Biographie in Zitaten

(Auszug aus dem Sailerkalender)  

 

Sailers Elternhaus

 

Johann Michael Sailer ward am 17. November 1751 im Dorfe Aresing unweit Schrobenhausen in Bayern geboren von Eltern, die mehr durch Gottesfurcht und Rechtschaffenheit als durch Besitz zeitlicher Güter namhaft geworden sind. Wenn das Sein für die erste, und die Abkunft von frommen Eltern für die erste und höchste Gnade angesehen werden kann, so muss Sailer diese erste und höchste Wohltat in seinem Dasein dankbar anerkennen. Es gilt von seinen beiden Eltern, was er ... von seiner Mutter geschrieben hat: „Dank dir, geliebteste Mutter! Ewig bleib ich dein Schuldner. So oft mir dein Blick, deine Gebärde, dein Wandeln vor mir, dein Leiden, dein Schweigen, dein Geben, dein Arbeiten, deine segnende Hand, dein stilles, stetes Gebet ins Auge trat von den frühesten Jahren an, ward das ewige Leben, das Gefühl für Religion mir gleichsam neu eingeboren und dieses Gefühl konnte nachher kein Begriff, kein Zweifel, kein Reiz, kein entgegengesetztes Beispiel, kein Leiden, kein Druck, selbst keine Sünde töten. Es lebt noch in mir, dies ewige Leben, ob du gleich schon vor mehr als 40 Jahren das Zeitliche verlassen hast.“

Zu den seltenen Mitgaben seiner Natur gehörte wohl auch sein Unvermögen zu hassen und zu hadern, so zwar, dass er in den Stunden freier Muße lächelnd bekannte: Ich will mich lieber 10 Jahre lästern lassen als einen Tag auf die Verteidigung meiner Unschuld verwenden. Das erlittene Unrecht vergessen, ist bei mir keine Tugend, denn das Behalten desselben schafft Unruhe und mir ist die Ruhe des Gemütes so lieb, dass ich ohne sie nicht leben mag.

Schon als Knabe von fünf Jahren lehrte ihn seine Mutter aus dem Herzen beten, und wenn der Vater vor und nach Tische als Haupt der Familie vorbetete, so fühlte es der Sohn in seiner Seele, was der Vater aus der seinen gesprochen hatte. Bei Tische musste er als der jüngste Sohn und als zartestes Augenmerk seiner Eltern zwischen Vater und Mutter sitzen. So oft das Mahl zu Ende war, reinigte der Vater zuerst seinen Esslöffel am Tischtuch, sprach dann ganz andächtig: „Wenn doch alle Welt so genug hätte wie ich“, und sogleich vom Tische aufstehend, stimmte er sein ‚Himmlischer Vater, wir danken dir für Speise und Trank’ so freudig an, dass es dem Sohne oft zumute war, als wäre er in einer Kirche gewesen, wenn er vom Tische ging. Wenn die Mutter Flachs oder Hanf spann, so erzählte sie ihm am liebsten von dem Erlöser und dem ewigen Leben; der Vater auf seinem Arbeitsstuhle sitzend, redete mit ihm von der Vorsehung und der Furcht des Herrn.

(SCHIEL I, 17; Selbstbiographie Sailers)

 

Der Ministrant und die verwischten Augen 

Ich war Ministrant in der Kirche und hatte gewöhnlich beim Gottesdienst das Weihrauchfass zu besorgen. Während des Amtes ging ich dann gewöhnlich damit auf den Gottesacker, um dort die Glut zu schwingen und die Sakristei nicht so sehr mit Rauch anzufüllen. Einmal, als ich eben damit beschäftigt war, sah ich auf einem Grab ein neues, schön angestrichenes Kreuz, dessen frische bunten Farben mir sehr in die Augen fielen. Ich gab einem Kameraden das Rauchfass, um das Kreuz näher zu betrachten. Ich öffnete das kleine eiserne Türlein vor dem Bildchen in der Mitte, worauf die Verwandten der Verstorbenen gewöhnlich der Reihe nach kniend gemalt sind – die schon Abgeschiedenen haben ein kleines Kreuzchen über dem Kopf – und strich mit dem Finger über die glänzende Malerei hin. Aber o Unglück! Die Farbe war noch nass, und ich wischte ein paar Knienden die Augen weg. Ich erschrak und eilte mit meinem Weihrauchfass zur Kirche zurück.

Es mussten aber mehrere Leute das neugesetzte Kreuz nach dem Gottesdienst betrachtet haben; denn es verbreitete sich sogleich das Gerede von den verwischten Augen. Mein Kamerad verriet mich, und nun fiel der ernste Zorn des Schulmeisters auf mich. Nicht genug, dass er mir einen scharfen Verweis gab, sondern er ging auch noch zu meinem Vater und erzählte ihm meine Untat. Mein Vater hatte ein sehr feines Gefühl für Haus- und Familienehre und liebte mich besonders darum, weil ich seiner Erziehung durch keine Bubenstreiche Schande machte. Um so größer war jetzt sein Verdruss. Ich konnte ihn durch keine Abbitten und Besserungsversprechen beruhigen, und der Schulmeister konnte es nur dadurch, dass er ihm versprach, das Bild sogleich durch einen Maler wiederherstellen zu lassen, wozu ihm der Vater das Geld gab.“

(Sailer, aufgezeichnet von Diepenbrock, in SCHIEL I, 18)  

 

 „Gott hat mich durch zwei Schnepfen zu dem gemacht, was ich bin“  

 

