An meine Schüler bei ihrem Abschied von der Universität 1794

Was ich seit zehn Jahren in eure Seelen mit Wort und Beispiel legen wollte, sei, zur Erneuerung der früheren Eindrücke, am Schluss meines Unterrichts, hiermit ins Kurze gefasst, und als Vorschrift für eure kommenden Tage empfohlen.

I. Lasset euch in eurem Denken, Wollen, Tun, Lehren die Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche als Richtschnur heilig sein! Entfernt euch nie von dieser königlichen Straße der Weisheit, Tugend, Seligkeit; damit ihr weder selbst in Sümpfe und Abgründe fallt, noch andere hineinzieht!

II. Unter allen Büchern lasst euch die heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter die liebsten sein, damit euch der Kern und Stern unseres allerheiligsten Glaubens immer klarer und wichtiger werde. 
Auf diese Weise wird euch der Sinn und Geist der göttlichen Offenbarungen, Verheißungen, Drohungen, Gaben, Führungen, Segnungen immer heller in das Auge leuchten, immer mächtiger auf euer Herz wirken, und immer überzeugender aus euren Reden und Taten sprechen.

III. Verbindet mit der gewissenhaftesten Sorge für die Lauterkeit der Lehre - die höchstwichtige Sorge für die Heiligkeit des Sinnes und Wandels, damit der Name Gottes nicht durch eure Sitten geschändet werde. Eure Rede sei Gottes Wort, und eure Tat Siegel auf eure Rede. 
Seid heilig, wie Ich heilig bin!, spricht der Herr. Das ist: nicht nur sei euer Sinn und Wandel rein von all den groben Lastern, die das praktische Heidentum ausmachen, und die unter den Christen nicht einmal genannt werden sollten, als von Wollust, Hochmut, Geiz, Ungerechtigkeit, Rachsucht, Neid, Unmäßigkeit, sondern auch von geringen Sünden, Flecken, Schwächen. Euer Inneres sei Gott geweiht, und euer Äußeres sei ein Abdruck des Inneren.
Jeder Augenwink, jede Gebärde, jede Miene sei ein Echo der inneren Harmonie, der Milde und des Ernstes, und des himmlischen Sinnes, der den Schmuck des Inwendigen ausmacht. 
Und nicht nur das Böse, selbst den Schein des Bösen müsst ihr meiden; denn das ist Gott gefällig und dem Nächsten erbaulich.

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VII. Damit euch selbst die guten Schriften, besonders im asketischen Fach, und die frömmsten Bemühungen nicht irre leiten können, so wählt 1) nur die besten Bücher in diesem Fach, als da sind: die Nachfolgung Christi, die Schriften des heiligen Salesius (Franz Sales) usw.
Haltet euch 2) in allen dunklen, zweideutigen Fällen an die Weisung eines frommen, weisen Gewissensfreundes, der euer Innerstes kennt!
Legt 3) nach dem Rat aller Weisen und aller Heiligen kein Gewicht auf das Außerordentliche, z.B. auf Erscheinungen, damit ihr nicht in Versuchung fallet und Luftgespinst für Wahrheit nehmet!
Legt 4) alles Gewicht auf die Besiegung der Eigenliebe, die auch bei frommen Menschen so gerne auf dem Thron sitzen möchte, und, wenn sie nicht sonderlich wachen, sicher den Thron behauptet; auf Erforschung, Besserung, Reinigung eures Inneren, auf Glaube und Buße, auf Liebe und gute Werke, auf Gottes Gnade und die treue Mitwirkung des Menschen, auf Demut und Gewissensruhe auf Arbeitsamkeit und Gebet, auf Stillesein und Zuversicht - kurz: Tut Gutes und hofft auf den Herrn!
Dringt 5) stets und zugleich auf die innere und äußere, auf die öffentliche und häusliche Gottesverehrung, auf die andachtsvolle Empfangung der heiligen Sakramente und auf treue Wahrnehmung dessen, was das Gewissen und der Geist Gottes in euch spricht!
Die Beobachtung dieser Vorschriften wird euch vor mancherlei Gefahren, denen selbst die frömmsten Menschen bei all ihrer Gutwilligkeit ausgesetzt sind, sicher vorbeiführen.

VIII. Hütet euch vor geheimen Gesellschaften, geheimen Orden, geheimen Verbrüderungen, geheimen Verbindungen aller Art; denn der Scheint täuscht, und das Wasser, in das ihr, ohne den Boden zu sehen, einträtet, könnte euch verschlingen!

IX. Befleckt eure Herzen und Hände nicht mit all den törichten Versuchen der stürmischen Neuerungs- und Verbesserungssucht, die in unseren Tagen so viel Unheil anrichtet!
Bleibt in dem Geleise eures Berufes; wollt nichts anderes sein, als treue Mitgehilfen in der Seelsorge, die den Hirten der Gemeinden und allen Mitgeistlichen mit Ehrerbietung und  Demut in die Hände arbeiten, überall gerne die unterste Stelle einnehmen, und alles Übrige, was außer dem Kreis ihrer Pflicht liegt, der göttlichen Providenz gelassen anheimstellen!

Lernt arbeiten, schweigen, gehorchen, leiden; und die Gnade des Herrn wird all euer Arbeiten, Schweigen, Gehorchen, Leiden segnen, und eure Aussaat überall fruchtbar, und die Früchte reif machen! Amen.

(WW 40,483-485)