Ausführliche Biographie 

 

Kindheit in Aresing 1751 - 1762

 

Die Herkunft Johann Michael von Sailers, der später als engster Berater von König Ludwig I. fungieren und von Johannes Paul II. als „Kirchenlehrer“ nicht nur „von Deutschland, sondern sogar von ganz Europa“ gerühmt werden sollte, gestaltete sich denkbar bescheiden. Seine Heimat war Aresing, ein kleines Dorf in der Nähe von Schrobenhausen in der Diözese Augsburg. Dort erblickte er am 17. November 1751 als letztes von sechs Kindern in einer Schuster- und Kleinbauernfamilie das Licht der Welt. Obwohl Sailer schon in seiner Kindheit äußerliche Armut und Not erleiden musste, erlebte er in seinem frommen Elternhaus einen Reichtum an Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Schon in seinen frühesten Jahren wurde er durch das Beispiel seiner Eltern zu tiefer Frömmigkeit und unerschütterlichem Vertrauen auf die Güte und Vorsehung Gottes angehalten. Zeitlebens sollte ihm die Frömmigkeit seiner Eltern in dankbarer Erinnerung bleiben.

Doch nicht nur seine Frömmigkeit und sein Gottvertrauen, die ihm durch das Beispiel seiner Eltern gleichsam schon in die Wiege gelegt wurden, traten in Sailers Leben früh zu Tage, auch sein Fleiß und seine hohe intellektuelle Begabung offenbarten sich rasch. So wurden zunächst der Schullehrer Seitz und der Dorfkaplan Simon auf den jungen Sailer aufmerksam. Diese bemühten sich nun darum, seinen Vater zu überreden, ihn auf eine höhere Schule zu schicken, um ihn Priester werden zu lassen. Doch finanzielle Sorgen schienen diesem derartige Pläne zu vereiteln. Als ihn jedoch Rieger, der Zimmermeister des Dorfes, darauf aufmerksam machte, dass auch sein Sohn trotz ähnlich schlechter finanzieller Lage in München studiere und er ihn deshalb auf die Vorsehung Gottes und die Güte der Menschen vertrauen hieß, zeigte sich dieser doch überzeugt.

Zwei auf Anraten des Zimmermeisters mitgebrachte Schnepfen taten in München schließlich ihren Dienst, um dort den unvermögenden Schustersohn als Famulus in einer Familie unterzubringen. Zeitlebens sollte Sailer diese beiden Schnepfen, die mithalfen, ihm den Zugang zu einer höheren Schulbildung zu ermöglichen, in ehrendem Andenken halten.

 

 

Am Jesuitengymnasium in München 1762-1770

 

Von April 1762 bis September 1770 erhielt Sailer seine Schulausbildung am Jesuitengymnasium in München. Trotz seiner äußerlich kargen Situation zeigte er einen schier unstillbaren Wissensdurst, der ihn oft bis tief in die Nacht hinein an seine Bücher zu fesseln vermochte, so dass er sich nicht selten am nächsten Morgen darüber eingeschlafen vorfand. Sein Fleiß und seine reiche intellektuelle Begabung zeigten bald ihre schönsten Früchte: So gehörte Sailer trotz seiner einfachen Herkunft stets zu den Klassenbesten und durfte gewöhnlich mit einem Buch oder Geldgeschenk als Auszeichnung seines hervorragenden Zeugnisses in den Ferien nach Aresing zurückkehren. Trotz dieser hohen Begabung zeigte er sich im Umgang mit seinen Mitschülern aber ganz anspruchslos, bescheiden, zurückgezogen, gefällig und ließ keinen Mitschüler seine Überlegenheit fühlen.

Neben seinen intellektuellen Kräften fand auch seine sich früh ausprägende religiöse Anlage in der Schule der Jesuiten eine edle und reiche Förderung und Vertiefung. An seinen Lehrern, so schreibt er später, konnten die Schüler „die Religion mit Augen“ sehen, da diese durch ihr gelebtes Vorbild den religiösen Unterricht lebendig praktizierten.  

   

 

Noviziat bei den Jesuiten in Landsberg am Lech 1770-1772 und Studium in Ingolstadt 1772-1777

 

Das positive Vorbild seiner Gymnasiallehrer ließ in Sailer schon während seiner Schulzeit den Wunsch reifen, auch selbst dem Jesuitenorden beizutreten. Nachdem er dafür im Jahr 1769 noch die Zustimmung seines Vaters gewinnen konnte, trat er nach Abschluss seiner Schulzeit am 14. September 1770 in Landsberg am Lech dem Orden der Jesuiten bei. Die Zeit des Noviziats prägte dabei seine Persönlichkeit entscheidend mit, sie stärkte ihn in der Selbstbeherrschung, in umsichtigem Urteil und in Glaubenstiefe. Schon im Noviziat wirkte Sailer nach dem Zeugnis eines Mitnovizen durch seine Demut, Milde und Glaubensinnigkeit erbauend auf seine ganze Umgebung.

Nach dem Noviziat begab er sich auf Wunsch seiner Oberen im Herbst 1772 zum Studium der Philosophie und Theologie nach Ingolstadt. Seine äußere Situation während dieser Jahre gestaltete sich allerdings nach dem Tod seiner Eltern noch ärmlicher als während seiner Schulzeit. An der dortigen kurfürstlichen Universität besaßen die Jesuiten prägenden Einfluss. Im Gefolge der Aufklärung kam es jedoch zu einem tiefgreifenden Umbruch, der unter den Professoren zu häufigen Auseinandersetzungen und Feindschaften zwischen den Gegnern und den Befürwortern einer gemäßigten Aufklärung führte.