Der Schullehrer Seitz bemerkte, dass ich einen guten Kopf hätte. Er sagte daher oft zu meinem Vater: „Schuster, schad ist es, wenn euer Bub nicht studiert. Er hat einen rechten Kopf.“ Mein Vater wollte aber nicht viel davon hören. „Ich habe meiner Lebtage gehört“, sagte er, „dass das Studieren ein langsames und ungewisses Handwerk ist und obendrein das allerteuerste. Wie soll ich armer Schuster meinen Buben zehn bis zwölf Jahre unterhalten können? Ein Handwerk will ich ihn lernen lassen. Das kostet doch nicht gar so viel.“ Darauf bestand er, bis der Zimmermann des Dorfes in das Mittel trat. „Ich“, sprach dieser zu Sailers Vater, „bin nicht reicher als du und doch studiert mein Sohn in München... Meister Schuster, künftige Ostern geht ihr mit mir nach München. Da muss er ein Student werden. Das Leben gibt der gute Gott, das Futter die guten Menschen.“ Das Wort fand allmählich Eingang. Der Gründonnerstag ward zur Abreise bestimmt. Meine Mutter richtete meinen Anzug zusammen, und da sie mir weiter nichts mitzugeben hatte, backte sie mir am Vorabend einen Korb voll Küchlein. Am anderen Morgen wohnten wir dem Gottesdienst bei. Ich betete sehr andächtig, nahm darauf Abschied von der gerührten Mutter und dann machten sich mein Vater und der Zimmermann mit mir auf den Weg. Unterwegs setzte dieser ihm mit beredter Weisheit seinen Pläne und Hoffnungen näher auseinander, während ich frohen Mutes mit meinem Körblein am Arm nebenhersprang, unbekümmert um das, was da kommen möchte. Seinen Hauptcoup verschwieg er aber, bis wir nach einer Stunde Weges an das Jägerhaus zu Oberweilbach kamen. „Meister Schuster“, sagte er plötzlich stillstehend, „kommt mit, hier kaufen wir ein paar Schnepfen; die müssen uns helfen zu unserem Vorhaben.“ Wir traten ins Haus, zwei Schnepfen wurden für 45 Kreuzer gekauft und mir in mein Körblein gelegt, und so ging es guten Mutes weiter. Nun erklärte der kluge Zimmermann dem Vater seine Absicht mit den Schnepfen. „Die Schnepfen“, sagte er, „schenkt Ihr dem Schulmeister, wenn ihr ihm den Hansmichel übergebt; so ein kleines Geschenk macht die Leute immer williger.“ ... Noch am selben Tag kamen sie zu dem angesehenen Schulmeister. „Herr Schulmeister“, sprach Sailers Vater, „hier bringe ich euch meinen Hansmichel; ihr müsst sein zweiter Vater sein und ihn zum Famulus bei einem Sohn reicher Eltern machen. Dafür verehre ich euch diese zwei Schnepfen und mein Weib wird für die Frau Schulmeisterin drei Kolben Flachs nachschicken.“ Der Schulmeister gab freundliche Worte und freundliche Blicke und der Zimmermann freute sich, den Vater so weise beraten zu haben. Meister Andreas ging, nachdem er dem Sohne neben einem Reichtum väterlicher Ermahnungen 45 Kreuzer an Geld zurückgelassen hatte, mit seinem Anführer getrost nach Aresing zurück, der Sohn in die Schule. (SCHIEL I 19ff.)

 

1775 wurde er im Dom zu Eichstätt zum Priester geweiht und setzte dann sein Studium fort. Einmal, als er nach München kam und dort seinen Wohltäter besuchte, bei dem er während seiner Schulzeit wohnen konnte, ergriff er am Tische, als von den wundervollen Führungen der Vorsehungen die Rede war, das Wort, und nachdem er gerührt Blick und Herz zu seinem Gastherrn wandte, sprach er: „Nach Gott und den zwei Schnepfen hab ich Ihnen mein ganzes literarisches Dasein zu verdanken.“ Diese Überzeugung drang so tief in sein innerstes Bewusstsein, dass er in späteren Jahren, sooft seine Freunde aus Zufall oder Absicht Schnepfen aufsetzten, es nie unterließ, dies Fragment seiner Jugendgeschichte ins Andenken zu bringen. „Jetzt wird das Mahl für mich liturgisch“, sagte er lächelnd, „denn Gott hat mich durch zwei Schnepfen zu dem gemacht, was ich bin.“ Diese Überzeugung ging demnach auch in seine Freunde über. Einer aus diesen, der vortreffliche Benediktiner Beda Mayr, ließ ihm ein Siegel stechen, das zwei Schnepfen mit der Umschrift „Unter Gottes Leitung“ darstellte. (Sailer, SCHIEL I, 52)

 

Heimatliche Prunktouren in den Ferien


Mein Vater hatte mich so lieb, dass er mich gewöhnlich auf seinen Gängen mit sich nahm, so zum Beispiel, wenn er nach Schrobenhausen ging, um Leder zu kaufen. Der erste Gang war dann immer in die Franziskanerkirche. Der fromme Mann trat jedes Mal mit inniger Sammlung hinein, ohne sich irgend umzusehen, kniete in dem Gang der Kirche nieder und betete mit ausgestreckten Armen so inbrünstig, dass mir sein Bild noch immer als das eines frommen Beters vorschwebt. Wenn er dann eine Weile gebetet hatte, ging er zum Lederer, sein Geschäft zu machen... Dann ging es ins Wirtshaus, wo er eine Maß Bier trank, während er mir Semmel geben ließ, da mir das Bier nicht sonderlich schmeckte. Er unterhielt sich dann freundlich mit den Gästen, und gewöhnlich musste ich, wenn ich ein Prämium in die Vakanz mitgebracht hatte, dasselbe mitnehmen und es den Gästen bei solcher Gelegenheit vorzeigen, wobei ich mich so sehr schämte, dass ich nur aus Liebe zum Vater meinen Widerwillen gegen dieses Prunken überwinden konnte. Vergaß er sich manchmal im behaglichen Gespräch oder ließ sich die zweite oder dritte Maß einschenken, ... so hatte ich von der Mutter den geheimen Auftrag, ihn freundlich zur Rückkehr zu mahnen, was er auch immer gütig aufnahm und ungesäumt befolgte. (Sailer, aufgezeichnet von Diepenbrock, in SCHIEL I, 26)  

