfahl noch bat; wir haben schon oft gehört, gelesen, betrachtet sein Liebeswort: „Wolltest du deine Gabe auf den Altar bringen, und erinnertest dich da, dass dein Bruder etwas gegen dich hat: so lass deine Gabe daselbst beim Altar, und geh, versöhne dich erst mit deinem Bruder, und dann komm, und opfere deine Gabe;“ wir haben alle nichts so sehr, als Vergebung, Nachlass, Barmherzigkeit, Gnade, Verzeihung nötig, und wir wissen, dass wir Barmherzigkeit, Gnade, Vergebung, Nachlass, Aussöhnung in dem nämlichen Maße von Gott erhalten, in dem wir sie anderen angedeihen lassen; und dennoch geschieht es recht sehr oft, dass wir auf Rache an unseren Mitmenschen sinnen, und um Vergebung zu Gott bitten; Feindschaft gegen unsere Brüder nähren, und nach Gottes Freundschaft seufzen; schadenfroh dem Sturz unserer Beleidiger zusehen, und um Gotteshilfe weinen. Recht oft geschieht es, dass wir die Worte mit dem Mund aussprechen: Vater! Vergib, wie wir vergeben; und zu gleicher Zeit Hass und Neid in unserem Herzen Platz und Nahrung finden lassen. 

Geschehen ist’s, Vater, aber jetzt soll es nimmer geschehen! Wir vergeben allen unseren Schuldnern; vergib uns Sündern: vergib uns alle Sünden, Vater! Wir vergeben alle Schulden: vergib uns alle Sünden, Vater! Wir vergeben mit ganzer Seele: erteile uns auch Du, Vater, vollkommenen Nachlass unserer Schulden! Vergib uns; wir bitten Dich im Namen deines Sohnes, unseres Herrn, der seinen Feinden vergab; der um Vergebung für seine Feinde bat; der uns Vergebung gebot; der uns um Vergebung beten lehrte; der uns Vergebung durch sein Blut erwarb; der uns Vergebung erteilt ... Vergib!

 

VII. Führe uns nicht in Versuchung

Vater, ich empfinde es, wie schwer es mir wird, bei so manchen Gelegenheiten und Versuchungen zur Sünde meine Neigungen zu bändigen! Schwer, schwer wird’s mir, allen Gefahren, zu sündigen, ohne Sünde zu entkommen. Bald ärgert mich mein Auge, und reizt mich zur Sünde. Bald ärgert mich mein Fuß, und führt mich zur Sünde. Ich weiß wohl, was Jesus Christus seine Jünger gelehrt: „Wenn dich dein rechtes Auge verführen will, sprach Er, so reiß es aus und wirf es weg; es ist dir besser, eines deiner Glieder gehe verloren, als dass dein ganzer Leib in’s Feuer geworfen werde; es ist dir besser, dass du einäugig zum Leben eingehst, als mit zweien Augen, an Leib und Seele zugrunde gehst. Ärgert dich dein Fuß, so hau ihn ab, und wirf ihn weg; denn es ist besser, dass du mit einem Fuß zum Leben eingehst, als mit zweien Füßen, an Leib und Seele zugrunde gehst.“ Aber, Vater, ich kenne auch meine Schwachheit! Oft, oft hab ich’s erfahren, wie mühsam es sei, den Sinnen zu gebieten, und seine Neigung in Ordnung zu bringen. 