Der Dogmatiker und Jesuit Benedikt Stattler sollte in Ingolstadt einen prägenden Einfluss auf Sailer ausüben. Wie Sailer später würdigend über Stattler schrieb, sei dieser ihm als Mitbruder, Freund und Ratgeber alles gewesen, weshalb er ihm „nächst Gott, am ersten schuldig“ sei. Da Stattler jedoch im Bruch mit der überkommenen scholastischen Theologie, die er als konfus, unfruchtbar, morsch und veraltet verwarf, seine Schüler zu freiem und selbständigem Denken anleitete, wurde er von misstrauischen Kollegen pauschal als Rationalist und Aufklärer verurteilt. Auch Sailer sah sich als Schüler Stattlers alsbald mit Argwohn betrachtet und in das Zentrum der universitären Auseinandersetzungen gebracht.

Sailer war von seinen Ordensoberen als Dozent der Theologie vorgesehen, doch die Aufhebung des Jesuitenordens durch ein Breve am 21. Juli 1773 durch Papst Clemens XIV., das am 4. Oktober 1773 in ganz Bayern in Kraft trat, zog diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Sailer entschied sich nun dazu, Weltpriester zu werden. Seine Weihe empfing er im Augsburger Dom am 23. September 1775. Obwohl Sailers endgültige Aufnahme in den Orden der Jesuiten zur Zeit der päpstlichen Auflösung noch nicht erfolgt war, sollte er dennoch nicht selten als Exjesuit abgestempelt werden und in Folge dessen einige persönliche Nachteile erleiden. Die päpstliche Ordensauflösung, in der Sailer vieles am Werk glaubte, „was weder göttlich noch menschlich war“, verstärkte zudem den bereits vorhandenen, unguten Parteienkampf an der Universität Ingolstadt, da die freigewordenen Lehrstühle nach dem Willen des Kurfürsten Max III. Joseph mit Jesuitengegnern und Aufklärungsbefürwortern besetzt werden sollten, wogegen sich aber die verbleibenden Jesuiten mit besten Kräften zu wehren wussten.

 

 

 

Lehrtätigkeit in Ingolstadt und die ersten „Brachjahre“ 1777 – 1784

 

Im Sommer 1777 beendete Sailer sein Theologiestudium. Auf Drängen Stattlers wurde er zum öffentlichen Repetitor für Philosophie ernannt und am 16. September 1780 zum zweiten Professor der Dogmatik berufen. Am 27. Oktober 1780 erfolgte seine Promotion. Als junger Professor wandelte Sailer noch vorzugsweise in den Spuren seines Meisters Stattler und stand bis 1781 überwiegend in seinem Schatten, da er noch nicht zu einer eigenen Position gefunden hatte. Erst allmählich zeichneten sich seine eigenen Standpunkte klar heraus: So distanzierte sich Sailer nach 1781 zunehmend von dem philosophischen und theologischen Eudämonismus seines Lehrers Stattler, der das Glück des Menschen in den Mittelpunkt stellte, und wandte sich einem stärker an der Offenbarung orientierten Denken zu. Sailers erste Professur sollte aber nur von kurzer Dauer sein. Bald nämlich wurde Sailer wie sein Lehrer Stattler als Exjesuit und Obskurant gebrandmarkt und 1781 von der kurbayerischen Universität abgeschoben mit der Begründung, dass der neue bayerische Kurfürst Karl Theodor in eben diesem Jahr Sparmaßnahmen beschlossen habe, die diesen Schritt als notwendig erscheinen ließen.

Obwohl der frühe Verlust seiner Professur, die er eben erst voller Hoffnungen begonnen hatte, Sailer sehr schmerzen musste, gab er sich dennoch nicht der Trübsal hin. Statt dessen war er bestrebt, auch aus diesen Jahren, in der er ohne Lehrstuhl war, das Beste zu machen und so nutzte er diese „Brachjahre“ für reiches literarisches Schaffen. Als wichtigste Frucht dieser Jahre ist hierbei sein „Vollständiges Lese- und Gebetbuch für katholische Christen“ zu nennen, das 1783 erschien. Der reißende Absatz, den dieses Gebetbuch fand, zeigte denn auch, wie lebendig nach der erstickenden Überlast der Barockzeit und der verflachenden Wirkung der Aufklärung das Bedürfnis nach echter geistlicher Erbauung unter Sailers Zeitgenossen war. Das Gebetbuch trug nicht unerheblich zu einer echten Vertiefung des christlichen Glaubens in ganz Deutschland und auch darüber hinaus bei und machte seinen Verfasser mit einem Schlag bei Katholiken wie Protestanten berühmt und verehrt. Die ungeheure Resonanz, die das Gebetbuch gerade bei den evangelischen Christen fand, brachte Sailer jedoch neben dem Vorwurf der Protestantenfreundlichkeit mancher Katholiken, die diese ökumenisch offene Haltung Sailers nicht gutheißen konnten, auf evangelischer Seite besonders die entschiedene Gegnerschaft des Berliner Aufklärers Friedrich Nicolai ein. Dieser verschrie Sailer als „verschlagenen Exjesuiten und Proselytenmacher“ und warf ihm vor, durch dieses Gebetbuch auf heimtückische Weise die Protestanten wieder zur katholischen Kirche zurückführen zu wollen. Sailer jedoch konnte sich mit seiner ironischen Gegenschrift „Das einzige Märchen seiner Art“ gekonnt rechtfertigen.

Daneben verfasste Sailer 1783 auch einen Hirtenbrief für den Augsburger Fürstbischof Klemens Wenzeslaus von Kursachsen, zugleich Kurfürst und Erzbischof von Trier, welcher Sailer dessen Wohlwollen einbrachte, das ihm alsbald von Nutzen sein sollte.  