 

Dem Novizen fällt ein Stein vom Herzen

 

Nun muss ich noch eine kindliche Verlegenheit erzählen. Die Eintretenden ins Noviziat wurden jedes Mal ermahnt, das Geld, das ihre Verwandten ihnen mitgegeben, beim Rektor abzugeben, wo sie, im Falle sie wieder austraten, es in Empfang nehmen könnten. Auch ich und mein Begleiter Thalhauser wurden darum gefragt; ich hatte nur noch 8 Kreuzer und hielt es nicht der Mühe wert, diese auszuliefern, wurde auch nicht sonderlich danach gefragt, weil mein Anzug meine Armut verriet. Als wir aber ins Noviziat eingetreten waren und die geistlichen Übungen begonnen hatten, wurde denn auch diese Materie der Gegenstand einer ausführlichen Ermahnung. Es wurden die warnendsten Beispiele von solchen angeführt, die ihr Geld verheimlicht und dadurch den Zorn Gottes und schreckliche Strafgerichte auf sich gezogen hätten. Dies ging mir tief zu Herzen; ich geriet wegen meiner 8 Kreuzer in entsetzliche Gewissensnot und wusste nicht, wie ich mich des Geldes entledigen sollte: sie nun herauszugeben, schämte ich mich; sie heimlich an einen dritten Ort zu werfen, erlaubte mir mein Gewissen wieder nicht, weil das Geld unbenutzt verlorengegangen wäre, und sonst stand mir kein Weg offen, weil wir immer unter der strengsten Aufsicht und nie allein waren. Endlich fand ich die Gelegenheit, mich des Geldes, das mir in der Tasche brannte, zu entledigen. Auf einem Erholungsgang, den wir im Garten machten, richtete ich es so ein, dass ich mit meinem Begleiter der Letzte in der Reihe war. Es waren gerade Schnitter im Garten, die das Gras mähten, und als wir einem solchen Heuhaufen nahe kamen, warf ich, so schnell ich konnte, meine 8 Kreuzer, in Papier gewickelt, ungesehen auf einen solchen Haufen und fühlte mich nun so erleichtert, als wäre mir der schwerste Stein von der Brust genommen."

(Sailer, aufgezeichnet von Diepenbrock, über die Zeit von September 1770; SCHIEL I, 34f.)

 

 

Glückliche Professorenjahre in Dillingen 1784 - 1794

 

Von dem Tage an, da Sailer seine Vorlesungen eröffnete, schätzten die Studierenden sich glücklich, die Schüler eines so vortrefflichen Lehrers zu sein und die Einwohner der Stadt, Hohe und Niedere, wünschten, so wie sie Sailer nach und nach kennenlernten, sich Glück, einen solchen Mann in ihren Mauern zu haben. Alle waren zufrieden und vergnügt. Es schwebte gleichsam ein heiterer Frühlingshimmel über der Universität und der Stadt. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 95f.)

 

Die studierenden Jünglinge verglichen Sailers Erscheinen mit der Frühlingssonne, die alles neubelebt. Wie schnell und bleibend Sailer die Verehrung, die Liebe und das Zutrauen der Studierenden gewann, ist zu bewundern, oder vielmehr nicht zu bewundern. Denn er war die lautere Freundlichkeit, die aus dem wohlwollendsten Herzen herrührte. Die Heiterkeit, die aus seinen Augen leuchtete, zeugte von einem Geiste, der von keinen irdischen Leidenschaften getrübt wurde, sondern ganz himmlisch gesinnt war. Sein Angesicht verkündete den Frieden eines guten Gewissens. Nur ein reines Gewissen und das Vertrauen auf Gott kann immer so vollkommen heiter machen. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 83f.)

 

Der Hörsaal, in dem Sailer seine Vorträge hielt, war immer von Zuhörern gedrängt voll, es herrschte stets die tiefste Stille; mit unverwandtem Blicke sahen alle auf ihren teuren Lehrer und nahmen jedes Wort aus seinem Mund mit der größten Lernbegierde auf und prägten es ihrem Herzen ein. Noch kann ich ihn auf dem Katheder sehen, mit welcher Lebendigkeit und beredtsamen Kraft und sichtbar bewegtem Gemüt und Salbung er vortrug, besonders in den Religionskollegien, denen die gesamte akademische Jugend nebst vielen Honorationen aus der Stadt und Umgebung anwohnte, so dass oft die Hälfte keine Sitze mehr fand und stehen musste! (Alois Wagner, SCHIEL 172)

 

Ergreifend und tief wirkte Sailer auf dem Katheder. Noch immer sehe ich im Geiste sein Bild: die leuchtenden Augen und sein ehrwürdiges, von Freundlichkeit erhelltes Angesicht. ... Sailers begeisterte Worte, mit seiner lieblichen Stimme gesprochen und aus dem Herzen strömend, gingen auch wieder zu Herzen. Nicht nur wurde der Verstand seiner Zuhörer mit gründlichen Kenntnissen bereichert und erleuchtet; ihr Herz wurde auch für das Wahre, Gute und Schöne erwärmt. Alle gingen mit den besten Vorsätzen aus dem Hörsaal. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 141f.)