Auch die Beispiele der Lasterhaften machen einen starken Eindruck auf mich, und reißen mich oft mit Gewalt hin, wo ich nicht hin will. Ich sehe und höre Übeltaten allerlei Art, und das reizende Laster schmeichelt sich bei mir durch Aug und Ohr in’s Herz ein. Tausend Umstände, tausend Gelegenheiten reizen mich bald zur Rachbegierde, bald zum Stolz, bald zur Ungerechtigkeit, bald zur Wollust, und ich zittere, wenn ich an alles denke, was mich zur Sünde lockt. In mir selbst empfinde ich die mächtigsten Anfälle zur sündlichen Lust; in mir selbst trage ich meinen gefährlichsten Feind mit mir herum, und wie oft nähre, stärke, bewaffne ich ihn noch dazu selbst? Und dann erst, wie fürchterlich ist für uns der Satan und sein Reich? Wie ein brüllender Löwe geht er herum, und sucht uns zu verschlingen. Überall Fallstricke: Fallstricke von der Hölle; Fallstricke von den Verführten und Verführern; Fallstricke von meiner ewigen Begierlichkeit; sichtbare und unsichtbare Fallstricke. Vater, du kennst alle diese Fallstricke; Du kennst meine Kraftlosigkeit zum Kampf; Du kennst meine schwächste Seite! Zu wem also, als zu Dir, soll ich mich wenden? Du kennst jede Gelegenheit, in der mich die Sünde überwältigt hat, und noch ferner überwältigen würde, wenn Du mir nicht kämpfen hülfest. 

Was kann ich anders zu Dir sagen als: führe mich nicht in Versuchung! Leite Du mich, dass ich nicht in die Fallstricke der Sünde verwickelt werde; stärke Du mich, dass mir der Kampf nie zu schwer, der Feind nie zu mächtig werde; erleuchte Du mich, dass mir keine Gelegenheit zur Sünde den Wert des ewigen Lebens aus den Augen rücke; sei Du mir gegenwärtig, dass ich nie deiner Liebe vergessen, und dein Wohlgefallen nie um eine falsche Annehmlichkeit von etlichen Augenblicken, hingebe; lass Du mich die Süßigkeit deiner Freundschaft stets empfinden, dass mir das Laster nie zu reizend, die Überwindung nie zu schwer, die Erfüllung der Pflicht nie zu ermüdend werde; lass Du die Bösen, die mich in ihre Gesellschaft, und damit in die Sünde, und dann in’s Verderben hineinführen wollen, in ihren Angriffen auf mein Herz nie zu listig werden.

Lass die Trübsale nicht drückender, und den Spott nicht beißender werden, als insofern meine Kräfte ausdauern; lass die Gelegenheit zum Bösen nicht zu überraschend über mich kommen, dass ich mich auf den Widerstand gefasst halte, und im Widerstehen nicht unterliege; lass mich zur rechten Zeit das Bild Jesu, des Gekreuzigten, in die Sinne kommen, dass ich Den erblicke, der unsere Sünden getragen, und um unserer Missetaten willen getötet ward, und im Anblick des geschlachteten Lammes, die Hand nicht nach dem Bösen ausstrecke; lass mich vom Bösen, das den Schein der Tugend annimmt, und von dem Satan, der sich in die Gestalt eines Lichtengels kleidet, und von den reißenden Wölfen, die im Schafpelze sich und ihre schädlichen Grundsätze verbergen, nicht zu stark gereizt, nicht zu verführerisch gelockt, nicht zu schmeichelhaft belogen – nicht überwältigt werden: führe mich, führe uns nicht in Versuchung! Wie ich, so sind alle Menschen mehr oder weniger den Versuchungen ausgesetzt. Vater, Du versuchst sie nicht zum Bösen, so wenig Du selbst zum Bösen kannst versucht werden. 

Aber Du lässest doch die Versuchung über uns kommen, damit unser Glaube geübt, unser Vertrauen gestärkt, unsere Liebe bewährt, unsere Schwachheit uns selbst offenbart und die Notwendigkeit deiner Hilfe tief empfunden werde. Vater, führe uns nicht in Versuchung! Gib uns Gnade, dass wir uns in der Einsamkeit, durch Beten und Fasten, auf den Kampf gefasst machen; hilf uns streiten, dass wir siegen; offenbare an uns deine mächtige Gnade, dass wir uns durch keine Beleidigung zur Rache, durch keinen Vorteil, durch keinen auch noch so großen Gewinn zur Ungerechtigkeit, durch keine Würde, keinen Vorzug zum Stolz, durch keine Trübsal zur Mutlosigkeit, durch kein böses Beispiel zur Nachfolge, und durch keinen Widerstand unserer Gegner zum Unrecht verleiten lassen: führe uns nicht in Versuchung. Lass uns stets im Herzen behalen die Warnung deines Apostels, oder vielmehr den Zuspruch deines heiligen Geistes: wer da steht, der sehe zu, dass er nicht falle.