 

 

 

Professor in Dillingen 1784 – 1794

 

Klemens Wenzeslaus erwies Sailer für seinen Dienst dadurch seine Dankbarkeit, dass er ihn am 8. März 1784 an die neuorganisierte fürstbischöflich-augsburgische Universität Dillingen als Professor für Ethik und der als selbständiges Fach eingeführten Pastoraltheologie berief. Für Sailer sollten die ersten Jahre seiner Dillinger Zeit die schönsten und sorglosesten seines ganzen Lebens werden. In seinen Kollegen Josef Weber und Patritius Benedikt Zimmer fand er gleichgesinnte Freunde und so wirkten die drei, das „Dillinger Kleeblatt“ genannt, zum reichen Segen der Universität, die alsbald eine große Blüte erlebte und von nah und fern Studenten anlockte. Zusammen mit Weber und Zimmer bemühte sich Sailer darum, das Theologiestudium, das sich unter dem System eines verknöcherten Scholastizismus zeigte, aus der biblischen Botschaft heraus und in lebendiger Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Zeit zu erneuern. Diese Aufgeschlossenheit für die Herausforderungen der Gegenwart zog allerdings die erbitterte Gegnerschaft der „Altdenkenden“ nach sich, die sich durch die leidvollen Erfahrungen einer religionsfeindlichen Aufklärung sämtlichen modernen Ideen gegenüber zunehmend als verschlossen zeigten, ängstlich auf dem Altbewährten verharrten sowie auf strenger Ordnung und Disziplin bedacht waren, die sie durch harte Strafen zu erzwingen wussten.

Auf der Seite der „Neudenkenden“ war es besonders Sailer, der „als Seele der Reformgruppe eine große Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber seiner Zeit zeigte: Er dozierte als einziger Theologieprofessor in deutscher Sprache, pflegte Freundschaften mit Protestanten, womit er das konfessionelle Ghetto sprengte, in dem sich Bayern damals befand, und vermittelte den Studenten die moderne deutsche Literatur. 

Neben den Vorlesungen, die durch ihre Kompetenz, Anschaulichkeit und begeisternde Vermittlung von zahlreichen Studenten besucht waren und auf sie gewöhnlich einen bleibenden, prägenden Einfluss haben sollten, beschritt Sailer neue und bisher ungewohnte Wege des Unterrichts und der Seelenführung. So lud er seine Studenten ein, ihn bei der täglichen Erholungsstunde zu einem Spaziergang zu begleiten bzw. diese auf seinem Zimmer zu verbringen. Bei solchen Gelegenheiten gab er ihnen regelmäßig in kleinen Gruppen Privatunterricht, indem er verschiedene theologische Traktate mit ihnen durchging oder sie praktische Bibelbetrachtungen oder Predigtübungen halten ließ. Durch seine Liebenswürdigkeit, Heiterkeit und Geselligkeit, den Reichtum seiner Bildung und Lebensweisheit, sein leuchtendes Vorbild „von festem Glauben, Andacht, Liebe, Ergebung und Demut“ sowie seine unumschränkte Hilfsbereitschaft in allen persönlichen Belangen der Studierenden eroberte er rasch deren Herzen und gewann ihr unbegrenztes Vertrauen, ihre Verehrung und Wertschätzung. So pflegten diese ihn alsbald „Vater Sailer“ zu nennen und in allen geistig-geistlichen Nöten und finanziellen Problemen bei ihm Trost und Hilfe zu suchen. 

Doch der Einfluss Sailers erstreckte sich nicht nur auf die Studenten allein. So kamen zu den allgemeinen Religionsvorlesungen, die Sailer abends hielt, aus ganz Dillingen und Umgebung Leute aus allen Ständen, Handwerksmeister samt Gesellen gleichermaßen wie hohe Adelige, darunter auch der Fürstbischof Klemens Wenzeslaus. Auf diesen machten Sailers Vorträge einen solch tiefen Eindruck, dass er ihn hinfort häufig als Prediger bei seinen Firmungen einlud.

Schon in Dillingen bildete sich ein Kreis von Priestern heraus, welche Sailer „die Kraft und Glut ihrer Herzensfrömmigkeit und ihr lebendiges Christentum verdankten“ und ihm zeitlebens dankbar verbunden blieben.

Der überragende Erfolg Sailers, seine allgemeine Wertschätzung und geistige Überlegenheit brachten ihm nicht nur allgemeinen Ruhm und den Ruf zum Hofprediger in Stuttgart, den er aus Treue zu seinem Dillinger Wirkungskreis ablehnte, sondern erweckte andererseits auch den Neid und die Missgunst vieler weniger erfolgreicher Kollegen, die sich durch Sailers Ruhm als Lehrer und Schriftsteller in ihrem Einfluss entscheidend begrenzt und in den Schatten gedrängt sahen, zumal „die Sonne seines Ruhmes ihr kleines Licht überstrahlte“.

 

 

Entlassung aus Dillingen und die zweiten „Brachjahre“ 1794 – 1799

 

Einige von Sailers Kollegen, die von Konkurrenzneid gegenüber Sailer bewegt waren, wollten die von ihm durchgeführten Neuerungen an der Universität Dillingen nicht länger billigen und hegten daher den Plan, ihn zu stürzen. Dabei kamen ihnen die Ereignisse im revolutionären Frankreich zu Hilfe. Diese hatten nämlich zur Folge, dass der Kurfürst Klemens Wenzeslaus, der keine starke Persönlichkeit besaß, aus seiner Residenzstadt Koblenz fliehen musste und – durch diese Ereignisse erschüttert – eine völlige Richtungsänderung vollzog: Zeigte er sich anfangs offen für die Neuerungen einer gemäßigten Aufklärung, schenkte er nun den „Altdenkenden“ in Dillingen Gehör, welche ihm den „Teufel der Aufklärung“ geschickt an die Wand zu malen wussten. Im Gegenzug löste er sich zunehmend von Sailer, dem er so lange Zeit hindurch mit Begeisterung und Bewunderung angehangen war.