 

Im Frühling und Sommer machte er mit einigen von uns, wenn wir abends ein paar Freistunden hatten, einen Spaziergang. Seine Gespräche waren so unterhaltend als lehrreich. Wir alle hingen an seinem Mund. Er war da besonders heiter und vertraulich und brachte aus dem reichen Schatz seines Gemütes so vieles hervor, dass auch unser Gemüt davon bereichert wurde. Auch über die Größe und Schönheit der Werke Gottes in der Natur machte er sehr ergreifende Bemerkungen. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 141)

 

Außer seinem segensreichen Wirken in den öffentlichen Vorlesungen war Sailer allen, die ihr Vertrauen ihm schenkten, der väterliche Ratgeber und Leiter ihrer Studien, ihrer literarischen und sittlichen Bildung. Viele wählten ihn zu ihrem Gewissensrat und Beichtvater; viele stunden unter seiner Aufsicht hinsichtlich ihrer ökonomischen Verhältnisse, die Vater Sailer im Namen ihrer Eltern besorgte; viele bezogen Unterstützungsgelder, weil sie zu unvermöglich waren zu ihrem Fortkommen an der Hochschule, die er nicht nur aus seiner Kasse, sondern auch von den Wohltätern ihnen wöchentlich mitteilte. Ich fand ihn nie heiterer, als wenn er diese Armengelder in besondere Papiere wickelte und diesen armen Studierenden eigenhändig übergab, dabei sich über ihr Befinden, ihren Fortgang im Studieren und übriges Betragen so angelegentlich erkundigte und stets väterliche Lehren mitgab. (Alois Wagner, SCHIEL I, 215)

 Unter die Privatbelehrungen gehört besonders das erbauende Schriftbetrachten, das Sailer allen seinen Schülern aufs dringendste empfahl. Um es zu befördern, riet er besonders den Vertrauteren das Bibellesen, die ihre hierüber angestellten Meditationen zur Einsicht ihm mitteilten, denen er seine Bemerkungen beifügte und deswegen sich mehrere von den besseren Subjekten am Abende eine Stunde um ihn versammelten, und so einer Erklärung der Schriftstellen beiwohnten. Auch musste die Mehrzahl, die ihn sonst öfter zu besuchen pflegte, homiletische Aufsätze, auch ganze Predigten und Katechesen verfertigen, die er nicht nur korrigierte und ordnete, sondern auch mit ihnen besondere Deklamierübungen vornahm, ganze Predigten oder einzelne Aufsätze auf Spaziergängen wie in seinem Zimmer vortragen ließ. (Alois Wagner, SCHIEL I, 216)

 Die Früchte von Sailers Wirken wurden bald sehr bemerkbar. Ein neues Leben kam in die Studierenden. Sie studierten fleißiger und beflissen sich eines durchaus anständigen, würdigen Betragens. Früherhin hörte man viel Beklagenswertes von Trinkgelagen und Raufereien. Vergebens bemühte man sich schon längst, dieselben ganz abzustellen. Jetzt fiel äußerst selten etwas dergleichen vor. Ich erinnere mich noch wohl, dass mehr als einmal einige Studierende einen tollen Streich vorhatten. Sie sagten aber: „Den Rektor fürchten wir nicht und nach dem Karzer fragen wir gar nichts; allein wenn Sailer es inne würde, so würde es ihn betrüben, und das wäre uns sehr leid.“ Die Unbesonnenheit unterblieb. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 85)  

  

Entlassung aus Dillingen  

 

Die allseitige Achtung und das Anschließen der Studierenden an Sailer erregte die Eifersucht einiger der übrigen Mitlehrer, die sich verachtet glaubten und die neue Aufklärung von Anfang schon mit scheelen Augen ansahen... Viele seiner Gegner beobachten alle seine Schritte und Tritte mit Argusaugen und viele verschrien seine Lehren als verderblich, die sie nicht einmal kannten! Dadurch wuchs die Furcht und das Misstrauen gegen Sailer, besonders bei dem damaligen Kurfürsten von Trier und Bischof von Augsburg, Klemens Wenzeslaus. ... Sailer jedoch entschuldigte alle seine Gegner und verzieh ihnen von Herzen. (Alois Wagner, SCHIEL I, 218f.)

 

Bei dieser feindlichen Stellung seiner Gegner litt Sailers Gemütsruhe und Heiterkeit so wenig, dass er vielmehr seine Vorlesungen mit gedoppeltem Eifer und Anstrengung stets fruchtbarer zu machen sich bestrebte, im Umgang mit Lehrern und Schülern so liebevoll und freundlich wie vorher erschien und auch nicht die leiseste Spur einer Spannung mit seinen Feinden wahrgenommen wurde. Auch hierin leuchtete er seinen Zöglingen als Muster der Feindesliebe vor. (Alois Wagner, SCHIEL I, 221)

 Sailer kam, von einer Erholungsreise in den Herbstferien zurück. Er war ausnehmend heiter und fröhlich, neugestärkt und voll frischen Mutes, sein Lehramt als Professor in Dillingen wieder fortzusetzen. Von seiner Entlassung wusste er noch nichts, hätte sich dieselbe auch nicht als möglich denken können. Als er am folgenden Morgen mit dem Doktorornate bekleidet sich in das feierliche Hochamt zur Eröffnung des Studienjahres begeben wollte, überreichte der aus den Professoren ernannte Vorstand des Kollegiums ihm auf der Stiege das Dekret seiner Entlassung. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 235)

 

„Gut“, sagte Sailer, legte sogleich seinen Doktormantel ab mit den Worten: „Den brauche ich also heute nimmer!“, dankte für die Mitteilung, verabschiedete sich von einigen vertrauten Freunden und reiste noch am selben Tage ab nach München zu seinem intimsten Freund Prediger Winkelhofer, dem er beim Eintritt ins Zimmer sagte: „Sie haben mich fortgeschickt!“ Der staunende, überraschte Winkelhofer erwiderte nach der zärtlichsten Umarmung seinem unerwarteten Freunde: „Nun bist du mir um so lieber und teurer! Bleibe also da und ruhe aus unter meinem Dache von deinen Mühseligkeiten.“ Das Nichterscheinen Sailers bei dem kirchlichen Prinzipium Solenne machte schon unter den Studierenden Aufsehen, die kaum das Ende des Gottesdienstes erwarten konnten, um die Ursache dieser Erscheinung zu erfahren, die dann beim Austritt aus der Kirche sich zusammenreihte und einander fragten; aber blitzschnell näherte sich der herbeigeeilte Diener Sailers, rufend: „O! Er ist entlassen!“ Diese Nachricht war ein Donnerschlag auf die Schüler wie auf die vielen Freunde Sailers. Sogleich schickte sich eine große Anzahl Schweizer – die wegen Sailer die Hochschule besuchten – an, Dillingen zu verlassen! Die tiefste Trauer ergriff alle Gemüter der Studierenden – wie der Bürger Dillingens, die ihren Unwillen und Missvergnügen laut kundgaben. (Alois Wagner, SCHIEL I, 237f.)