Lass uns stets unsere Schwachheit und unsere Pflicht im Andenken behalten, dass wir jede Gelegenheit zum Fall, die wir meiden können, sorgfältig meiden; lass uns empfinden das hohe Glück dessen, der aufrecht steht, dass wir allemal dem schlüpfrigen Pfade (so viel möglich) ausweichen; lass uns deine Gegenwart nie aus den Augen verlieren, dass wir unsträflich vor Dir wandeln; lege uns, Vater, die Hand unter, dass wir nicht fallen; führe uns bei allen Versuchungen zwar nicht unangefochten, doch aber unverletzt vorbei, dass wir einst in die Gesellschaft der Gerechten aufgenommen werden, die die Versuchungen auf Erden besiegt haben, und nun im Himmel, über alle Versuchungen erhaben, die Früchte ihres Sieges in einer Herrlichkeit mit Jesu Christo, genießen!

 

VIII. Sondern erlöse uns von dem Übel

Zu wem, Vater, sollen wir sagen, erlöse uns von dem Übel, zu wem, als zu Dir allein! Du, Du allein kannst uns von allem Übel erlösen. Du, Du allein weißt genau den Augenblick, wo es uns gut ist, von diesem oder jenem Übel erlöst zu werden; Du, Du allein kennst die Last, die unsre Schultern noch tragen können, und eine andere Last, der wir gewiss unterliegen müssten. Also, Vater, zu Dir schreien wir mit vertrauensvoller Stimme, zu Dir allein: Vater, erlöse deine Kinder von allem Übel!

 

1.

Vater, Du kennst, ehe Dir’s irgend ein Menschenherz klagt, alle Plagen auf Erden, die kein Sterblicher zählen kann. Da ringt der Elende mit Armut, und kann sich kaum so viel erwerben, als er nötig hat, sein Leben kümmerlich fortzubringen: Vater, Du siehst seine Not, und hörst seine Seufzer! Dort liegt ein anderer auf dem Krankenbett, und wird von unausstehlichen Schmerzen gepeinigt; er möchte sterben, und kann nicht: Vater, Du kennst seine Angst, und hörst sein geheimstes Klagen! Jetzt verwüstet der Hagel die reifenden Erdfrüchte; der Landmann weint, weil er nichts einernten kann, als leeres Stroh, und im Schweiß seines Angesichts umsonst den Acker gepflügt hat – und bettelt um Brot: Vater, Du siehst seine Tränen, und kennst sein Herzeleid! 

Da ringt die Witwe ihre Hände, und blickt traurig gen Himmel, weil das Feuer die Reste ihres kleinen Vermögens aufgefressen hat: Vater, Du siehst das Händeringen der Witwe, und kennst die Angst der bekümmerten Seele, und hörst den unterdrückten Seufzer! Dort liegt das unerzogene Waislein unter freiem Himmel, und ist weinend eingeschlafen, weil die Wassergüsse die Hütte seiner Mutter weggeschwemmt haben: Vater, Du hast sie gezählt, die erste und letzte Zähre des Waisen. – Da geht der Wanderer freudig seiner Vaterstadt zu, und wird eine halbe Stunde außer seiner Vaterstadt von Räubern geschlagen, und liegt verwundet auf der Straße: Vater, Du siehst die blutende Wunde, vom Himmel herab, und hörst den harten Atemzug des Hilflosen! Dort ist ein Rechtschaffener, der allen Gutes tat, das Gespött seiner Mitbürger, und wird von seinen undankbaren Pflegekindern schändlich verleumdet, grausam verfolgt; der Undank tut ihm weh, und die Verfolgung verwundet sein Herz: Vater, Du kennst sein Leiden, und siehst die Träne am Auge, in der verschwiegenen Kammer geweint! In diesem Land reibt die Hungersnot tausend, in einem andern der Krieg hunderttausend, und wieder in einem anderen die Pest noch mehrere Menschen auf: Vater, Du siehst die Teuerung, das Schwert und die Seuche wüten, Du hörst das letzte Röcheln der Sterbenden, und das Winseln der Lebenden. Und wer wird sie alle nennen die Übel, und alle zählen die Plagen, die Dir allein, und dem, der damit geplagt ist, bekannt sind?