Im April 1793 forderte Klemens Wenzeslaus die Dillinger Professoren auf, ihm ihre Klagen, die Universität betreffend, einzureichen, wobei er allerdings nur die „Altdenkenden“ und damit Gegner Sailers um diesen Dienst bat. Wenige Tage darauf wurde eine Kommission eingesetzt, um den Vorwürfen, die vor allem gegenüber Sailer erhoben wurden, nachzugehen. Auch eine Schutzschrift zugunsten Sailers seitens der Studenten, Zeugnisaussagen einiger seiner Freunde sowie seine Rechtfertigung vor der Untersuchungskommission konnten nichts daran ändern, dass er hinfort als Sündenbock der Universität für alle Krisenerscheinungen persönlich verantwortlich gemacht wurde. Im Mai erstattete Roeßle, der die Untersuchung hauptsächlich leitete, dem Kurfürsten Bericht. Dabei wurden als Hauptanklagepunkte gegen Sailer aufgeführt:

 

1.      Sailer ist Mitglied des Illuminatenbundes (Geheimbündelei).

2.      Er empfiehlt den Studenten das Lesen verbotener Bücher (Proselytenmacherei).

3.      Er vertritt und verbreitet gefährliche Grundsätze.

4.      Er schadet der wissenschaftlichen Ausbildung der Theologiestudenten und untergräbt Sittlichkeit und Disziplin.

5.      Er verbreitet Aufklärung und verderbliche Neuerung.

6.      Es wird die wenig gepflegte Sprache seiner Predigten bemängelt, sowie die darin enthaltene zu starke Betonung des Glaubens bei gleichzeitigem Fehlen der heilsamen Furcht vor Sünde und Höllenstrafe.

 

Keiner dieser Punkte jedoch erscheint nach heutigem Kenntnisstand als berechtigt. Vielmehr ist erwiesen, dass Sailer nie Verbindungen zu Geheimgesellschaften wie den Illuminaten hatte, ihnen vielmehr ablehnend gegenüberstand. Lediglich die Tatsache, dass Sailers frühe Lehrtätigkeit in Ingolstadt, der Keimzelle der Illuminaten, lag, mag dieses Gerücht begünstigt haben. Der Vorwurf, protestantische Bücher zu empfehlen, positive Ansätze der Aufklärung aufzugreifen und mit den Studenten neue Umgangsformen zu pflegen, spricht dagegen für Sailer und seine große Offenheit, ist aber auch ein Beleg für die herrschende Einstellung vieler seiner Kollegen, alle Neuerungen einseitig als negativ hinzustellen.

Dennoch schenkte der Kurfürst diesen Vorwürfen gegenüber Sailer Glauben. Hinfort wurde auf Erlass der Regierung seine Tätigkeit an der Universität erheblich eingeschränkt und behindert: Die Pastoraltheologievorlesungen wurde von drei Jahren auf ein Jahr reduziert und auf eine denkbar ungünstige Zeit gelegt, die Ethik sollte künftig nur noch lateinisch vorgetragen werden und Privatkollegien wurden ihm nahezu gänzlich untersagt. Zudem wurde ein Inquisitor angestellt. Mit diesen Einschränkungen hofften Sailers Gegner, ihn früher oder später zur Niederlegung seiner Professur bewegen zu können. Doch hierin kam Sailer seinen Gegnern nicht entgegen. Statt dessen fügte er sich in die neue Lage mit besten Kräften und verzieh seinen Gegnern.

Wie Christoph von Schmid erwähnt, taten jedoch die engen Beziehungen der Gegner Sailers zu einem Augsburger Bankhaus und die geschickte finanzielle Erpressung des Kurfürsten ein Übriges, um von diesem die Entlassung Sailers zu erzwingen. Klemens Wenzeslaus, von verschiedenen Seiten unter Druck gesetzt, gab schließlich die Anweisung, dem angesehenen Professor, den er selbst nach Dillingen berufen hatte, nach den Herbstferien 1794 die Entlassungsurkunde zu überreichen. Erst kurz vor seinem Tod erkannte er diesen Schritt als gravierenden Fehler, indem er über Sailer bedauerte: „Diesem Mann ist groß Unrecht geschehen!“

Als offizieller Grund war der schlechte ökonomische Zustand der Universität aufgeführt. Doch auch in dieser Lage bewahrte er seine Größe, er verabschiedete sich von seinen Freunden und reiste noch am selben Tag ab. Mit ihm sollte auch der Ruhm der Universität rasch verblassen.

Auch in München, wo es sich wie bei seinen ersten „Brachjahren“ zunächst bei seinem Freund Sebastian Winkelhofer niederließ, wurde er von Anfeindungen keineswegs verschont. So wurde seine Ernennung zum kurfürstlichen Hofprediger auf Betreiben des Münchener Nuntius Zoglio, der den vielen Vorwürfen, die Sailer weiterhin begleiten sollten, Glauben schenkte, am 15. Dezember 1794 wieder zurückgezogen, einige Zeit darauf wurde ihm das Predigen gänzlich verboten. Als er schließlich sogar des Landes verwiesen werden sollte, bemühte er sich bei der Nuntiatur darum, die Anklagepunkte gegen ihn genannt zu bekommen, um die Möglichkeit zur Verteidigung seiner angetasteten Ehre zu erlangen. Doch da ihm dieser Wunsch nicht gewährt wurde, zog er es vor, München zu verlassen und sich zu Karl Theodor Beck nach Ebersberg zurückzuziehen. Sailer, dem die Studenten einst nur so zuströmten und dessen Predigttalent von unzähligen Menschen mit höchstem Lob bedacht wurde, stand nun auf der Höhe seines Erfolges plötzlich wieder vor dem Nichts.