 

Ich sah es ein und sehe es jetzt klar ein, dass ich Sailers halber (des Edelsten, Besten aller Menschen, die ich kenne) ganz ruhig sein darf. Jeder große Mann hatte auch seine Neider und Verfolger! ... Dieses Schicksal aller edlen, großen Menschen trifft Sailer auch. Er wird aber auch ein so herrliches Ende nehmen zu seinem Ruhme und zur Freude aller Guten. Das ist mir so klar wie die Sonne. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 257)

 

Mein Herz findet Ruhe im einfältigen Glauben an die Wege des Herrn. Er wird auch dies recht machen, wie er alles denen, die Ihn lieben, recht macht. (Brief Sailers 1794, SCHIEL I, 127)

 

Wie wohl ist dem, der durch Glaube, Hoffnung, Liebe – diese Säulen des unzerstörlichen Tempels – ein Haus in sich hineingebaut, ein Gotteshaus, das nicht durch den alleszermalmenden Zahn der Zeit nicht zermalmt werden kann, sondern über Zeit und Tod siegend, aus den Trümmern des Zeitlichen nur herrlicher hervorgehen und so lange dauern wird als Gott, ewig! Wie kann ich der Huld, die alle unsere Schritte regiert, genug danken, dass sie unzählige Menschen unter allen Himmelsstrichen diese heilige Zufluchtsstätte, diesen Sitz des Friedens finden lassen; dass sie auch Ihnen auf so mancherlei Wegen in diese Zufluchtsstätte hineingeholfen; dass sie auch mich nicht waise lassen konnte!... Ich bin gottlob gesund und bei stiller Tätigkeit getrost im Glauben an den, der nicht schläft, noch schlummert, wenn er auch scheint, die Seinen vergessen zu haben; denn der Schein ist nur Schein. Gott mit Ihnen! (Brief Sailers 1798, SCHIEL II, 162)

 

Als sich Sailer einmal in Aislingen bei der gräflichen Herrschaft aufhielt und dies in Dillingen bekannt wurde, so beschlossen sämtliche Studierende aller vier Fakultäten, wiewohl es fast eine Meile dahin ist, hinzuziehen, um ihm einen Beweis ihrer Verehrung, Liebe und Anhänglichkeit zu geben. Sie zogen also dahin. Auch ich war schon vorher nach Aislingen gekommen, um Sailer zu besuchen und sah den Zug der Studierenden mit an. Alle waren festlich gekleidet, bildeten in dem geräumigen Schlosshof einen länglichen Kreis, in dessen Mitte die vortrefflichsten Musiker aus ihnen auserlesene Musikstücke vortrugen. Einige Abgeordnete kamen herauf im Namen aller, Sailer ihre Ehrfurcht und Liebe zu versichern.

Sailer dankte mit gerührtem Herzen und der ihm eigenen Freundlichkeit und sagte, sie und alle ihre Mitstudierenden sollen sich in das herrschaftliche Bräuhaus begeben und auf seine Rechnung einige Erfrischungen genießen. Er ging dann selbst hin, war in ihrer Mitte sehr heiter und vergnügt und fragte sie unter anderem, ob ihr Auszug in Dillingen nicht Aufsehen erregte. O nein!, sagten sie, sie hätten wohl gedacht, man würde ihnen Hindernisse in den Weg legen; sie seien also einzeln aus den verschiedenen Toren der Stadt gegangen und draußen an der Donaubrücke wieder zusammengekommen. Sailer bat sie dringend, ebenso stille, ohne Aufsehen zu erregen, nach Dillingen zurückzukehren. Denn es war vorauszusehen, wenn sie mit Musik einzögen, so würde die ganze Stadt, die von Verehrung und Liebe gegen Sailer glühte, in Bewegung kommen und ihm ein Lebehoch darbringen, was die Studierenden gefreut hätte, obwohl sie wussten, dass man es höheren Ortes nicht gut aufnehmen würde. Allein sie versprachen, alles Aufsehen zu vermeiden. Alle waren über Sailers Güte und Freundlichkeit entzückt, betrugen sich sehr anständig und mäßig, nahmen dann, ihm mit Rührung dankend, Abschied von ihm und kehrten höchst erfreut nach Dillingen zurück. (Christoph von Schmid 1798, SCHIEL I, 293)

 

 

Professor in Ingolstadt und Landshut 1799 – 1821

 

Ich hörte bei Sailer Moral-, Pastoral- und Religionslehre. Die Pädagogik wurde erst später ihm übertragen. Er las meist seine wohlausgearbeiteten Hefte, las sie aber mit Begeisterung, hielt bei allen wichtigen Punkte inne und machte seine Bemerkungen. ... Bei dem frivolen Ton und der irreligiösen Stimmung, welche damals unter einem großen Teil der Studierenden herrschte, war es ein freudiger und rührender Anblick, wenn oft nach einem so begeisterten Vortrag Sailer von der ganzen Schule mit geringer Ausnahme bis zur Tür seines Hauses begleitet wurde, wo sich alle beim Abschied ehrfurchtsvoll beugten. Kein anderer Lehrer hatte sich einer derartigen Ehrenbezeugung zu erfreuen. Ungewöhnlich rührend wurde sein Vortrag, so oft von der göttlichen Vorsicht die Rede war; wenn er tief bewegt erzählte, wie er zu den Studien und zu dem Wirkungskreise gekommen, in welchem er damals stand. Die zwei bekannten Schnepfen pressten oft auch die hartherzigsten Tränen aus. (Josef Widmer, SCHIEL I, 349)