Vater, wir getrauen uns zwar nicht geradewegs zu sagen: erlöse uns gleich jetzt von allen diesen Übeln! Denn es wäre nicht gut, wenn die Erde von allen diesen Übeln frei wäre; sonst hättest Du sie nie damit heimgesucht. Wir müssen es deiner Weisheit heimstellen, mit uns zu schalten nach deinem heiligen Gutbefinden. Aber so viel dürfen deine Kinder frei heraussagen: Vater, wenn’s uns gut ist, wenn’s Dir gefällig ist, lindere diesen Schmerz; heile diese Wunde; lösche dieses Feuer; segne diesen Dürftigen; tröste diesen Trostlosen; stärke diesen Schwachen; speise diesen Hungrigen; tränke diesen Durstigen; kleide diesen Nackten – Vater, wenn’s uns gut ist, wenn’s Dir gefällig ist, lass diesen Kelch vorübergehen; aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!

So viel, Vater, dürfen deine Kinder frei heraussagen: Vater, Du siehst meine Träne; Du hörst mein Seufzen; Du kennst mein Leiden; wenn es mir gut ist, wenn es Dir gefällig ist, trockne mir diese Träne vom Auge, erhöre die Stimme dieses Seufzers, stille dieses Leiden, und lass deine Barmherzigkeit ewig preisen!

Vater, erlöse deine Kinder von dem Übel!

 

2.

Nebst diesen Übeln, die wir nicht verhindern können, gibt es noch andere, die die Menschen verhindern könnten, aber nicht verhindern wollen. Die Sünde, Vater, ist dieses Übel, das größte auf Erden. Alles ist schrecklich an der Sünde, der Anfang, der Fortgang und das Ende. Um Erlösung von diesem Übel dürfen alle bitten, und ohne Bedingung bitten. Erlöse uns von aller Sünde!

Also, Vater, bewahre das unschuldige Häuflein derer, die sich bisher noch mit keiner überlegten, groben Sünde bemakelt haben, vor der ersten, überlegten, groben Sünde! O, mit der ersten Sünde ist vieles auf einmal, und oft alles für immer verdorben! Mit dem ersten Schritt zur Sünde ist schon ein großer Schritt zum Verderben getan. Kinder, Jünglinge, Jungfrauen, die noch das Kleid der Unschuld tragen, bewahre Du sie vor Verführung! Vater, erhalte in ihnen die Schamhaftigkeit, die sie vor tausend Vergehungen bewahrt! Lass sie von der ersten Sünde, wie von dem giftigsten Schlangenbiss, zurückfliehen. Diese glücklichen Seelen sind dein Tempel, Vater, sind Dir durch die heilige Taufe, durch deinen heiligen Geist feierlich eingeweiht worden; lass deine Gnade stets in ihnen bleiben, dass sie allen Fallstricken der Sünde glücklich entgehen, und deine Gebote mit ewiger Treue beobachten! Von der ersten Sünde, Vater, erlöse deine noch unschuldigen Kinder!

Aber auch diejenigen, die bereits die kindliche Unschuld verloren, und ihre Hände schon einmal dem Laster ausgestreckt haben, die schon aus Erfahrung wissen, was Sünde und Übertretung sei, auch diese schwachen Seelen erlöse, Vater, von dem Übel, dass sie nicht wieder sündigen, erlöse sie von dem Wiederfall (Rückfall) in die erste Sünde, erlöse sie von der zweiten Sünde! Vater, Du kennst die Schwachheit deiner Geschöpfe am besten; Du weißt, wie schwer es sei, vom Fall aufstehen, und nicht wieder fallen; Du weißt, wie gefährlich es sei, wieder fallen, und aus Vorbehalt zur Sünde zurückkehren, die man das erstemal aus Übereilung begangen, und hernach so reuevoll verflucht hat! Darum, o Vater, stärke den Schwachen, dass er sich von den Reizungen der schon einmal begangenen Sünde nicht wieder verführen, und von den Einsprechungen des Fleisches nicht wieder überreden lasse! Erlöse, Vater, deine schon einmal gefallenen Kinder von dem zweiten Fall!