Doch auch diese zweiten Brachjahre nutzte Sailer zu reicher literarischer Arbeit. Vor allem übersetzte und kommentierte er die „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen und hatte mit ihrer Veröffentlichung 1794 noch größeren Erfolg als mit seinem Gebetbuch.

 

 

Professor in Ingolstadt / Landshut 1799-1818

 

Der Regierungsantritt des bayerischen Kurfürsten Max IV. Joseph und der dadurch bewirkte Aufstieg von Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas zu seinem leitenden Minister, beide Vertreter der Aufklärung, führte zu einem kulturpolitischen Umschwung zugunsten eines aufgeklärten Liberalismus mit antikirchlicher und antichristlicher Tendenz, doch brachte Sailer auch ein Ende der zweiten „Brachjahre“. Als Aufklärer von den Exjesuiten verschrien, schienen Sailer, Zimmer und Weber der neuen Regierung bestens geeignet, um deren Ziele an der Landesuniversität voranzutreiben.

Sailer setzte sein Wirken an der bayerischen Landesuniversität in Ingolstadt fort. Dort hatte Sailer die Professur für Moral- und Pastoraltheologie, Homiletik, Pädagogik, bald auch der Liturgie und Katechetik inne. Daneben hielt er allgemeine Religionskollegien und wirkte als Universitätsprediger. Sailer traf in Landshut einen übertriebenen Aufklärungsgeist, der sogar die Fundamente des Christentums offen in Frage stellte. Der Hauptgegner Sailers während seiner Landshuter Zeit war Matthäus Fingerlos, dem seit 1804 als Seminarregens die Priesterausbildung im Georgianum unterlag. Gemäß den Vorstellungen des Rationalismus und Josephinismus verfolgte er als Hauptaufklärer auf theologisch-praktischem Gebiet das Ziel, die Priester nicht mehr zu Sakramentsspendern und Seelsorgern, sondern zu treuen Staatsdienern und Volkslehrern auszubilden.

Ganz im Gegensatz zu dem in Landshut weit verbreiteten Geist der Aufklärung betonte Sailer während seiner ganzen Lehrtätigkeit die Bedeutung der Offenbarung und Gnade und stellte die Frömmigkeit des Herzens ergänzend neben die einseitige Aufklärung des Verstandes. Daneben förderte er das Bibelstudium, das zu seinen Zeiten unter Theologiestudenten und Priestern sehr vernachlässigt wurde.

Trotz aller Schwierigkeiten und Anfeindungen, denen sich Sailer in Landshut ausgesetzt war, gelang es ihm doch nach etwa zwei Jahren, durch die Lebendigkeit und religiöse Tiefe seiner Vorlesungen und Predigten, durch den reißenden Absatz seiner Schriften, sowie die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit sich zu der überragenden Persönlichkeit der Universität Landshut zu entwickeln, die auch von außerhalb Studenten nach Landshut lockte. Er gewann die Liebe und Bewunderung unzähliger Studenten, die es ihm oft zu danken hatten, dass sie durch die Begegnung mit ihm nach den Wirren der Aufklärung ihren Glauben wieder erlangten. Wie in Dillingen verwendete Sailer alle nur mögliche Zeit und auch sein Geld zum Wohl seiner Studenten. Neben gemeinsamen Mahlzeiten, Erholungsstunden und Spaziergängen lud er seine Studenten auch zu Abendkreisen ein, in denen er ihnen die Heilige Schrift vorlas und „mit Betrachtungen aus dem Herzen begleitete“ oder sie mit dem reichen Schatz der christlichen Mystik vertraut machte und so ihre Frömmigkeit zu vertiefen suchte. Neben seiner persönlichen Fürsorge und seinem weisen Zuspruch wirkte er vor allem durch sein tätiges Beispiel dahin, diese zu eifrigen Christen zu bilden.

Seit Mai 1806 reihte sich in die Schar seiner Studenten auch der damalige Kronprinz und spätere König Ludwig I. von Bayern. Diesem hielt Sailer dreimal wöchentlich eine Privatvorlesung über die Moral des christlichen Regenten und erklärte ihm zudem das Sonntagsevangelium. Ludwig gehörte bald zu Sailers höchsten Bewunderern. Zeitlebens sollte Ludwig eine tiefe Freundschaft mit Sailer verbinden.

Auch viele Kollegen waren trotz aller Versuche seitens der Aufklärer, Sailer in einem schlechten Licht darzustellen, bald von ihm eingenommen; sie kamen täglich zahlreich in seinem Haus zum Schachspiel zusammen, brachten ihm Hochachtung und Zuneigung entgegen und wurden von ihm oft für den katholischen Glauben zurückgewonnen.

Wie in Dillingen scharte sich auch in Landshut ein Kreis von Priestern um Sailer, die sich in seinem Geiste bildeten und diesen dann durch ihr späteres Wirken in Deutschland, Österreich oder der Schweiz weitertrugen und entfalteten. Etwa 1000 Geistliche gingen in Landshut durch Sailers Schule. Diese sorgten dafür, dass nach den Wirren der Aufklärung und Säkularisation der Glaube und die Frömmigkeit in Bayern nicht untergingen, sondern wiedererwachten oder erstarkten.