 

Nunmehr bezog Ludwig, der Kronprinz von Bayern, die Universität Landshut. Er ward von Verehrung gegen Sailer, von Zutrauen zu ihm ganz durchdrungen. Er nahm bei ihm ein Privatkollegium über Religion und hatte beständigen Umgang mit ihm. Sailers freundliche Würde, seine edlen Gesinnungen, seine treffenden Urteile über alles, was einem künftigen Regenten wichtig sein konnte, sein gesellschaftlicher Witz, fesselten Ludwig immer mehr an Sailer. (Christoph von Schmid, SCHIEL I, 352)

 

Er übte uns in schriftlichen Aufsätzen, später in Predigten, die wir ihm bisweilen vortragen mussten und da musste dann bald eine Kanzel in der Feldkapelle, bald ein Hügel, bald sogar auch ein Baum, auf den der junge Prediger kletterte, zur Rednerbühne dienen. Allein einen tiefen Eindruck auf mein Gemüt und Leben machten immerhin sein Beispiel, sein religiöser Wandel, seine Erzählungen aus seiner Erfahrung. So ließ er Almosen durch seine Schüler austeilen, um sie Wohltätigkeit zu lehren; in dieser Absicht nahm er irgendeinen seiner Vertrauten in das Häuschen einer armen, alten Frau mit sich, tröstete sie traulich, schnitt ab und aß von dem schwarzen Hausbrot, das sie ihm aufstellte und ließ dann ein Geldstück auf dem Tisch liegen. Ein anderesmal, wie mir jüngst ein Augenzeuge erzählte, zog er im Winter auf dem Spaziergang seinen Überrock aus und gab ihm einem Bettler. (Berchthold Schindler, SCHIEL I 360)

 

Es waren damals gerade 14 Schweizer Studenten in Landshut. Sailer Nähe und getreue Aufsicht – durch ihn wurden den Schweizern meistens Kost und Logis besorgt – seine Nachfrage über das Wohlsein und sittliche Verhalten der Schweizer, seine väterliche Weisheit und treue Liebe war den Schweizer Studenten ein großer Segen. ... An den Sonntagen versammelten sich die Schweizer aller Fakultäten um Sailer und da fehlte selten einer. Sogleich ward von Sailer vor allem bei denen Nachfrage gehalten, die er seltener sah, wie es ihnen gehe und worin er ihnen raten und helfen könne. Vieles wurde da geordnet, verabredet, vorgenommen, geplaudert, berichtet, was jedem die Woche hindurch aufgefallen war. Da brachte denn Sailer bisweilen Bücher herbei und veranstaltete auf der Stelle eine Lotterie daraus. Die Beglückten lachten über die, welche leer ausgingen. Sah dann der Professor einen gar traurig und verdutzt dastehen, sagte er: „Ei, du Schelm, hast nichts bekommen. Sogleich mache er wieder ein fröhliches Gesicht!“ Da ging er ins Bücherzimmer und holte auch ihm ein Buch heraus, und so wurden meistens nach solchen Verlosungen mit den Treffern auch die Nieten honoriert ...

Bei Winterspaziergängen reizte er die Begleiter, einander feindlich in Schlachtordnung zu stehen und mit Schneebällen zu bewerfen, sich selber unbedenklich einer Partei anreihend. Oder wo er eine Eisbahn fand, schliff er rüstig darüber hinweg, was ihm seiner Hast und Unvorsichtigkeit wegen übel hätte bekommen können. Er fiel, Hut und Perücke flogen weit weg. Wir hoben ängstlich den Gefallenen auf, der hoch auflachte, den aufgehobenen Hut und die Perücke ergriff und schnell wieder weiterschritt. Wenn auch Sailer unter seinen Mitschülern ganz den Professor vergaß und allen wohlgemut in seiner Nähe war, vergaßen sie doch die Ehrfurcht nie, die sie dem Lehrer und väterlichen Erzieher schuldig waren, und hüteten sich sehr, ihm wehe zu tun. War bei Schneegestöber oder Regenguss der Spaziergang verkümmert, so wurde die Erholungsstunde im Zimmer zugebracht. Ich weiß, zuweilen fand ich mich angeregt und von Sailer ermuntert, etwa eine possierliche Rede in schweizerischer Mundart vorzudeklamieren, währenddem der Professor auf dem Boden saß und vor Lachen weinend sich den Bauch hielt. Er war bei derlei Anlässen kindischfroh und leicht zu befriedigen. ... Wie die Schweizer und die übrigen Theologen, so wusste Sailer die Professoren der verschiedensten Gesinnung und Bildung aller Fakultäten an sich zu ziehen, Streite zu schlichten, Feindschaften zu sühnen. Jede Woche war in der Regel einmal förmliche Professoren-Assemblee in Sailers Wohnung. Alles wusste da der rüstige, freundliche Hauswirt zu beleben und zu ergötzen.

(Laurenz Schiffmann, SCHIEL I, 384ff.)  