Besonders, Vater, erbarme Dich derjenigen, bei denen das Sündigen schon zur Gewohnheit geworden ist! Ach, diesen elenden Sklaven der Sünde ist das Sündigen die einzige Freude, das Liebste, das einzige Geschäft, gleichsam ihre Natur! Wenn sie erwachen: so erwachet die Sünde mit ihnen; und wenn sie sich niederlegen: so geht die Sünde mit ihnen zu Bett. Ja, Vater, diese erbarmungswürdigen Geschöpfe haben vor allen deine Erlösung nötig! Knechte der Sünde sind sie, und was die sündhafte Lust befiehlt, das tun sie. 

Lass sie, Vater, empfinden ihr Elend, und betrachten die Bande der Sünde, mit denen sie gefesselt sind, und erkennen ihren bejammernswürdigen Zustand! Gib ihnen Stärke, dass sie sich von der Sünde losreißen, und in die Freiheit der Kinder Gottes zurücksetzen! Lass sie überdenken die schrecklichen Folgen der Sünde, die Unruhe des Gewissens, den Verlust der himmlischen Freuden, den schrecklichen Ausspruch des Richters, und die Qual der Verdammten, die von dem Angesicht Jesu Christi weggewiesen, auf immer weggewiesen sind. Lass sie erfahren die Süßigkeit, lass sie erblicken die Schönheit der Tugend, dass sie zurückkehren auf den Weg des Guten, und an dem, was heilig und christlich ist, Freude haben: Vater, erlöse deine Kinder, die des Bösen gewohnt sind, von dem Übel!

Aus der Gewohnheit zu sündigen entsteht nach und nach eine völlige Sorglosigkeit in dem Geschäft der Glückseligkeit. Wehe, wehe denen, die so unbesorgt dahin leben, als wenn kein Gott, oder Gott kein Bestrafer des Bösen; als wenn keine Seele, oder die Seele nicht unsterblich wäre! Wie ist es doch möglich, dass Menschen, die wissen, was gut und böse ist, Menschen, denen das Gewissen laut genug zuruft: meide das Böse, tue das Gute; Menschen, die sich Christen nennen, Menschen, die an ein ewiges Leben, an die Auferstehung des Fleisches glauben, sich ganz dem Laster- und Schandleben preisgeben können, als wenn kein Unterschied zwischen dem Guten und Bösen, kein Gesetz und kein Gewissen, kein anderes Leben und kein Gericht, keine Belohnung und keine Strafe wäre! Von dieser unbeschreiblichen Sorglosigkeit in allem, was Gott und Seligkeit, Tugend und Gewissen betrifft, von dieser schrecklichen Gottes- und Heilsvergessenheit; von dieser unglaublichen Blindheit des Geistes und Härte des Herzens; von dieser fortdauernden Unempfindlichkeit bei dem allerwichtigsten Geschäft, wo es um ewiges Wohl, oder um ewiges Wehe zu tun ist – ach, Vater, von diesem Übel befreie, erlöse deine Kinder: darum bitten Dich deine Kinder!

Vater, wir wiederholen unsere Bitte: befreie uns von allem Übel, das die Heiligkeit des christlichen Wandels befleckt! O, welch ein trauriger Anblick ist es, unter den Christen Laster sehen zu müssen, die alle Tugend von der Erde verbannen. Da herrscht Ungerechtigkeit, und verzehrt die Häuser der Witwen, und schont auch der Waisengelder nicht. Was ist eine himmelschreiende Sünde, wenn diese keine ist? Vater, erlöse uns und unser Vaterland und alle Menschen von dieser Land und Stadt verderbenden, und alle Gute verwüstenden Sünde, von der Ungerechtigkeit! Da herrscht die unbändigste Liebe zu den abscheulichsten Wolllüsten. 