 

 

 

 

Neue Intrigen

 

Sailers Glück in Landshut sollte jedoch auch nicht lange andauern, denn bald sah er sich ähnlich wie in Dillingen dem Neid vieler weniger erfolgreichen Kollegen ausgesetzt. Diese suchten ihn in schlechten Ruf zu bringen, indem sie von ihm vorgaben, er sei „der ärgste und verschmitzteste Feind der guten Sache, ... ein entschieden schlechter Mensch, ... geheimer und falscher Denunziant“. Auch kirchliche Kreise beobachteten ihn nach wie vor misstrauisch, doch anders als in Dillingen brauchte Sailer nicht den Druck und die Verfolgung der geistlichen Gewalt zu fürchten, zumal die Kirche nach den Wirren der Aufklärung und als Folge der Säkularisation am Boden lag. Dafür aber bekam Sailer nun den Druck der Staatsregierung zu spüren, die ihn ohnehin nur widerwillig duldete, da er „zu jenen Berufenen [gehörte], in welchen die Berufer sich gründlich geirrt hatten“. Aufgrund seiner Abendzirkel, seiner häufigen Reisen in die Schweiz und nach Österreich, seiner zahlreichen ausländischen Schüler und seiner ungewöhnlich umfangreichen Korrespondenz sagte ihm die Landshuter Polizei, die ihn bespitzelte und durch Denunziaten verfolgte, spätestens seit 1808 geheime, schwärmerisch-religiöse oder politische Verbindungen nach. Daneben wurde Sailer zum Scheinheiligen erklärt, der auf die Studenten einen nur nachteiligen Einfluss ausübe und „in mancher Hinsicht wirklich gefährlich“ sei, da er das Volk und die Jugend verderbe.

Als die bayerische Regierung Sailer und seine Kollegen Weber und Zimmer dahingehend loszuwerden gedachte, dass sie die Universität Dillingen in ein Lyzeum umwandelte und das „Dillinger Kleeblatt“ dorthin zu versetzten gedachte, traf sie bei Sailer jedoch auf energischen Widerspruch.

Da man ihn nicht einfach seines Lehrstuhles entheben konnte, war man darum bestrebt, eine aufgrund seiner Beliebtheit als theologischer Lehrer und Prediger immer wahrscheinlicher werdende Berufung auf einen Bischofsstuhl zu verhindern.

Nachdem man seine veröffentlichen Schriften ergebnislos nach offensichtlichen Irrtümern durchsucht hatte, ließ man die alten Vorwürfe aus der Dillinger Zeit wieder lebendig werden, die seine Freundschaften mit Protestanten und seine Verbindungen mit der Allgäuer Erweckungsbewegung als Gefahr für eine orthodox-kirchliche Gesinnung hinstellten, und holte sich außerdem Gutachten von Personen, die Sailer kritisch gegenüberstanden. Am einflussreichsten und verhängnisvollsten wirkte dabei das Gutachten des Wiener Redemptoristen Klemens Maria Hofbauer aus dem Jahr 1817. Dieses leitete man, als die bayerische Regierung ihn 1819 als Bischofskandidaten für Augsburg vorschlug, über die Wiener Nuntiatur dem Vatikan zu.

Obwohl Hofbauer Sailer persönlich so gut wie nicht kannte, hegte er eine grundsätzliche Abneigung gegenüber dem Charakter Sailers sowie seiner dogmatischen Haltung. So warf er ihm unter anderem vor, dass er mit vielen „Aftermystikern“ in Kontakt stehe und dass er, obwohl er so viele Freundschaften mit Protestanten hatte, noch keinen davon zur katholischen Kirche zurückgeführt habe, woraus er schloss, „daß Sailer die heilige Kirche wenig liebe“. Dies alles veranlasste ihn dazu, Sailer als große Gefahr für die Reinheit des katholischen Glaubens hinzustellen.

Sailer seinerseits verlangte zwar nicht unbedingt nach kirchlichen Würden. Ihm war jedoch der Gedanke zuwider, „von dem Oberhaupt der Kirche nicht für einen treuen Sohn der Kirche gehalten zu werden“; außerdem erblickte er darin vor allem für die Schwächeren unter seinen Schülern die Gefahr, an der Lauterkeit seiner Lehre zu zweifeln. Dadurch veranlasst, ließ er den Vorwürfen seitens Hofbauers im April 1817 ein Rechtfertigungsschreiben folgen, das er an den Wiener Nuntius Severoli weiterleitete, der es wiederum nach Rom schickte. Darin brachte er unter anderem zum Ausdruck, dass er sich nie einer politischen oder religiösen Sekte angeschlossen hatte und bekräftigte seine vorbehaltlose Treue zur römisch-katholischen Kirche.

Das „unverzeihlich fahrlässige, böse Urteil“ Hofbauers erreichte aber dennoch sein Ziel: Anstelle Sailers wurde am 27. Juni 1820 Joseph Maria Freiherr von Fraunberg zum Bischof von Augsburg berufen.

 

 

 

Auf dem Weg zum Bischofsamt

 

Die Ablehnung Sailers für den Bischofsstuhl von Augsburg wurde von Kronprinz Ludwig wie eine persönliche Kränkung empfunden, zumal er in seinem Lehrer einen „Apostel Bayerns“ und wahren „Kirchenvater“ erblickte, dem er das Verdienst zuschrieb, in Bayern während der vielfachen Wirren der Aufklärung und der Geheimbünde eine Erstarkung und Neubelebung des katholischen Glaubens herbeigeführt zu haben. Mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit und seiner Macht machte Ludwig daher seinen Einfluss für Sailer beim Nuntius geltend. Erst nach einigem Widerstand konnte Ludwig die Berufung Sailers in das Regensburger Domkapitel am 24. September 1821 erreichen, worauf Sailer sein Lehramt in Landshut niederlegte.

Anfang 1822 wurde der bisherige Weihbischof Johann Nepomuk Freiherr von Wolf als Bischof von Regensburg eingesetzt. Dieser war jedoch bereits ein Greis von 79 Jahren und konnte kaum mehr das Bett verlassen, da ihm die Füße den Dienst versagten. Da das Volk aber nach einem tüchtigen Weihbischof verlangte, wurde ihm am 17. April 1822 Sailer als Koadjutor und Weihbischof zur Seite gestellt, gleichwohl wiederum gegen einigen Widerstand seitens der Nuntiatur.