 

Weihbischöfliche Triumphzüge im Bayerischen Wald

 

Es mag für den Freund der deutschen Kirche nicht unangenehm sein, zu erfahren, wie laut und herzlich namentlich im Bayerischen Wald die Verehrung gegen Bischof Sailer sowohl bei seinem Klerus als bei dem Volke überall hervorgetreten ist, woher der erhabene Kirchenprälat in diesen Sommertagen gekommen war, um das Hl. Sakrament der Firmung auszuspenden. ... Bei jeder Gelegenheit sprach und spricht man mit Ehrfurcht und Bewunderung von ihm. Von seinen Homilien, Predigten und anderen Erbauungsbüchern wird sogar mancher gemeine Waldbewohner so sehr hingerissen, dass er sich nur äußerst selten mehr eines anderen Erbauungsbuches bedienen mag. ... So unbedingt ist die Ehrfurcht und Liebe gegen ihn, dass manche beim Ableben des höchstseligen Pius VII. ihn ohne weiteres zum Oberhaupt der katholischen Kirche kreierten. Ein Beweis von der Sehnsucht, den allliebenden und allgeliebten Bischof in unserer Mitte zu sehen, mag auch der sein: Schon im Herbst 1822 erscholl das Gerücht, Hochderselbe werde noch vor Eintritt des Winters die Bewohner des Bayrischen Waldes mit seiner hohen Gegenwart beglücken. Obgleich dies nur ein bloßes Gerücht war, unbestimmt und ungewiss, so wurden doch sogleich verschiedene Vorbereitungen zu seinem Empfang wie zu seiner Bewirtung getroffen. Wir alle wetteiferten miteinander in der Liebe und Verehrung gegen Sailer. Wir kauften uns miteinander fast alle seine Werke, lasen sie mit größter Aufmerksamkeit und suchten das Gelesene wie auf uns, so auch auf unser Volk in Sailers Geiste anzuwenden – mit unverkennbarer Frucht. ... Es ist daher nicht auszusprechen, wie herzlich dieses Volk, das seit vielen Jahren keinen Bischof mehr sah, nun erfreut wurde, als ihm die Nachricht, dass Hochderselbe selbst in seine Mitte kommen und das Hl. Sakrament der Firmung erteilen wolle, in allen Kirchen angekündigt ward. Sogleich nach dieser Verkündigung wurden allenthalben alle möglichen Anstalten gemacht, um Geist und Herz gehörig vorzubereiten und den hohen Gast auch mit äußeren Ehrenbezeichnungen würdig zu empfangen. Diesen Tribut ihm zollend, fuhren ihm viele Honorationen mehrere Stunden weit entgegen und begleiteten ihn bei der Abreise eine ähnliche Strecke, paradierten in Provinzialstädten und Flecken, wodurch der hohe Reisende seinen Weg nahm, die bayerischen Nationalgarden mit sichtbarer Freude, und die Schuljugend begrüßte ihn überall mit Blumenkränzen und Liedern. Der menschenfreundliche Bischof ward dadurch öfters bis zu Tränen gerührt, dankte überall herzlich für alles, was seinetwegen geschah und sprach bei jedem schicklichen Anlasse Worte heilsamer Lehre und himmlischen Trostes. (Franz Seraph Riederer, SCHIEL I, 632f.)  

 

Bischof von Regensburg 1829 – 1832

 

Morgens 9 Uhr saß ich als Rekonvaleszent von einer acht Wochen langen Krankheit in einem stärkenden Bade, das von dem aufgelösten Strahl eine ganz schwarze Farbe hatte. Da trat einer meiner Hausgenossen, der mich oft durch seinen Witz zu erheitern suchte, herein und sagte: "Wie? Sie sitzen da im Schwarzen Meer und sollten doch eher in der Regensburger Donau sitzen?"  Ich verstand nicht ganz, was er meinte. Als ich nach dem Bade eine Stunde geruht hatte, trat er wieder zu mir ans Bett und sagte: "Sie mögen wohl ruhen, Hochwürdigster, denn Sie haben heute schon eine große Reise gemacht." - "Eine große Reise?", fragte ich. - "Ja, von Germanikopolis [Anm.: der Sitz des bisherigen Bistums, das Sailer als Weihbischof formell zugeteilt war, lag am Schwarzen Meer) nach Regensburg." - Jetzt verstand ich den Sinn. Der 86-jährige hochwürdigste Bischof von Regensburg, den man in den letzten Tagen schon sehr krank gesagt hatte, war gestorben, und ich, als sein Koadjutor und ernannter Nachfolger, trat nun an seine Stelle..." (Sailer, SCHIEL I, 695)

 

Die Nachricht, dass der verehrungswürdige Sailer Bischof von Regensburg geworden ist, entzückte mich. (Ludwig I., SCHIEL I, 695)

 

Als Sailer Bischof wurde, stund er schon in der zweiten Hälfte seines 78. Lebensjahres und hatte sich eben von einer gefährlichen Krankheit aufgerafft, die ihn noch an das Zimmer fesselte. Zwei Tage später durfte er wieder den ersten Gang im Zimmer wagen. So waren denn die lieblichen Fittiche des greisen Adlers durch Alter und Krankheit geschwächt, und wenn sich auch sein Liebe glühendes Auge noch kühn zur Sonne erhob, so war doch die Zeit für ihn vorüber, in welcher der Mann noch durchgreifende und umfassende Verbesserungen in dem ihm zugewiesenen Wirkungskreise vornehmen kann. Sein körperlicher Zustand bedurfte fortan der äußersten Schonung. (Eduard von Schenk, SCHIEL I, 695f.)