Es gibt Leute (und ihre Anzahl wird immer größer), mehr Vieh als Menschen, die sich zaum- und schamlos in rasender Geilheit schänden und schänden lassen, die nach den zügellosesten Lüsten ihres Herzens Leib und Seele durch namen- und sinnlose Unzucht verderben, die ganz nichts als Unreinigkeit aussäen, und nichts als Schande und Elend einernten können; sie nennen sich Menschen, und sind hinabgesunken tief, recht tief unter das Vieh. Sie nennen sich Christen, und begehen ohne Scheu Sünden, die unter den Heiden ein Gräuel wären. Vater, diese Sünde, die immer weiter um sich frisst, und nach und nach, wenn Du nicht hilfst, vom Jüngling bis zum Greis, alles Fleisch ansteckt, die dem Menschen gar alle Kraft zur Ausübung der Tugend, und alle Lust nach den reinen Seligkeiten der Tugend raubt, von dieser Sünde, Vater, erlöse, befreie deine Kinder, dass sie unbefleckt vor dein heiliges Angesicht treten dürfen.

Wo Unzucht und Geilheit allgemein herrschen, da wird der Glaube an Gott, an Christus und die Unsterblichkeit, immer schwächer, und der Unglaube immer stärker und allgemeiner werden. In einer unreinen Seele findet der Geist der Weisheit keinen Ruheplatz. Das Herz will nicht nach dem Glauben leben: darum fängt der Verstand an, die Wahrheit des Glaubens in Zweifel zu ziehen, zu bestreiten, öffentlich zu leugnen. Der Bauch und die Sünde ist der Himmel aller, die dem Bauch und der Sünde dienen; darum zweifeln sie, ob es wohl auch nach diesem Leben ein anderes, besseres gebe. Die Strafen der Hölle haben sie allerdings verdient; darum wollen sie sich bereden, es habe mit diesem Leben alles ein Ende. Die Wollüstigen werden also nach und nach natürlicherweise die hitzigsten Ungläubigen, um ohne Gewissensbisse ihren Schandtaten nachhängen zu können. Und wo der Glaube einmal sinkt, oder gar untergeht, da ist’s mit der Tugend und Seligkeit geschehen. Es bleibt nichts mehr übrig, als dass der Ungläubige entweder in wilder Verzweiflung, oder was noch schrecklicher ist, in dem falschen Frieden des Gewissens – dahinsterbe. Der Unglaube ist also der grausamste Mörder aller wahren Rechtschaffenheit. Die falsche Hoffnung, dass das Laster ungestraft bleibe, macht das Laster erst recht allgemein, und jagt mit der Furcht des allwissenden Richters, gar alle Funken der Tugend aus dem Herzen.

Vater, von diesem Übel, von diesem allerfurchtbarsten Übel befreie deine Kinder – wir bitten Dich darum im Namen Jesu Christi, der Licht und Wahrheit auf die Erde herab gebracht hat, und bis an’s Ende der Welt erhalten wird!

 

3.

Endlich, Vater, endlich befreie uns von dem Übel, das aus der Sünde entsteht, und erst im andern Leben den Sünder trifft: rette uns von der ewigen Verdammung! Rette uns von diesem Übel aller Übel, das keine Hoffnung erleichtern, kein Gebet abkürzen, keine Zeit lindern kann; rette uns von dem Übel aller Übel, das der gerechte Lohn der vollendeten und unbekehrlichen Ruchlosigkeit, und der gewisse Sold der Beharrlichkeit in der Empörung gegen Gott und seinen heiligen Willen ist; rette uns von dem Feuer, das nicht auslischt, von dem Wurm, der nicht stirbt, und von dem Elend, das ohne Namen, ohne Ende und ohne seines gleichen ist!

Vater, erlöse uns von dem Übel! Amen.

(WW 23,68-96)