Da dem Nuntius Serra di Cassano Sailers Orthodoxie immer noch nicht offenkundig war, eröffnete er am 7. Mai 1822 einen Informativprozess, der letzten Aufschluss darüber geben sollte, ob Sailer die Würde des Bischofsamtes verdiente oder nicht. Während die eine Hälfte der Befragten unter Eid Sailers Katholizität und Reinheit des Glaubens bezeugten, erhoben sich auch andere Stimmen, die in Sailers Erhebung zur Bischofswürde ein „wahres Unheil für die römisch-katholische Kirche“ heraufzuziehen glaubten. Da jedoch der Nuntiatur eine gänzliche Zurückweisung Sailers von der Bischofswürde allein schon aufgrund des Einflusses des Kronprinzen Ludwig, seines mächtigsten Protektors, als unratsam erschien, entschied man diesen Prozess zugunsten Sailers, allerdings nicht ohne von ihm eine klare Stellungnahme gegen die Pseudomystiker abzuverlangen. Am 27. September 1822 endlich wurde Sailer durch Pius VII. zum Bischof von Germanikopolis und Koadjutor des Bischofs von Regensburg mit dem Recht der Nachfolge ernannt. Am 28. Oktober 1822 empfing Sailer durch Lothar Anselm Freiherr von Gebsattel, Erzbischof von München und Freising, die Bischofsweihe. Nicht nur der Nuntius sollte – durch den Sailer erwiesenen Ehrenerweis überzeugt – hinfort seine Meinung gegenüber dem neuen Weihbischof ändern, auch der Heilige Stuhl wurde umgestimmt: Hatten falsche Berichte über Sailer bisher „das väterliche Herz Seiner Heiligkeit ... zu verbittern“ gezwungen, so rühmte man ihn nun auch in Rom als „Geschenk göttlicher Güte“.

Als Bischof Wolf Sailer 1822 zugleich zum Generalvikar ernannte, war die Leitung des Bistums Regensburg faktisch in seiner Hand, wobei aber der Bischof Sailers Einfluss in allen entscheidenden Diözesanangelegenheiten zu beschränken wusste. Bei seiner Konsekration war Sailer zwar bereits über 70 Jahre alt, doch noch voller Kraft, so dass er alsbald mit unermüdlichem Eifer als Weihbischof die ganze Diözese bereiste, in welcher aufgrund der Gebrechlichkeit von Bischof Wolf teils schon seit vielen Jahren keine Firmung mehr gespendet worden war. Seine Firmungsreisen gestalteten sich zu wahren Triumphzügen des Glaubens, zumal Sailers würdige äußere Erscheinung, seine Herzlichkeit und hohe Predigtgabe das ganze Volk für ihn begeisterte. Über 74 000 Personen erhielten zwischen 1823 und 1828 aus Sailers Hand das Firmsakrament. 

Mit der Thronbesteigung Ludwigs I. 1825 gewann er außerdem großen Einfluss auf die bayerische Kulturpolitik, da Ludwig in allen wichtigen Angelegenheiten des Reiches, wie der Neubesetzung der Lehrstühle, der Errichtung neuer Priesterseminare, der von Ludwig mit allem Eifer betriebenen Restauration der Klöster sowie der Neubelebung des religiösen Brauchtums erst den Rat seines verehrten Lehrers einholte.

Im Juni 1828 jedoch erlitt Sailer einen Schlaganfall, von dem er sich nur schwer wieder erholte und dem auch noch weitere folgen sollten. Fortan war seine Kraft gebrochen. Er konnte keine Reisen mehr unternehmen. Michael Wittmann wurde ihm nun als Weihbischof zur Seite gestellt. Ihm überließ Sailer auch weitgehend die Pontikalhandlungen.

 

 

Bischof von Regensburg 1829-1832

 

-Als am 23. August 1829 Bischof Wolf im Alter von 87 Jahren gestorben war, folgte ihm Sailer nach kraft des Rechtes der Nachfolge, das er mit der Wahl zum Koadjutor 1822 verliehen bekam, ohne dass es einer päpstlichen oder königlichen Bestätigung bedurft hätte. Obwohl seine geistige Regsamkeit ungebrochen war und ihn bis zuletzt nicht verließ, war sein körperlicher Zustand durch Alter und Krankheit geschwächt und bedurfte der äußersten Schonung.

Die Last des Bischofsamtes, die Sailer erst in seinem 79. Lebensjahr übertragen worden war, wurde ihm wesentlich erleichtert durch die Mitarbeit seines Geheimsekretärs Melchior Diepenbrock. 

Obwohl Sailer es in hohem Maß seinem Schüler und Gönner Ludwig I. zu danken hatte, dass er Weihbischof und schließlich Bischof geworden war, so bewahrte er dennoch zeitlebens seine Meinungsfreiheit und versäumte es nicht, seiner persönlichen Überzeugung im Mischehenstreit Ausdruck zu verleihen – auch auf die Gefahr hin, die Gnade und Freundschaft des Königs notfalls zu verlieren. Da sich diese Auseinandersetzung aber lange hinzog und zudem eine Spaltung des bayerischen Episkopates herbeiführte, raubte sie Sailer die letzten Kräfte, die zudem infolge mehrerer Schlaganfälle bald an ihr Ende kamen. Durch einen letzten Schlaganfall vom 19. Mai 1832 in lethargischen Schlummer gefallen, verstarb Sailer sanft, ruhig und freundlich lächelnd, während über seine Lippen fortwährend leise Gebete und fromme Ausrufungen flossen. „Wie Gott will. Herr, hier bin ich!“, waren seine letzten Worte, welche gleichsam als sein geistliches Testament seine stete Orientierung nach dem Willen Gottes und seine Bereitschaft, für Gott zu arbeiten, zu leiden und zu sterben, ausdrückten. Am 23. Mai 1832 wurde er unter großer Teilnahme der Bevölkerung im vorderen südlichen Seitenschiff des Regensburger Doms beigesetzt. Ludwig I., der an seinem Grab erschüttert bekannte: „Hier ruht der größte Bischof Deutschlands“ ließ seinem verehrten Lehrer und Freund ein würdiges Denkmal im Regensburger Dom errichten.