 

Lieber, innigst geschätzter Sailer! Bayern wünsche ich Glück, dass es Sie 80 Jahre besitzt, dass es Sie noch lange in der noch fortwährenden, segensvoll wirkenden Geisteskraft besitzen möge. Als Merkmal meiner Gesinnung, meiner Gefühle für Sie, empfangen Sie, der Verdienstreiche, des Verdienstordens Großkreuz. Auf solch treuer Brust zu glänzen, das erhebt den Orden. Ja, treu dem Guten hat Sailer sich bewährt in allen Lagen des Lebens, zu jeder Zeit leuchtete er wohltätig in den Jahren der Finsternis, die für Licht der Wahn ausgab; und segensvoll wirkten sie auf künftige Geschlechter durch die Männer, welche Sie bildeten, die anderen bilden werden in gleicher Gesinnung, der unserer heiligen Religion. Lange Jahre noch für Staat und Kirche, und Kirche und Staat leben Sie so fort. Dieses wünscht der Ihren hohen Wert, mein sehr geachteter Bischof, erkennende Ludwig I. (SCHIEL I, 711)

 

Anfang 1832 erkrankte Sailer wiederum schwer. Seine noch immer kräftige Natur jedoch besiegte auch diesen Anfall, allein schon im Mai waren die nämlichen Freunde, war derselbe Klerus um sein Lager versammelt, um nicht mehr für seine Erhaltung, sondern für das Heil seiner zu Gott heimgehenden Seele zu beten. Ein Schlagfuß hatte ihn getroffen, sein trefflicher und treuer Arzt verzweifelte an neuer Genesung. Sailer hatte über das Wenige, was er an irdischem Gut besaß, schon früher Verfügung getroffen; mit Ruhe übergab er die einstweilige Leitung seiner Diözese dem von ihm schon dem Generalvikar bestellten Weihbischof Michael Wittmann, dessen Eifer und Heiligkeit er am tiefsten kannte und erkannte.

Mit glühender Andacht und vollkommenster Hingebung empfing er aus den Händen desselben und in Gegenwart seiner um ihn knienden Kapitulare und Freunde die Sakramente der Sterbenden und von seinen Lippen flossen noch fortwährend leise Gebete und fromme Ausrufungen, bis diese sonst so beredte Zunge gelähmt wurde und sich endlich auch das Bewusstsein dieses edlen und reichen Geistes verlor. Am frühen Morgen des 20. Mai 1832 war sein letzter Kampf mit der Erde ausgerungen und seine Seele stand vor Gott, nach dessen Erkenntnis und Anschauung er sein ganzes Leben hindurch in Glauben und Liebe gestrebt hatte. Die ihn erwartende Seligkeit dieser Anschauung sprach schon aus seiner Leiche; schmerzloser Friede lag in den Zügen des toten Antlitzes.“ (Eduard von Schenk, SCHIEL I, 715)

 

Aber auch an dem toten Körper zeigte es sich noch, welch edler, reiner, liebevoller Seele Wohnhaus er gewesen; denn lieblich, mild und freundlich war das Antlitz des Verstorbenen anzuschauen. (Melchior von Diepenbrock, SCHIEL I, 720)

 

Sailer war einer von den Menschen, die man um so mehr schätzte, als man sie näher kannte. Denn seine reine, edle, liebenswürdige Persönlichkeit verleugnete sich nie. Nicht leicht gab es einen Menschen, der sich unter allen Verhältnissen, bei Gesundheit und Krankheit, bei freudigen und betrübenden Ereignissen so gleich geblieben ist wie er. Er war wie eine Quelle, aus der immer gleichmäßig reines Wasser ausströmte. Aus seinem Auge ergoss sich stets ein mildes, friedegebendes Licht, das nie getrübt wurde. Die friedliche, heitere Stimmung seiner Seele, die sich in jeder Tat, in jedem Worte, jedem Blicke aussprach, war bei ihm das Ergebnis einer ununterbrochenen Selbstbeherrschung und einer Erhebung des Gemütes. Mitten im heitersten Gespräche sammelte er sich zuweilen innerlich, und man sah ihm an, dass etwas in seiner Seele vorging. Im Umgang mit Menschen erwies er nicht bloß Wohlwollen gegen alle: sein ganzes Wesen war Wohlwollen...Aus der ganzen Persönlichkeit dieses Mannes, dessen hoher Seelenfrieden sich häufig wie ein mildes Licht den Umgebenden mitteilte und der die lichten Punkte in jedem zu finden und zu beleben wusste, ist es begreiflich, wie die meisten Menschen sich in seiner Nähe selbst gehoben und gebessert fühlten und auch wirklich besser wurden. (Johann Karl Passavant, SCHIEL I, 735f.)  

 

                                                                                                                               

Aus Sailers letztem Hirtenbrief am 15. April 1832

 

Geliebte Brüder (und Schwestern), zum Schluss die Bitte: Lasst diesen freudigen Zuruf, diese väterliche Ermahnung Eures Bischofs in Eurem Herzen und in Eurem Leben Nachklang finden.

 

Es sind Worte eines Greises, der nach achzigjähriger Pilgerschaft, an den Pforten der Ewigkeit stehend, euch nichts Besseres zu sagen weiß als „Habt nicht die Welt lieb, noch was in der Welt ist, denn die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt ewig.

 

Er richtet diese Worte an euch am Sonntag der Palmen. Die schwere Leidenswoche steht noch bevor, auch eine schwere Arbeitswoche für euch alle; aber bald wird sie überstanden sein und schon in acht Tagen ertönt das freudige Alleluja zu Ehren des Erstandenen. So ist es, Brüder, mit unserem Leben. Noch wenige Wochen, Monate, Jahre der Arbeit und dann sind alle Mühen, alle Leiden vorüber für immer.

 

Also mutig gekämpft und geduldig ausgeharrt bis ans Ende, denn es kommt der Tag der Vergeltung, wo er, für den wir gestritten und geduldet, den Schweiß und die Tränen von unseren Augen wischen und uns mit ewiger Freude alles Leiden lohnen wird. „Der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. Amen. Komm, Herr Jesus!“

 

Bis dahin flehen wir mit der Heiligen Kirche: „Gott, von dem allein alles heilige Verlangen, alles rechte Beginnen, alles gerechte Tun stammt: Gib uns, deinen Dienern, jenen Frieden, den die Welt nicht geben kann; damit unsere Herzen deinen Geboten ergeben und unsere Zeiten, von allen feindlichen Schrecken befreit, unter deinem Schutze ruhig bleiben. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen!