Pfarrkirche Aresing. Auf dem dortigen Friedhof befindet sich das Grab von Marianne Seitz, der Schwester Sailers.An die lieben Kinder meiner einzigen Schwester Marianne Seitz

Im Jahre 1802, am 8. Tag nach dem unersetzlichen Verlust

Die euch gebar, und euch liebte bis in den Tod - sie ist nicht mehr! Sie schlief so sanft ein, wie Kinder, die sich müde gelaufen haben, auf dem Arm der Mutter einschlummern. Sie trug euch beständig in ihrem mütterlichen Herzen, und betete für euch Tag und Nacht; nun ist sie von ihren Gebeten weggeholt, und näher gerückt zu dem, welchem sie euch, ehe ihr geboren wart, mit dem stillen, aber nie ruhenden Schrei der Liebe schon geweiht hatte. 

Ich, und das Jüngste aus euch, eilten bei der Nachricht von ihrem Kranksein, sie noch auf Erden zu finden - wir fanden sie noch -aber im Grabe - fanden eigentlich nur ihren Sterblichkeitsrock im Grabe; sie selber war schon davon geflogen - hatte schon Besitz genommen von der Wohnung, die ihr Jesus Christus in dem Hause seines Vaters bereitet hatte. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen!

Als ich an ihrem Grabe betete, und die rotgeweinten Augen der Verwandten und Nachbarn sah, musste ich mitweinen; denn sie starb mir so recht von meinem Herzen weg; - sie starb aber nicht nur mir, sondern auch euch, und eurem treuen Vater und vielen anderen Menschen wie von der Seele weg. War doch das ganze Dorf, als ihr Staub eingesenkt wurde - eine Träne. 

Der gerührte Pfarrer, der nicht leicht Standreden hält, machte eine Ausnahme, und gab ihr ein Zeugnis, in das die Engel im Himmel, und die Zähren der Gemeinde, in das die Wahrheit selber einstimmte. 

Da wir nun ihr menschliches Antlitz nicht mehr sehen können, so bleibt uns nichts übrig, als mit festem Blick auf das Bild zu sehen, das sie in mein und eure Herzen gegraben hat. 

Seht in euer Herz, wenn ihr dies lest, und vergleichet es Zug um Zug mit dem, was ihr wisst... - 

Sie konnte so in sich gesammelt sein, und erfassen und behalten alle Worte des Lebens, die sie hörte und las! Gott - Christus, Tod - Ewigkeit waren ihre trautesten Gedanken. Gerne verweilte sie auf dem Leidensberg, am Fuße des Kreuzes Christi, und fühlte sich hinein in die Leiden seiner Mutter. 

Euch, ihr Lieben!, um sich zu haben, euch von ihren frommen Eltern erzählen - war ihr schönster Himmel auf Erden! Wie oft führte sie euch an das Sterbebett ihrer längst verblichenen Mutter! - 

Immer hatte sie eine Ermahnung für euch auf der Zunge, oder einen Wink für euch im Auge, oder eine Freude für euch im Herzen, oder eine Gabe für euch in der Hand...

Am Tisch konnte sie nichts essen, bis sie euch das Beste gegeben - sie teilte den Bissen nicht mit euch - die harte Mutter!, denn sie gab ihn euch ganz. Ihre zwei Hände, was für eine unabsehliche Reihe von Arbeiten brachten sie in einem Jahr zustande! Im Haus, im Stall, auf dem Feld, in der Kirche - war sie die unermüdliche Arbeiterin. 

Wie glänzte das Kirchenpflaster, das ihre Hände fegten! Wie fleißig spannen ihre Finger am Flachs für euch, ihr Lieben!, bis in die späten Nachtstunden - spannen noch in ihrer letzten Lebenswoche - bis sie der Todesfinger berührte, und ihren Lebensfaden löste, dass er brach. 

Wie viel Abbruch in allem, was Aufwand fordert, konnte sie sich selber tun, um Sparpfennige zu sammeln, damit ihr, wenn ihr Gebein schon vermodert sein würde, noch Mutter-Pfennige von ihr hättet! ...