 

 

Das postume Inquisitionsverfahren 1873

           

Die Schatten der Intrige und des Missverständnisses begleiteten Sailer nicht nur sein ganzes Leben lang, sondern noch weit über seinen Tod hinaus. So konnte sich Sailer gegen den entschiedensten Angriff auf seine Rechtgläubigkeit und Ehre nicht mehr zur Wehr setzen, denn er war bereits 40 Jahre lang tot, als 1873 vor der römischen Inquisition ein postumer Prozess gegen ihn eröffnet wurde.

Als den eigentlichen Grund für die Eröffnung des Inquisitionsverfahrens gegen Sailer muss man jenes verhängnisvolle Gutachten anführen, das Klemens Maria Hofbauer 1817 über ihn abgegeben hatte. Da der Provinzial der bayerischen Redemptoristen Karl Erhard Schmöger in dem 1863 eingeleiteten Seligsprechungsprozess Hofbauers alle möglichen Hindernisse, welche das Prozessgeschehen negativ beeinflussen könnten, auch mit Gewalt aus dem Weg zu räumen gedachte, schien ihm dieses sachlich völlig ungerechtfertigte und leichtfertige Gutachten ein schlechtes Licht auf seinen Verfasser zu werfen. Da dieses Urteil aber nicht mehr rückgängig zu machen war, erschien es Schmöger als einziger Weg, sein Ziel zu erreichen, Sailer ganz offiziell als Häretiker darzustellen, sich für eine Indizierung seines gesamten Schrifttums einzusetzen und auf diese Weise das Hofbauerische Urteil zu rechtfertigen. Er gewann für dieses Vorhaben auch Ignaz Senestréy, den dritten Nachfolger Sailers auf dem Regensburger Bischofsstuhl, zumal dieser für die Verdienste seines Vorgängers nicht viel übrig hatte. Senestréy reichte nun am 19. März 1873 bei Papst Pius IX. eine Anklageschrift ein, in der er forderte, Sailer Schriften zu indizieren. Er begründete dies mit angeblich schweren Irrtümern in seiner Theologie, welche die rechte Einsicht in das christliche Dogma erschweren und dem Katholizismus beträchtlichen Schaden zufügen würden. Doch nicht nur Sailers Werke wurden nach der Anklageschrift als „häretisch und daher verdammungswürdig“ eingestuft, auch sein Lebenslauf wurde „als typische Biographie eines Ketzers diffamiert“ und Sailer selbst darin als „Illuminat, Rationalist, Deist, Febronianer, Pseudomystizist und Protestantenfreund“ beschimpft. 

Als geeigneten offiziellen Gutachter der Inquisition schlug Senestréy den Freiburger Privatdozenten Constantin Freiherr von Schaezler vor. Dieser Vorschlag wurde vom Papst angenommen; da jedoch in Schaezler neben Senestréy ein offener Gegner Sailers die Anklage leitete, war ein gerechtes Verfahren schon vorweg ausgeschlossen. Schaezler machte sich alsbald an die Ausarbeitung eines Gutachtens gegen Sailer, das er im Juni fertig stellte. Darin legt er bereits in den einleitenden Überlegungen dieser Arbeit den Konsultatoren und Kardinälen der römischen Inquisition die Verurteilung Sailers „als dringend geboten“ nahe, indem er den „verkehrten Geist und die verderblichen Prinzipien von Sailers Theologie“ aufzeigte. 

Dennoch hatte Schaezler wenig Erfolg bei der Konsultoren-Versammlung am 17. November, da die Mehrheit die Voreingenommenheit dieses Gutachtens erkannte und darauf drängte, sich noch die Meinung einiger deutscher Bischöfe einzuholen. Da diese allerdings Sailer inhaltlich in Schutz nahmen, seine Verdienste würdigten und eine Indizierung Sailers, die noch dazu erst so spät erfolgen sollte, als inopportun erklärten, wurde das begonnene Verfahren als ergebnislos eingestellt.

Schmöger jedoch, der Provinzial der bayerischen Redemptoristen, gab sich damit nicht geschlagen, sondern versuchte nun, Sailer auf andere Weise moralisch zu vernichten. In einem Brief an den Generaloberen seines Ordens bezeichnete er Sailer als „Meister in der Heuchelei und Verstellung“ und beschimpfte ihn unter anderem als „giftigen Illuminaten und Freimaurer, welcher dem katholischen Deutschland mehr als jeder andere Gottes-Feind geschadet hat und dessen verderbliche Saat bis zur Stunde in Bayern fortwuchert“. Daneben machte er Sailers angeblich deistischen Irrlehren als „Brutstätte der geheimen Sittenlosigkeit und Ausschweifung“  für Missstände unter dem Klerus verantwortlich.

Diese böswilligen, sachlich völlig ungerechtfertigten Verleumdungen bewirkten, dass das Sailer-Bild über Jahrzehnte hinweg negativ besetzt war; erst im 20. Jahrhundert gelang es durch sorgfältige Quellenforschungen von Remigius Stölzle, Philipp Funk und Hubert Schiel die in dem postumen Inquisitionsprozess gegen Sailer erhobenen Anklagen als unhaltbare Verleumdungen und Missverständnisse zu entlarven und Sailer – leider denkbar spät – zu rehabilitieren.