Eurem Vater wusste sie sein Leben so zu versüßen, dass er, im 81. Jahr seines Alters noch, in ein paar Stunden nach einem benachbarten Städtchen und wieder nach Hause laufen kann - froh und munter, und kein Leid kennt, als ohne "seine Marianne" zu sein. 

Die Nachbarschaft war ihr ein Heiligtum. - Sie löschte keinen rauchenden Docht aus, zerbrach kein wundes Rohr, schrie nicht auf der Gasse, - und ging so stille durch das Leben, wie sie aus der Welt ging. Die Zunge konnte sie regieren, sagte ihr Gewissensfreund, wie kein Weib auf Erden. 

Wenn sie den Nachbarn eine gute Nachbarin war: was musste sie ihren zwei Brüdern sein? Wie vielen Szenen der Liebe treten mir aus meiner Jugendgeschichte unter Tränen in die Augen! Als ich, noch ein Schulknabe in München, den Stein der lateinischen Sprachlehre wälzte, konnte sie (es war die siebte Woche, seitdem ich das väterliche Haus verlassen hatte) ihr Pfingstfest nicht feiern, ohne mich gesehen zu haben, ging allein zwölf Stunden weit, und brachte mir Vatergrüße und Mutterbrot, und ihr Schwesterherz mit. 

Im nächsten Herbst kam sie wieder, und führte mich nach Hause...

Und diese ihre Liebe war nicht nur goldtreu, sie war auch goldrein. Einmal, als sie mich in Ingolstadt besuchte, und ich ihr ein Zwölfkreuzerstück (meinen ganzen Reichtum) aufdringen und sie es nicht nehmen wollte, standen wir in diesem Streit eine halbe Stunde auf der Donaubrücke und ich musste am Ende den Prozess verloren geben - sie nahm meine Gabe nicht an, und ging wieder leer nach Hause.

Wenn ich in der Folgezeit ihren Kindern kleine Gaben senden konnte, war sie wochenlang traurig darüber, weil sie (ohne Grund) fürchtete, ich möchte mir wehe tun, um ihren Lieblingen wohlzutun. 

Wenn mich die gelehrte oder die politische oder die militärische Welt oder eine andere Welt einen Augenblick an das Evangelium hätte ungläubig machen können: ein Blick in das Herz meiner Schwester hätte mich wieder gläubig gemacht. Denn ich fand in ihr, was keine Politik, keine Gelehrsamkeit, keine Taktik, keine Weltform geben kann - den Geist, den die Welt nicht geben kann; ich fand in ihr jenen Durst nach dem Ewigen, den nur die Ewigkeit stillen kann - und wirklich stillt!

Als Schullehrerin - war sie Mutter - der fremden Kinder, strafte sie mit dem Wort der Liebe, und lehrte sie mit der Wunderkraft der Geduld... Einige Minuten, ehe sie am 17. März1802 einschlief, bat sie noch für Schulkinder, die über die Schulzeit hätten zurückbleiben sollen: "Peinigt sie nicht so, lasst sie nach Hause gehen."

Jedem Wunsch, den sie, besonders in ihren kranken Tage, bei irgend einem Anlass äußerte, hängte sie das Schlusswort an: Wenn es Gottes heiliger Wille ist. Meine Therese möchte ich noch gerne sehen - wenn es Gottes heiliger Wille ist. Meinen lieben Sohn in Glött, und meine Annemarie in Steinheim möchte ich noch gerne sehen - wenn es Gottes heiliger Wille ist. Mit meinem Bruder in Landshut möchte ich gerne noch reden - wenn es Gottes heiliger Wille ist usw. Und das war kein Kompliment, das sie ihrer Andacht machte; so sprach das ganze Herz, so sprach das Gewissen selber aus ihr -

Liebe Kinder! Dieses Vergissmeinnicht pflanze ich hiermit auf die Asche eurer Mutter! Wässert es mit euren Tränen, erwärmt es mit eurer Liebe, befruchtet es mit eurem Gebet - erzieht es mit eurem Wohlverhalten... Werdet das Bild eurer frommen Mutter, und drückt - spät - eurem guten Vater das Auge zu!

(WW 12,463-466)